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AUS DEM STERN: Pass bloß auf Harry!

Der irische Kinderbuch-Autor Eoin Colfer hat das große Los gezogen: Sein Held Artemis Fowl ist böse, hinterlistig und klaut. Und er soll Harry Potter Beine machen.

Würden Sie das Kinderbuch eines Autors kaufen, der als Lieblingsfilm »Das Schweigen der Lämmer« angibt? Der sein Buch als »so eine Art «Die Hard» für Kinder ab zwölf« einstuft und in Interviews lieber über Computer und das Internet reden würde als über sein Buch? Würden Sie kaufen, für knapp über 35 Mark? Nein?

Dann schlagen wir diesen Schreiber vor:

Er ist Lehrer und kümmerte sich seit langer Zeit um die lernbehinderten Kinder an seiner Schule. Daher weiß er auch, dass Jungen nicht gerne lesen, und »gerade für diese faulen Burschen habe ich mein Buch geschrieben«. Er ist verheiratet mit seiner Jugendliebe Jackie, hat einen Sohn namens Finn, der gerade vier geworden ist. Würden Sie sein Buch kaufen? Schon eher?

Die beiden Autoren sind ein und dieselbe Person:

Eoin Colfer heißt der Mann, er ist 36 Jahre alt und wohnt in Wexford, einem Städtchen im Süden Irlands, zwischen Burgen, Wiesen und Schafen. Colfer hat ein Buch geschrieben, es heißt nach seinem Helden »Artemis Fowl« und erscheint am 6. August in Deutschland. Er hat für sein 240 Seiten starkes Buch ein geradezu unanständiges Honorar kassiert: drei Millionen Mark ? für ein Kinderbuch! Wie kann so etwas passieren? Es gibt nur eine Antwort, und die kennen mittlerweile 100 Millionen Leser weltweit: Harry Potter.

Seit der Zauberlehrling aus der Feder der Engländerin Joanne Rowling alte und junge Leser des Planeten Erde in der mittlerweile vierten Fortsetzung verhext, sind Verleger aller Kontinente auf der Suche nach dem nächstenDukatenesel.

Doris Janhsen, Leiterin von List, jenem Verlag, der sich die deutschen Rechte sicherte, berichtet vom hektische Bieten auf der Frankfurter Buchmesse 2000, als die internationalen Rechte an »Artemis Fowl« auf Rolltreppen, an Ständen, zwischen sämtlichen Türen und Angeln feilgeboten wurden: »Erst kaufte Spanien für 50000 Dollar; eine wahnsinnige Summe für dieses Land. Es folgten Italien, Holland, Frankreich. Dann die USA. Im Halbstunden-Rhythmus.« Die englischen Agenten waren nach einigen Tagen so erschöpft, dass sie die Auktion für Gastgeber Deutschland verschoben. Und so hing Frau Janhsen ein paar Tage später an einer Telefonleitung nach London, zeitgleich mit ihr noch jede Menge anderer deutscher Verlage. List bekam den Zuschlag, so Janhsen, »für eine sechsstellige Summe und das beste Marketingkonzept«.

Und nun gibt es wieder zwei Versionen über denselben Autor und dasselbe Buch.

Die eine brachte die »Irish Times« ins Rollen: Während amerikanische Blätter ihre Geschichten über »Artemis Fowl« noch mit »Pass bloß auf, Harry Potter!« überschrieben, titelte die »Irish Times« »Fowl play«. Das Blatt verriss Colfers Roman und schrieb, »Artemis Fowl« könne sich nie, nie, nie mit Harry Potter messen. Am Tag, als dieser Artikel erschien, kaufte sich Eoin Colfer zum ersten Mal Harry Potter, den ersten Band, »um sich mal auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen«.

Zu spät, ein großer Brocken war ins Rollen gekommen, in keinem Feuilleton wurde Artemis ohne Harry Potter genannt.

Die erste deutsche Rezension erschien im »Spiegel« und urteilte das Buch ab als »Fantasy-Verhau« eines »unbekannten Kinderbuchautors«. Eoin Colfer und sein Artemis - kleine, clevere, irische Wellenreiter? Fiese Abkassierer? Das wäre eine einfache Geschichte mit einem einfachen Ende.

Sie stimmt nicht:

Eoin Colfer ist kein unbekannter Autor. Und schon gar nicht in Irland. »Artemis Fowl« ist sein siebtes Buch. Sein sechstes, »The Wish List« (»Der Wunschzettel«) warf bei seinem Erscheinen mal eben Harry Potter von Platz eins der irischen Bestsellerliste. »Und wissen Sie«, fragt Colfer milde triumphierend, »was ich für dieses Buch bekommen habe?« Es waren 2000 Pfund, 6000 Mark, für Monate des Schreibens, immer zwischen drei und vier Uhr nachmittags, »nach der Schule und bevor der Kleine aus dem Kindergarten kam«. Colfer hat seinen durchschnittlichen Stundenlohn für das Schreiben all seiner Bücher vor »Artemis Fowl« mal ausgerechnet - und kam auf etwa drei Mark: »Ein Job bei McDonald?s hätte mehr gebracht.«

»page«

Wenn er solche Geschichten erzählt, lacht Colfer nicht etwa laut.

Er ist eher so ein Naturlächler, mit sehr friedlichen Augen unter schwarzgrauen Haaren. Und das derzeitige Durcheinander in seinem Leben macht ihm keine Angst: »Wissen Sie, ich bin hier verwurzelt. Meine ganze Familie wohnt hier, und wir werden natürlich auch bleiben. Die Leute hier kennen mich vor allem als den Sohn meines Vaters. Der ist hier im Ort die große Nummer, hat den historischen Park mit angelegt und so endlich Touristen herbekommen. Nur in Wexford bin ich sicher: Ich kann noch so viel verdienen, für die Leute werde ich immer der kleine Sohn des großen Billy Colfer sein.« Und das Bild vom neureichen Jungautoren zerbricht spätestens dann, wenn Colfer erzählt, wie er eigentlich dazu kam, das Artemis-Manuskript nicht an seinen irischen Verleger, sondern an eine britische Agentin zu schicken: »Ich habe mit meinen Brüdern in der Kneipe bei zwei, drei Guinness gestanden. «The Wish List» war auf Platz eins der Bestsellerliste, und ich hatte nicht viel Geld dafür bekommen. Meine Brüder haben gesagt: «Eoin, du musst was machen.» Also habe ich mir ein Handbuch für Autoren gekauft, die Liste der Kinderbuchagenten gesucht und das Manuskript an die ersten fünf geschickt. Gleich die Erste hat es genommen, denen gefiel das Buch einfach.«

»Artemis Fowl«, das Buch, über das so viele Leute reden, ohne es zu kennen, wie ist es denn nun?

Und worum geht es? Artemis Fowl ist der zwölfjährige Spross einer uralten Verbrecherfamilie, die sich über die Jahrhunderte sehr reich geklaut hatte. Leider hat der Papa einen Großteil des Vermögens an die russische Mafia verloren und ist daraufhin verschwunden. Die Mama liegt krank im abgedunkelten Zimmer.

Zum Glück aber hat der Junge wenigstens die kriminelle Energie geerbt, ist ausreichend gemein und kennt sich im Internet genauso gut aus wie in der uralten Feenwelt Irlands.

Und so entwickelt er einen prima Plan, um das Familienkonto wieder in die schwarzen Zahlen zu treiben: Den Goldschatz der Feen, Elfen, Trolle will er heben. Der liegt, wie jeder weiß, in der Unterwelt, wohin sich die magischen Wesen geflüchtet haben, als es ihnen mit den Menschen oben zu viel wurde. Die Unterwelt erfährt natürlich vom Plan des Jungen und startet eine Gegenoffensive, an der Spitze ein echtes Elfen-Girlie, Holly Short, die positive Heldin des Buches. »Ich hatte einfach keine Lust, nur süße, kleine Elfen und kleine Zwerge mit weißen Bärten zu beschreiben«, sagt Colfer, »diese keltische Folklore kriegen wir hier schon die ganze Zeit in der Schule um die Ohren gehauen. Irische Kinder langweilen solche Geschichten.«

Eben deshalb hat Colfer seine Geschöpfe mit High-Tech-Spielzeug ausgestattet:

Zeitstillstand-Maschinen, Ganzkörperschutzanzüge mit spezieller Zwergenbeschichtung zum Beispiel. Die Zauberer speisen ihre magische Kraft in Lithium-Batterien ein - »ich sage Ihnen, gerade die Jungen lieben solche Sachen«. Herausgekommen ist bei Colfers Anstrengungen ein echter Page-Turner, schnell geschrieben, mit jeder Menge Schlachten und schönen Einfällen. Ein gutes Buch für zwölfjährige und ältere Kinder. Basta.

Was machen Sie mit dem Geld, Mr. Colfer?

»Na ja, ich habe es einem Freund gegeben, der verwaltet es und sagt, es reicht für mindestens fünf Jahre. Also habe ich mich beurlauben lassen, jetzt darf ich zu Hause sitzen und nur schreiben. Das ist sehr schön.« Ist Ihr Buch besser als Harry Potter? »Nein. Es ist ganz anders.«Möchten Sie Joanne Rowling mal treffen? »Sie lebt ja jetzt in Amerika, und ich bin nicht so gerne so weit von meiner Familie weg. Aber klar: Wir sollten uns echt mal treffen, bestimmt hat sie jetzt schon von dem kleinen Iren gehört.« Was würden Sie zusammen machen? »Na, wir würden ein Guinness trinken.«Dann erstmals Sorgenfalten auf der Stirn des Mannes, der so konstant freundlich schaut: »Das mit dem Guinness ist nicht so gut. Immerhin ist sie Engländerin. Sie mag bestimmt kein irisches Bier.«