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"Kathedralen der Arbeit": Eine Hymne an die Herbergen der seriellen Produktion

Berlin, da biste rot jeworden! Die Industriearchitektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeichnet sich vor allem durch eins aus: roten Backstein. Den monumentalen Berliner Bauten wurde ein Buch gewidmet.

Wie eine riesige Kirche mutet die ehemalige Kindl-Brauerei an

Wenn einem Gebäude der Begriff Kathedrale wirklich gerecht wird, dann der zwischen 1926 und 1930 errichteten Kindl-Brauerei. In dem dunkelroten Backsteinbau finden sich viele Stilelemente vereint: die Wucht wilhelminischer Brauereigebäude sowie die Klarheit des Bauhaus und der Neuen Sachlichkeit – ein echtes Kind der Moderne. 2011 wurde das ungenutzte Gebäude in der Werbellinstraße 50 von einem deutsch-schweizerischen Ehepaar in der Absicht erworben, auf 5500 Quadratmetern Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst zu schaffen. Die ehemalige Brauerei für untergäriges Bier ziert auch das Cover des Buches "Kathedralen der Arbeit" von Matthias Barth.

Fährt man als Ortsfremder durch Berlin, ist Rot nicht die erste Farbe, die man wahrnimmt. Vielmehr sind es graue Brandwände neben Baulücken oder frisch sanierte, hundert Jahre alte Mehrfamilienhäuser in Weiß, Gelb oder Pastell. Doch die Autobahn 100 gewährt nur einen kleinen Ausblick auf die vielfältige Architektur, obwohl sie mitten durch die Stadt führt. Spricht man mit einem gebürtigen Berliner wie Matthias Barth, der ganz genau hinschaut, wird schnell klar, welch große bauliche Vielfalt die Hauptstadt beherbergt. Für sein jüngstes Buch "Kathedralen der Arbeit" hat sich der Autor die Industriekultur vom Beginn der industriellen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg angesehen – und was noch erhalten war fotografiert und dokumentiert. Im Ergebnis springt er einen förmlich an, der rote Backstein. Der stern hat mit Barth über sein Buch, Berlin und Backstein gesprochen.

Woher kommt der Ausdruck "Kathedralen der Arbeit"?
Das ist ein gängiger Begriff, der Terminus tauchte um die Jahrhundertwende auf. Ich glaube zum ersten Mal unter anderem im Zusammenhang mit den Hallen von Peter Behrens, der zum Beispiel auch die berühmte Turbinenfabrik der AEG in Moabit gebaut hat. Das waren die Kathedralen, die großen Dome des säkularen Maschinenzeitalters.

Sie verwenden häufiger den Begriff Backsteinexpressionismus, was versteht man darunter?
Das ist eine Architekturform, die in den späten Zwanzigerjahren auftauchte und in Norddeutschland sehr reich vertreten ist. Das war die etwas stärker verzierte Alternative zur Neuen Sachlichkeit. In Berlin gibt es ganz prominente Vertreter dieser Gattung, zum Beispiel das Borsighaus oder das Ullsteinhaus. Das sind zwei Bauten von Eugen Schmohl, einem Architekten, der noch in der späten Kaiserzeit tätig war und im Übergang zur Moderne noch relativ traditionell gebaut hat. Viele Architekten, die mit der Neuen Sachlichkeit und mit Bauhaus etwas gefremdelt haben, entschieden sich für diese Architekturvariante. Das ist auch eine Form der Moderne, aber noch ein bisschen stärker verziert: Es wurde viel mit Materialoberflächen gearbeitet und mit unterschiedlich gestalteten Steinlagen.

Welchen Zeitraum haben Sie sich genau angeschaut?
Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus der Zeit vor der Reichsgründung, so gut wie nichts mehr erhalten ist. Das hat nicht nur mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, sondern mit dem Umgang mit der Architektur, den auch die Industriellen in der Kaiserzeit pflegten. Sowas wie Denkmalpflege war damals anscheinend noch unbekannt. Die Firmen sind in einem rasenden Tempo expandiert, so wie die ganze Stadt, deswegen mussten sie permanent umziehen und brauchten immer neue Industriereviere. Wenn sie größere Hallen brauchten, haben sie die alten einfach abgerissen oder sind umgezogen. Dann wurden die alten Hallen in Wohngebiete integriert und ebenfalls abgerissen. Kurz gesagt: Alles, was vor 1870 entstanden ist, ist fast komplett verschwunden.

Stehen die Bauwerke heute alle unter Denkmalschutz?
Ja. In meinem Buch habe ich mich für die Auswahl durch die Berliner Denkmalschutzliste gearbeitet, von Bezirk zu Bezirk. Es sind ungefähr hundert Objekte darin und die stehen alle unter Denkmalschutz. Der Umgang mit diesen Gebäuden hat sich gravierend verändert.  

Ist es richtig, dass sich die meisten Gebäude im Westen der Stadt befinden?
Ich würde sagen im Verhältnis 65:35. Die Keimzelle der Berliner Industrialisierung war in Mitte, im Bereich Chausseestraße/Invalidenstraße, etwas nördlich der heutigen Charité. Man nannte es das Berliner Feuerland. Da wurde 1804 die Königliche Eisengießerei gegründet, da war 1837 die erste Niederlassung von Borsig und von diesem Gebiet existiert nichts mehr. Durch die Stadtrandwanderung, so nannte man das, weil die Firmen immer weiter an die Peripherie strebten. Innerstädtisch gab es noch eine Reihe von sogenannten Stockwerk- oder Mietfabriken, die in die Wohnbebauung integriert waren. Das größte Industriegebiet der ehemaligen DDR ist in Oberschönewalde, da war damals vor allem die AEG mit ihren multiplen Aktivitäten.

BMW produzieren noch einen Großteil ihrer Motorräder in Berlin?
Tatsächlich! Das haben die immer gemacht und es war ein Glücksfall, dass das nach der Wende nicht eingestellt wurde. Nach der Wiedervereinigung wurde ja nicht nur im Ostteil deindustrialisiert, sondern auch im Westteil. In Berlin waren ja die berühmten verlängerten Werkbänke durch die Berlin-Zulage. Die fiel Anfang der Neunzigerjahre von heute auf morgen weg und damit war vielen Firmen die Geschäftsgrundlage entzogen. Aber manche haben durchgehalten, BMW und Siemens zum Beispiel.

Spielen die Gebäude heute für die Berliner im Alltag noch eine Rolle?
Es ist schwer, so etwas pauschal zu sagen, weil es in der Industriearchitektur tatsächlich alles gibt. Berlin hat eine jahrzehntelange Deindustrialisierung hinter sich, die Industrie spielt nicht mehr eine so große Rolle. Aber die Firma Siemens zum Beispiel ist nie weggegangen, in der Siemensstadt haben mal 70.000 Menschen gearbeitet, heute sind es noch 13.000. Knorr-Bremse ist auch noch da. Aber AEG etwa ist leider komplett verschwunden. Die meisten Gebäude sind daraufhin umgewidmet worden, in jeglicher Hinsicht – von Einkaufszentren über Loftwohnungen bis hin zu Kleingewerbe aller Art. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Sehr tragisch ist der Umgang mit den alten AEG-Gebäuden in Oberschönewalde, da sind nach der Wende 30.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Durch so ein Projekt lernt man seine Heimatstadt noch einmal richtig neu kennen und sieht viele Dinge mit ganz anderen Augen. An Dutzenden von Objekten bin ich mit dem Auto hundertmal vorbeigefahren und habe mir früher keine Gedanken darüber gemacht.