Cornelia Funke Das Märchen geht weiter


Nach dem Welterfolg ihrer Kinder- und Jugendbücher setzt die deutsche Autorin Cornelia Funke ihre traumhafte Karriere in Hollywood fort, wo gerade der erste Teil der "Tintenherz"-Trilogie verfilmt wird.
Von Christine Kruttschnitt

Nein, die Geschichte musste ein gutes Ende nehmen. Das gehörte sich einfach so! Geschichten mit einem traurigen Ende hatte sie noch nie gemocht. (Aus: "Tintenherz")

Am Anfang fühlte es sich an, als hätte ihr jemand den Arm abgeschlagen. Plötzlich wieder allein, nach 26 Jahren. Niemand mehr da, der ihr ungefragt und genau im richtigen Moment heißen Tee ins Schreibhäuschen bringt. Niemand mehr da, den sie bitten kann: Nimm mich in den Arm, verdammter Stresstag heute. Cornelia Funke lümmelt auf ihrer tiefen Couch wie ein Kind, die Beine über die Lehne in die Luft gestreckt, und muss über den Tod nachdenken. Weil sie danach gefragt wurde. Und weil heute ohnehin wieder so ein Tag ist, an dem ihr dauernd der Gedanke durch den Kopf schießt: Mensch, das müsste Rolf jetzt sehen! Oder: Was würde mein Mann dazu sagen? "Das wird auch immer so bleiben", überlegt sie. "So eine gute Ehe gibt's nicht oft."

Im März vergangenen Jahres starb der Mann der Bestsellerautorin in einem kalifornischen Krankenhaus; nur vier Wochen nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert worden war. Die Funkes - Cornelia, Rolf und die heute 17- und 12-jährigen Kinder Anna und Ben - waren kaum ein Jahr zuvor nach Los Angeles gezogen: Auftakt zum zweiten Teil einer märchenhaft anmutenden Karriere, lang gehegter Wunschtraum einer glücklichen Familie. Das Jahr, das auf diese Katastrophe folgte, "war das schlimmste und schönste meines Lebens", sagt die 48-Jährige und horcht dieser seltsamen Erkenntnis ein wenig hinterher. Es ist ein heißer Februartag in Los Angeles, im Garten vor ihrem Schreibhäuschen brummen blauschwarze Hummeln, aus grünem Geäst lachen Zitronen, dick wie Männerfäuste. Die Luft ist süß von Jasmin. "Die schlimmen Tage werden weniger", sagt Cornelia Funke. "Du merkst schon die Heilung." Seufzen. Dann ein kleines Lachen. "Es hilft ja nichts."

Verehrt wie Madonna

Als Cornelia Funke, die mehr als 40 Kinder- und Fantasy-Bücher geschrieben hat und in Deutschland von ihren zumeist jungen Lesern verehrt wird wie Madonna, vor zwei Jahren ihr Hamburger Vorstadt-Idyll verließ, war sie trotz Millionenauflage in 26 Sprachen nicht vorbereitet auf das, was sie in Hollywood erwartete. Auf das atemlose Glück, das ihr das Filmgeschäft bescherte. So wenig wie auf das Unglück, das ihr das Herz zerriss. Und schon wenige Tage, nachdem ihr Mann in ihrem Beisein gestorben war, drängten sanft die neuen Freunde und Geschäftspartner aus der Filmwelt: Cornelia, wir müssen über deinen Hauptdarsteller reden. Cornelia, du musst nach London fliegen und den Regisseur treffen. Cornelia, du musst entscheiden. Schreiben. Funktionieren. Weiterleben.

Die Produktionsfirma New Line Cinema, die seit ihrem Milliardenerfolg "Der Herr der Ringe" als das größte kleine Studio von Hollywood gilt, hatte beschlossen, Cornelia Funkes Roman "Tintenherz" fürs Kino zu verfilmen. Die fantasievolle Geschichte eines Buchbinders mit magischen Vorlesefähigkeiten war auch in Amerika ein Bestseller: Der Film soll in "Harry Potter"-Manier ein alterslos junges Massenpublikum ansprechen. Mehr als 60 Millionen Dollar Budget wurden veranschlagt. Die Autorin, von einer der mächtigsten Künstleragenturen der Stadt vertreten und als "deutsche J. K. Rowling" gehandelt, hat als "kreative Produzentin" größtmögliches Mitspracherecht. "Ich habe einen super Vertrag", sagt sie vergnügt.

Cornelia Funke wirkt wie ein Power-Player

Sie ist eine große Blondine mit langen Beinen und jener Art Dekolleté, für die Abendroben erfunden wurden; komisch, in Deutschland galt sie immer nur als Kinderbuchschreiberin - sympathisch und bodenständig und nett und mit Pferd und Hund. Hier, unter der Sonne Kaliforniens und im Abglanz der schönsten Menschen der Welt, wirkt Cornelia Funke plötzlich wie der Power-Player, der sie ja ist. Nett, klar. Aber auch wie jemand, der es gewöhnt ist, Entscheidungen zu treffen. Nicht nur darüber, was es zum Abendbrot gibt. Sondern auch, ob ein Schauspieler wie Paul Bettany 500.000 Dollar extra wert ist. Die Autorin wollte ihn partout als "Staubfinger" in der "Tintenherz"-Verfilmung haben, und als das Studio zögerte, streckte sie den Betrag von ihrer Produzentenbeteiligung vor. "Da habe ich mich", sagt sie immer noch ein bisschen aufgeregt, "zum ersten Mal wie ein richtiger 'Producer' gefühlt!"

Drei Mitarbeiter der William-Morris-Agentur verkaufen ihre Stoffe an Filmstudios. Anwälte zwirbeln ihre Verträge. Steuerberater erledigen ihre Finanzgeschäfte. Eine Assistentin, die mittlerweile eine gute Freundin ist, sortiert den Alltag vor: Treffen mit Verlegern oder Filmleuten, Interviews, Diskussionen wegen Umschlagentwürfen, Hörbuch-Editionen, Bühnenfassungen ihrer Bücher. Im Oktober erscheint der dritte Teil der "Tintenherz"-Trilogie, "Tintentod" genannt in Deutschland, Cornelia muss auf Lesereise, mehrere Hallen mit rund tausend Plätzen sind schon gebucht. Im Sommer will sie mit einem befreundeten Hollywood-Produzenten ein Drehbuch schreiben, schon das zweite; und vorher auch den Ritterroman beginnen, für den sie gerade recherchiert.

Beeindruckendes Pensum. Sie zuckt die Schultern. Der Erfolg, sagt sie, kam nicht über Nacht. Sie hat immer hart gearbeitet, war immer besessen vom Schreiben. Dass sie in Hollywood verhältnismäßig schnell gezündet hat - für jedes ihrer ins Englische übersetzten Bücher interessieren sich Filmstudios -, ist nicht überraschend: Erstens passiert hier alles schneller, das Auf wie das Ab. Zweitens sind Fantasy-Stoffe, obschon der Effekte wegen teuer in der Herstellung, ideale Kinoware: für alle Altersgruppen geeignet und problemlos ins Ausland zu verkaufen.

In Italien, wo "Tintenherz" von November bis Anfang dieses Jahres gedreht wurde, ist Cornelia Funke schon jetzt ein Superstar. "In ganz Norditalien", erzählt sie stolz, "ist mein Buch ausverkauft!" Als sie im ligurischen Bergdorf Balestrino den Set besuchte, musste sie mehr Autogramme geben als die Schauspieler. Helen Mirren zum Beispiel, die mit kapriziösem Hütchen die Tante der kleinen Heldin spielt. "Man muss wohl Kinder haben, um Cornelia zu kennen", sprach die Britin damals verwundert.

Brendan Fraser hingegen war bestens vertraut mit der Tintenwelt. Ihm hat Cornelia den mittleren Band der Trilogie schließlich gewidmet. Seit sie ihn in dem Kinodrama "Gods and Monsters" gesehen hat, stand fest: Das war ihr "Mo", ihr Held, der Vater ihrer Heldin Meggie, der Romanfiguren zum Leben erwecken kann. "Ich war geschmeichelt. Überrascht. Beschämt", brummelt er. Vor vier Jahren schickte sie ihm ein signiertes Buch, er reiste nach Deutschland. Was für ein Glücksfall, rief sie damals begeistert: Der Mann, den sie nur aus dem Kino kennt, ist auch im wahren Leben noch nett!

"Hollywood ist anstrengend"

Die beiden freunden sich an. Als sie nach Los Angeles zieht, findet sie ein Haus in Beverly Hills, ganz in der Nähe seiner Familie. Sie arbeiten zusammen an Drehbuchentwürfen für "Tintenherz". Als der Regisseur feststeht - Cornelia durfte mit aussuchen -, fliegt Fraser auf eigene Kosten nach London zu einem ersten Treffen. Er und Iain Softley verstehen sich sofort. Doch den New-Line-Bossen ist der Star aus dem Abenteuerschinken "Die Mumie" nicht kassenträchtig, nicht mehr heiß genug. 100 Millionen Dollar soll der erste Teil - alle Beteiligten sind verpflichtet für drei Filme - bitte schon einspielen, ob man da nicht lieber Brad Pitt ...? Oder Colin Farrell ...? Seid ihr verrückt, sagte Cornelia damals streng und machte sich ganz gerade. Brendan oder keiner. "Hollywood ist anstrengend", sagte sie während der folgenden Verhandlungen mit einem seltenen Anflug von Erschöpfung. "Es saugt dir immer Energie ab, wie ein Leck."

Schließlich ging der oberste Chef von New Line Cinema mit dieser seltsam unverbogenen Superautorin aus Germany essen. Man sprach über Lieblingsfilme. Man sprach über die Kinder. Danach rief ihr Agent sie an, ein guter Freund des mächtigen Mannes. "Cornelia, du machst mich wahnsinnig", sagte er. "Er liebt dich. Jeder hier liebt dich!" Sie lacht ihr breites Kinderlachen, mit ganz kleinen vergnügten Augen. Und seitdem, sagt sie, kann sie den Boss direkt anrufen, wenn ihr etwas nicht passt.

Von Pirmasens bis Peking

Als noch gedreht wurde - Anfang März war offiziell Schluss -, schickte ihr das Studio jeden Abend die am Tage fertiggestellten Szenen von "Inkheart" ins Haus. Auf dem Riesenfernseher im Wohnzimmer haben dann Cornelia, Anna und Ben kritisch diese "Dailies" begutachtet. Die größte Änderung, die New-Line-Chef Toby Emmerich durchsetzte, ist eine ganz banale: Die Handlung spielt in einer undefinierbaren Jetztzeit. Keine Handys, keine moderne Polizei wie im Roman. Eine "Indiana Jones"-Fantasy-Welt, in der alles möglich ist und in der jeder sich zu Hause fühlt, von Pirmasens bis Peking.

"Es sieht alles fantastisch aus", sagt Cornelia Funke und strahlt. Im Mai sieht sie die erste Fassung von "Inkheart". Danach wird der Film einem Testpublikum vorgeführt - und wahrscheinlich umgeschnitten. Albtraum eines Autors? Kino ist Teamwork, sagt sie gelassen. Im März 2008 soll das Werk ins Kino kommen. Macht es Kasse, beginnen sofort die Arbeiten an Teil zwei: Das Drehbuch ist schon in Arbeit, die Kulissen sind entworfen. Hat Cornelia Funke manchmal Angst, dass ihr alles über den Kopf wächst? "Ja", sagt sie. "Und nein. Es macht ja alles so viel Spaß." Rolf, fügt sie hinzu, Rolf hätte es auch gemocht. So geht es ihr also gut? "Es geht uns gut", erwidert sie ruhig. "Das ist jetzt unser zweites Leben. Ich muss es für die Kinder in den Griff kriegen. Ich muss es erfüllt machen."

Nein, diese Geschichte hat kein trauriges Ende. Das hätte Cornelia Funke nicht gemocht. Diese Geschichte geht einfach weiter.

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