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Neues Buch "Der Schock" Alice Schwarzer erklärt uns die Silvesternacht von Köln

Alice Schwarzer gestikuliert. Ihr neues Buch über die Silvesternacht von Köln polarisiert
Alice Schwarzer ist sich sicher: Gegenüber dem politisierten Islam herrsche eine falsche Toleranz.
© Henning Kaiser/dpa
Alice Schwarzer nimmt sich die Islamisten vor. Genauer gesagt die "Scharia-Muslime". Sie seien schuld an den massenhaften sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht, schreibt Schwarzer. Ihr neues Buch "Der Schock" polarisiert.

Seit gut einer Woche ist das Buch auf dem Markt - und vermutlich wird "Der Schock - Die Silvesternacht von Köln" die Republik noch eine Weile polarisieren. Der von Alice Schwarzer herausgegebene Sammelband versucht zu erklären, warum in der vergangenen Silvesternacht in der Domstadt massenhaft Männer Jagd auf Frauen machten, ihre Opfer begrabschten, beklauten und vergewaltigten. Schwarzers Sammelband erscheint in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland aufgeheizt ist, in einer Zeit, in der die Chefin der rechtspopulistischen AfD, Frauke Petry, ein Gespräch mit dem Zentralrat der Muslime über die "offensichtlichen Wertedifferenzen zwischen dem Islam und abendländisch-christlicher Welt" plant.

Alice Schwarzer sieht "fanatisierte Anhänger des Scharia-Islam" als die Schuldigen

Mit ihren Thesen provoziert Schwarzer umgehend Kritik und Protest. Die Täter seien "fanatisierte Anhänger des Scharia-Islam" gewesen, schreibt Deutschlands wohl bekannteste Feministin. Und: "An diesem Abend setzen sie eine für sie ganz einfache Waffe ein: die sexuelle Gewalt". Schwarzer sieht die Geschehnisse als Katastrophe an und vergleicht diese mit der Gewalt auf dem Tahrir-Platz in Kairo, wo während der arabischen Hunderte von Frauen sexuell belästigt wurden.

Der deutsche Staat sei gedemütigt worden, kritisiert die 73-Jährige und spart nicht mit Vorwürfen. Vor allem Grüne und Protestanten hätten lange eine übertriebene Political Correctness befeuert. Falsche Toleranz und versäumte Integration seien zur Hypothek geworden. Und Schwarzer attackiert die Islam-Verbände.

Nein, "der Muslim von nebenan" war es nicht

Die "Emma"-Herausgeberin sagt der dpa zu den Angreifern: "Das waren nicht irgendwelche Muslime. Der Muslim von nebenan überfällt ja nicht automatisch Frauen. Es war die Art von Männern, für die die Scharia über dem Gesetz steht und die Frau unter dem Mann." Und man müsse den islamischen "Agitateuren" endlich etwas entgegensetzen.

In den großen Islamverbänden sieht sie "rückwärtsgewandte" Kräfte tonangebend. Im Buch heißt es: "Die meisten dieser Muslimverbände haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Zeit damit verbracht, die Scharia in unser Rechtssystem zu infiltrieren."

Betrunken und gewalttätig

Schwarzer schallt Widerspruch entgegen. "Diese Männer haben nicht so gehandelt, weil sie fanatische Muslime sind, sie waren größtenteils betrunken", sagt Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds. "Sie haben so gehandelt, weil sie aus einer patriarchalischen Gesellschaft kommen und mit dem modernen Leben in einem fremden Land (...) komplett überfordert sind."

Der Begriff "Scharia-Islam" - Scharia meint das islamische Recht - zeige schon, dass es Schwarzer nicht um Sachauseinandersetzung, sondern um Zuspitzung gehe. Sie mache "dasselbe wie viele islamfeindliche Hetzer", wenn sie nur ein Merkmal herausgreife und dieses zur zentralen Erklärung erhebe.

Das Cover des Buchs "Der Schock - die Silvesternacht von Köln" von Alice Schwarzer
"Der Schock - die Silvesternacht von Köln" von Alice Schwarzer ist im Kölner Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen.
© Martin Gerten/dpa

Zwar hätten konservative Verbände "überproportional viel Einfluss" und "zu viel Gehör in der Politik". Aber dass sie der Scharia Eingang ins Rechtssystem verschaffen wollten, sei "Unsinn", meint Islamwissenschaftlerin Kaddor. Zudem: "Überall wächst Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit, doch wir Deutschen betreiben angeblich eine falsche Toleranz? Das ist absurd."

Vergleich mit "Horror-Fiction"

Die türkisch-islamische Dachorganisation Ditib weist Schwarzers Thesen dagegen als "Diffamierungen" zurück. Man sei beim "belletristischen Genre Horror-Fiction" angekommen, findet Murat Kayman, Koordinator der Ditib-Landesverbände. "Frau Schwarzer verliert sich in einem wahnhaften Horrorszenario, in welchem sie den muslimischen Verbänden eine seit den 80er Jahren geradezu planmäßig betriebene muslimische Weltverschwörung andichten will." Kayman kontert: "Es ist traurig, mitanzusehen, wie eine Ikone der Frauenrechtsbewegung ihre eindrucksvolle Lebensleistung nun mit solchen maliziösen Unterstellungen (...) diskreditiert."

In den Medien sorgen die Thesen Schwarzers für Wirbel. So berichtet die "Taz" über jüngere Feministinnen, die der 73-Jährigen indirekt Rassismus unterstellen. Die Überschrift eines Beitrags im Politikmagazin "Cicero" lautet: "So hilft Alice Schwarzer den Islamfeinden der AfD." Die Publizistin wird mal für "Unschärfen" kritisiert, mal für Klartext und "Tacheles" gelobt. In einer Besprechung des "NDR" heißt es dagegen, der Band sei lesenswert "für diejenigen, die mit etwas Abstand noch einmal wissen wollen, was dort vor sich ging, und für die politische Debatte um den Einfluss der radikalen Islamisten in Deutschland."

Der Band enthält auch Beiträge namhafter Autoren wie dem algerischen Journalisten Kamel Daoud und der türkischstämmigen Soziologin Necla Kelek. Schwarzer, die schon länger vor den Gefahren des politischen Islams warnt, appelliert zugleich, der "Mehrheit der aufgeschlossenen und aufgeklärten MuslimInnen" mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Auf Anfrage ergänzt sie: "Wir haben die Dinge treiben lassen. Statt der Mehrheit der friedlichen Musliminnen und Muslime beizustehen, die als erste von den radikalen Islamisten bedrängt und erpresst werden."

Schutzzone um den Dom in der nächsten Silvesternacht

Köln hat sich längst noch nicht von dem Schock erholt. Am Samstag hieß es in der "Kölnischen Rundschau", die Stadt erwäge, beim kommenden Jahreswechsel eine Schutzzone um das Gotteshaus zu ziehen. Die Stadt schließe auch eine Absperrung der Kathedrale mit Zäunen nicht aus.   "Wir wissen, dass dann die ganze Welt schaut, ob wir unsere Lektion gelernt haben", sagte Stadtdirektor Guido Kahlen der Zeitung.

anb DPA

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