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Arno Schmidt zum 100. Geburtstag: Sprache, konzentriert wie Suppenwürfel

Er wuchs in Hamburg auf, erlebte den zweiten Weltkrieg als Gefreiter und tauchte dann in der Lüneburger Heide unter - um zu schreiben. Die Werke Arno Schmidts finden noch heute glühende Verehrer.

Vor ein paar Wochen war es Henri Nannen, heute wäre ein weiterer Mann der bundesrepublikanischen Kultur 100 Jahre alt geworden: Arno Schmidt. Der Schriftsteller, geboren am 18. Januar 1914 im Hamburger Arbeiterstadtteil Hamm, wurde der Öffentlichkeit so richtig erst um 1970 bekannt, als Sonderling, der ein nahezu zehn Kilo schweres Buch verfasst hatte, "Zettel's Traum". Die 1300 DIN-A-3-Seiten schildern gerade mal einen Tag in der Lüneburger Heide, der Text ist meist auf drei Spalten verteilt: Gespräche (mitsamt der spärlichen Handlung), Natur, Literaturzitate.

Der Umfang täuscht, Schmidts Sprache ist nie ausschweifend oder selbstverliebt wie bei Thomas Mann oder Günter Grass, im Gegenteil: konzentriert wie ein Suppenwürfel. Nicht leicht zu konsumieren also. Macht aber Spaß: Seine Stärke liegt "in der Beobachtung. Und in Witzen", sagt er selbst. Wer ohne Eile und mit Verstand Schmidts Extrakte in sich aufgehen lässt, wird mit den eindrücklichsten und schönsten Szenen der deutschen Nachkriegsliteratur belohnt: etwa in den Romanen und Erzählungen "Kühe in Halbtrauer", "Brand's Haide", "Die Gelehrtenrepublik" und "Kaff". Alle sonstigen Berichte vom Dasein in der Hitler- und in der Adenauer-Zeit verblassen vor dem Kurzroman "Aus dem Leben eines Fauns" und dem Buch "Das steinerne Herz", einem "historischen Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi" (Untertitel), den der Verlag erst nach vielen Eingriffen herauszubringen wagte - Schmidt war schon einmal wegen Gotteslästerung und Pornografie angeklagt worden.

Aufputschmittel und Fusel

Anstoß erregen, Freizügigkeit, geraffte Sprache - ganz fern vom Tun Arno Schmidts war Henri Nannen mit seinem stern nicht. Selbst ihre Herkunft ist ähnlich: Beide stammen aus Norddeutschland, die Väter waren Polizeibeamte. Ansonsten könnte das Leben der beiden Gleichaltrigen unterschiedlicher nicht sein: im Krieg der eine Leutnant einer Propagandaeinheit, während der andere bemüht war, in Hitlers Armee bloß nicht befördert zu werden, und bis zum Schluss Gefreiter blieb. Der eine ein Medienmacher und Medienstar, umringt von Redakteuren, Politikern, Showprominenz, der andere vergraben zwischen Büchern in einem abgelegenen Heidedorf. Der eine verlebt einen geruhsamen Lebensabend und wird weit über 80, der andere schafft es nur bis 65. Denn weil Schmidt fast bis zum Schluss arm blieb, sich eine Krankenversicherung nie leisten konnte und Medizin hauptsächlich in Form von Aufputschmitteln und Fusel zu sich nahm, schuftete er sich schnell zu Tode. Er hatte keine Pause machen wollen, um die in Nazizeit und Krieg verlorenen Jahre aufzuholen. Nach mehreren Herzinfarkten starb er 1979.

Wer in ferner Zukunft nach diesem seltsamen Gebilde BRD fragt, der westlichen Hälfte von Nachkriegsdeutschland, wird sich wohl deshalb dafür interessieren, weil ihn die Werke Arno Schmidts begeistern. "Die 'Wirkliche Welt''?: ist, in Wahrheit, nur die Karikatur unsrer Großn Romane!" ("Die Schule der Atheisten")

sebi