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Zwei-Klassen-Medizin: Kassenpatienten müssen länger warten

Wochenlang auf einen Termin beim Arzt warten müssen, trotz akuter Beschwerden - viele kennen das aus leidvoller Erfahrung. Eine Studie belegt nun, was viele Ärzte leugnen: dass Kassenpatienten länger warten müssen als privat Versicherte.

Kassenpatienten müssen auf einen dringenden Arztbesuch deutlich länger warten als Privatversicherte. Was viele Betroffene ahnten oder aus eigener Erfahrung wussten, bestätigte nun eine neue Studie des Wissenschaftsinstituts der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sah darin ihre kritische Einschätzung des Sachverhalts bestätigt.

Bereits im vergangenen Jahr habe sie auf die langen Wartezeiten von Kassenpatienten aufmerksam gemacht und sei dafür noch beschimpft worden, sagte ihr Sprecher Klaus Vater in Berlin. Die Gesundheitsreform werde - nicht zuletzt durch die neue Honorarordnung für Ärzte - "den Reiz reduzieren, Kassenpatienten warten zu lassen".

Termin erst nach zwei Wochen - bei akuten Beschwerden

Selbst bei akuten Beschwerden musste laut der AOK-Studie jeder vierte gesetzlich Versicherte (25,3 Prozent) mindestens zwei Wochen auf einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt warten. Bei Privatversicherten traf dies nur für 7,8 Prozent der Patienten zu.

Privatpatienten bekamen zudem auch viel leichter umgehend einen Termin - vor allem bei Orthopäden. Die Benachteiligung mit längeren Wartezeiten bei dringender ärztlicher Versorgung bekämen insgesamt vor allem ältere gesetzlich Versicherte zu spüren.

Beschwerde bei der Kasse

Das Bundesgesundheitsministerium ermunterte Kassenpatienten, die sich bei der Behandlung hintan gestellt sehen, sich bei ihrer Krankenkasse zu beschweren. Viele Kassen seien nicht mehr gewillt, den "Geduldsproben" für ihre Versicherten weiter tatenlos zuzuschauen, sagte Ministeriumssprecher Vater. Die Kasse setze sich dann mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Verbindung. "Bei erwiesenem vertragswidrigen Verhalten müssen das Ruhen der Zulassung oder Geldstrafen bis 10.000 Euro in Kauf genommen werden."

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel (SPD), kritisierte in der "Bild-Zeitung" die Ungleichbehandlung als "nicht akzeptabel". Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, sagte dem Blatt: "In der Regel bekommen Kassenpatienten bei akuten Beschwerden schnell einen Termin." Er räumte aber ein, dass es im Einzelfall "Service-Unterschiede" geben könne.

Nach der Studie bekam nur knapp ein Viertel (23,4 Prozent) der gesetzlich Versicherten (GKV) sofort einen Termin zur akuten Versorgung. Bei Privatversicherten lag die Quote höher (31,6 Prozent). Ein Drittel der GKV-Patienten (33,5 Prozent) empfand die Wartefrist auf den jüngsten Arzttermin als zu lang. Bei den Privatpatienten war die Unzufriedenheit deutlich geringer (14,7 Prozent).

DPA / DPA
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