"Eine schrecklich nette Familie"
Kultserie, Guilty Pleasure - absolutes No-Go?

Die "schrecklich nette Familie" um Al Bundy (Mitte) gemeinsam mit ihren nervigen Nachbarn Marcy (l.) und Jefferson.
Die "schrecklich nette Familie" um Al Bundy (Mitte) gemeinsam mit ihren nervigen Nachbarn Marcy (l.) und Jefferson.
© imago/Allstar
Christina Applegate spricht mit deutlichen Worten über ihre Zeit bei "Eine schrecklich nette Familie". Wie problematisch ist die Sitcom?

Wenn in geselliger Runde über alte Filme und Serien philosophiert wird, die in dieser Form heutzutage nicht mehr gedreht werden könnten, fällt ein Name mit 100-prozentiger Sicherheit: Al Bundy - Schuhverkäufer, Dodge-Liebhaber, "Vier Touchdowns in einem Spiel"-Held. Von 1987 bis 1997, in elf Staffeln und insgesamt 259 Episoden, durfte Ed O'Neill (79) mit diebischer Freude das Ekel in "Eine schrecklich nette Familie" spielen. Ein Familienvater, der lieber in der Nacktbar als bei seinen Kindern sitzt, nicht selten mit der Einleitung "Kommt ne' fette Frau in meinen Schuhladen" von seinem Joballtag erzählt und stolzes Gründungsmitglied der (rein männlichen) Organisation "No Ma'am" ist.

Bis ins Jahr 2026 hat es nicht gedauert, ehe erstmals einer der Stars der Sitcom deren problematischen Inhalt und Umgang mit Frauen ansprach. So befand Katey Sagal (72), die Familienmutter Peggy Bundy verkörperte, bereits 2017, dass "Eine schrecklich nette Familie" eine "sehr misogyne" Serie sei, die Frauen "komplett ausbeutet".

"Vulgär und anzüglich"

Die Offenheit, mit der Christina Applegate (54) nun in ihrem neuen Buch "You With the Sad Eyes" über ihre Zeit als Kelly Bundy diesbezüglich nachlegt, überrascht dennoch. So litt sie demnach schon vor der Rolle an Magersucht und einer körperdysmorphen Störung - der Part habe diese Probleme jedoch noch bestärkt. Am Set habe sie immer Kleidung tragen müssen, "bei der man sehen konnte, wenn man auch nur eine einzige Traube gegessen hatte". Dies habe dazu geführt, dass Applegate sich in ihre "Essstörung noch tiefer hineingesteigert" hat.

Ihr Fazit fällt dementsprechend vernichtend aus: Sie "schäme" sich für die "vulgäre und anzügliche" Serie, denn "es ist schon schwer genug für junge Frauen, in einer Welt zu bestehen, in der es nur um das Äußere geht".

Was natürlich auffällt: Während Applegate und Sagal sich kritisch geäußert haben, verzichteten O'Neill und David Faustino (52), der den ewig notgeilen Teenager Bud Bundy verkörperte, bislang auf eine derartige Einordnung. In gewisser Weise bekräftigt deren Schweigen die Vorwürfe ihrer beiden weiblichen Co-Stars.

Eine beachtliche Sitcom-Wandlung legte O'Neill bekanntlich aber hin: In der ebenfalls elf Staffeln umfassenden Serie "Modern Family" verkörperte er in Person von Jay Pritchett zwar einen ebenfalls grummeligen, aber ungleich liebenswerteren und respektvolleren Familienpatriarchen.

Die verschobene Debatte

Was im Rückblick beinahe untergeht: Auch zur Zeit der Ausstrahlung war "Eine schrecklich nette Familie" kontrovers diskutiert worden. 1989 startete die Aktivistin Terry Rakolta etwa einen medienwirksamen Aufruf zum Boykott der Serie und der darin gezeigten Anzüglichkeiten. Die Aktion hatte allerdings einen gegenteiligen Effekt - danach stiegen die Quoten sogar, ebenso wuchs die bis heute nicht widerlegte Gewissheit: Sex sells.

Es stimmt schon, eine Sitcom wie "Eine schrecklich nette Familie" wäre heutzutage schwer vorstellbar. Was die Serie jedoch bis heute herausstechen lässt: Wo andere Sitcoms gerne auf heile Welt machen, zeigt "Married with Children", wie die Serie im Original heißt, eine zutiefst dysfunktionale Familie, die sich stets im Kleinkrieg mit ihren Mitmenschen und erst recht mit sich selbst befindet. In dieser Hinsicht könnte man ihr glatt eine schräge Form der Gleichberechtigung unterstellen: unabhängig von Hautfarbe, Sexualität oder Geschlecht ist darin einfach jeder ein Loser.

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