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Kieferorthopädie: Wenn der Rücken Zahnschmerzen bereitet

Ganzheitlich arbeitende Kieferorthopäden betrachten nicht nur das Gebiss, sondern auch Wirbelsäule, Beine, Füße. Zahnschmerzen, so glauben sie, haben ihre Ursache oft im Bewegungsapparat - und können viele andere Beschwerden auslösen.

Zahnschmerzen können ihre Ursache im Rücken haben, glauben ganzheitlich arbeitende Kieferorthopäden

Zahnschmerzen können ihre Ursache im Rücken haben, glauben ganzheitlich arbeitende Kieferorthopäden

Eine Fehlstellung der Zähne kann zu massiven Kopf- und Rückenschmerzen führen. "Kiefer und Wirbelsäule sind als Einheit zu sehen", erklärt Werner Becker, Präsident des Bundesverbands der naturheilkundlich tätigen Zahnärzte in Deutschland. So gehe ein so genannter Kreuzbiss, bei dem die unteren Frontzähne über die oberen beißen, oft mit einer Skoliose, einer seitlichen Verbiegung der Wirbelsäule, einher. "Da gibt es eindeutig eine Wechselwirkung", sagt der Professor. Daher betrachten ganzheitliche Kieferorthopäden nicht nur Zähne und Kiefer, sondern das gesamte Bewegungssystem.

Beinlänge und Fußstellung wirken auf die Zähne

Derzeit gibt es in Deutschland nach Schätzung Beckers etwa 250 bis 300 Kieferorthopäden, die ganzheitlich arbeiten. Sie haben die übliche Ausbildung zum Kieferorthopäden abgeschlossen und darüber hinaus an entsprechenden Fortbildungen teilgenommen. "Das Interesse von Seiten der Patienten an unserem Ansatz ist in letzter Zeit gestiegen und steigt immer weiter", sagt Becker. Ob und in welcher Höhe sich die gesetzlichen Krankenkassen an den Kosten für eine ganzheitliche Therapie beteiligen, ist unterschiedlich.

Dass Zahnstellung und Bewegungsapparat in einem Zusammenhang stehen, lässt sich nach Auffassung von Kieferorthopäden leicht nachvollziehen: "Stellen Sie sich ohne Schuhe locker aufrecht hin, öffnen Sie den Mund und schließen ihn langsam wieder. Beobachten Sie dabei, wo sich Ihre Zähne zuerst berühren", rät Elisabeth Heller, die in Rostock als ganzheitliche Kieferorthopädin arbeitet. "Danach legen Sie etwas unter einen Fuß, zum Beispiel ein dünnes Buch, stellen sich wieder locker hin und wiederholen die Übung. Bemerken Sie, dass jetzt andere Zähne zuerst in Kontakt kommen?"

Eine Änderung der Körperhaltung führe nämlich zu einer Änderung der Zahnstellung, erklärt Heller. Daher untersuche sie bei Zahn- und Kieferanomalien auch die Fußstellung, die Beinlängen, das Becken und die Halswirbelsäule. "Wenn sich ein Zusammenhang ergibt, gilt es herauszufinden, welches Problem das andere bedingt", sagt Heller.

Wachstum lenken statt Zähne ziehen

Auch schlechte Aussprache, Kopfschmerzen und sogar Tinnitus können durch Kieferprobleme mitausgelöst werden. So erklärt Brigitte Blum, Sprecherin der Initiative Kiefergesundheit, die Zusammenhänge: Bei einem tiefen Biss, beziehungsweise einem Steilstand der Oberkieferfrontzähne wird die Beweglichkeit des Unterkiefers eingeschränkt. "Es ergibt sich ein verstärkter Belastungsvektor Richtung Kiefergelenk, Gelenkkapsel, äußerem Gehörgang und Schädelbasis." Eine entsprechende Therapie könne daher auch bei Tinnitus, Nacken- und Schulterproblemen helfen.

Anders als schulmedizinisch orientierte Kieferorthopäden lehnen es ihre ganzheitlich arbeitenden Kollegen ab, zur Gebissregulation Zähne zu ziehen: Gesunde Weisheitszähne zu entfernen, um einen Engstand der Frontzähne zu verhindern, hält Becker für Quatsch. Ein Zahn solle nur dann gezogen werden, wenn er kaputt sei oder ein extremes Hindernis darstelle.

Außerdem pocht Becker auf die Einzigartigkeit jedes Gebisses: "Nicht jeder hat die gleichen Zähne", sagt er. Während die herkömmliche Kieferorthopädie von Normmaßen ausgehe, sähen ganzheitlich arbeitende Zahnärzte den Menschen als Individuum. "Wir versuchen, das Wachstum in die richtigen Bahnen zu lenken oder gehemmtes Wachstum anzuregen", sagt Becker. Nach Abschluss der Behandlung habe der Patient ein Gebiss, das der Norm der Schulmedizin ähnlich sei.

Alternativen zur fest sitzenden Spange

Die ganzheitliche Therapie sieht meist keine fest sitzenden Zahnspangen vor. Oft bekommen die Patienten stattdessen einen so genannten Bionator - eine lose im Mund liegende Apparatur. Das Gerät übt keinen Druck auf die Zähne aus, sondern soll durch eine Sogwirkung im Mund das Zahn- und Kieferknochenwachstum stimulieren. Normalerweise soll der Patient den Bionator mindestens 14 Stunden am Tag tragen und damit auch sprechen. Blum sagt: "Kinder müssen das Gerät also nachmittags und nachts tragen. Um damit sprechen zu können, müssen sie anfänglich erstmal üben."

Doch wie Heller erklärt, ist diese Art der Therapie nicht für jeden Patienten geeignet. "Es kommt da sehr auf die Motivation des Patienten an", sagt sie. "Er muss begreifen, dass der Behandler keine Werkstatt ist, sondern er sich selbst behandelt. Der Therapeut ist nur ein Begleiter." Ergänzend können weitere Therapien wie Krankengymnastik zur Verbesserung der Haltung oder Logopädie zur Verbesserung der Atmung und Aussprache nötig werden.

Manchmal empfehlen ganzheitlich arbeitende Kieferorthopäden auch beispielsweise eine Lymphdrainage, da sie davon ausgehen, dass es bei einer Fehlstellung der Zähne auch zu einem Lymphstau im Kopf- und Halsbereich kommen kann. Auch Alternativverfahren wie Magnetfeldtherapie und das umstrittene Bioresonanz-Verfahren werden manchmal angeboten.

Angela Stoll/AP/AP
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