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Medizin: Mit Kopfhörern gegen den großen Bohrer

12 Millionen Deutsche leiden unter Oralphobie: krankhafter Angst vorm Zahnarzt. Immer mehr Zahnärzte bieten ihren Patienten deshalb Hypnose oder Psychotherapie an.

In Albrecht Schmierers Zahnarztpraxis haben schon gestandene Männer aus Angst vor Spritze und Bohrer in der Ecke gekauert und geweint. 30 Jahre lang ging einer seiner Patienten aus lauter Furcht nicht mehr zur Zahnuntersuchung. Dass es so weit nicht kommen muss, will die Deutsche Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose (DGZH) auf einem Kongress in Berlin beweisen. Ein Anti-Angst-Training oder Hypnose sollen gegen Panikattacken in der Praxis helfen. Nach Aussage der Dentisten haben etwa 12 Millionen Menschen in Deutschland - jeder siebte Einwohner - krankhafte Angst vorm Zahnarzt.

Hypnose hilft 90 Prozent der Ängstlichen

Hypnose beim Zahnarzt? Was für Uneingeweihte abenteuerlich oder leicht okkult klingt, ist in Fachpraxen schon Realität. Seit 12 Jahren gibt es die DGZH. Von sieben Enthusiasten um den Stuttgarter Zahnarzt Albrecht Schmierer gegründet, hat der Verband heute rund 3000 Mitglieder. Allein in Berlin haben sich mehr als 30 Zahnärzte auf Angst-Patienten spezialisiert.

Eine Internet-Umfrage unter 300 Zahnärzten habe ergeben, dass 90 Prozent der betroffenen Patienten auf Hypnose ansprächen, sagt Schmierer. Panik vor einer Zahnbehandlung gilt in Fachkreisen sogar als Krankheit: Sie heißt Oralphobie.

Schöne Erinnerungen blenden fiese Geräusche aus

Mit Jahrmarkt-Klischees hat die Hypnose beim Zahnarzt nichts zu tun. Patienten konzentrieren sich im Gespräch mit Zahnärzten, Helferinnen oder via Kopfhörer auf eine schöne Erinnerung, erläutert Schmierer. Das solle sie von Gerüchen und Geräuschen in der Praxis und der bevorstehenden Behandlung ablenken.

Wie beim autogenen Training atmen viele Patienten ruhiger und schließen die Augen. Der Zahnarzt kann dann eine Spritze setzen und mit der Behandlung beginnen. Auch für Kinder gibt es Programme wie das "Zahndschungelmärchen". Die Zusatzausbildung in Hypnose für Zahnärzte oder Helfer dauert rund ein Jahr.

Faule Zähne aus Angst vorm Bohrer

Angst vorm Zahnarzt ist nichts Unnatürliches. Die Mundhöhle zähle zu den hochsensiblen Sinnes- und Wahrnehmungsorganen des Körpers, sagt Peter Macher, Zahnarzt und Psychotherapeut in Achern (Baden-Württemberg). Da lasse niemand gern Fremde ran.

Dauerhafte Angst vorm Zahnarztbesuch habe jedoch andere Ursachen. "Diese Menschen haben Furcht vor Schmerzen und Verletzungen oder sie haben früher traumatische Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht", sagt Macher. Er kennt viele Leidensgeschichten, die er auf dem Kongress schildern kann. "Über der Angst vorm Zahnarzt können Ehen auseinander brechen", sagt er.

Eine 75-jährige Patientin Machers war 40 Jahre lang nicht in Behandlung. "Erst schämen sich die Menschen, über ihre Angst zu reden", sagt Macher. "Und dann schämen sie sich, weil sie schlechte Zähne haben." Familie und Freunden fehlt bei faulenden Zähnen und Mundgeruch oft das Verständnis.

Auch Psychotherapie kann helfen

Macher sieht die Angst vorm Zahnarztbesuch auf einer Ebene mit Phänomenen wie Flugangst. "Die war auch lange tabuisiert, bis es schließlich Kurse dagegen gab", sagt er. Er bietet seinen Patienten als Psychotherapeut ein Anti-Angst-Training an. In zwei bis drei Monaten werde die Ursache der Angst ergründet und tiefenpsychologisch behandelt, berichtet er. Danach seien viele Patienten ihre Furcht los. Die Behandlung kostet 500 bis 700 Euro.

Hypnose schlägt nach Angaben Albrecht Schmierers mit 25 bis 250 Euro pro Zahnarztbesuch zu Buche. Krankenkassen übernehmen die Kosten im Allgemeinen nicht.

Ulrike von Leszczynski, dpa/DPA