James Meeks Roman "Fremdland" Wie sich Krieg anfühlt


Der gefeierte britische Autor James Meek versteht sich auf brillant erzählte Abgründe. In seinem neuen Roman "Fremdland" wendet er sich den Waffen der Moderne zu.
Von Stefan Schmitz

Zum Abtrennen der Hoden verwenden die Sektierer in James Meeks letztem Roman ein scharfes Messer. Das ganze spielt 1919 in Sibirien; und da ist es auch durchaus glaubhaft, dass der eine Ausbrecher aus dem Straflager den anderen mästet, um ihn bei Gelegenheit aufzuessen.

Das Buch "Die einsamen Schrecken der Liebe" hat Meek vor ein paar Jahren berühmt gemacht und ihm soviel Geld aufs Konto gespült, dass er seinen Job als Reporter beim britischen "Guardian" aufgeben konnte. Nun saß er zuhause in London und dachte sich ein neues Buch aus. "Erst wollte ich einen Thriller schreiben", sagt der 45-Jährige. "So einen, der am Flughafen in dicken Stapeln verkauft wird." Es sollte viel Militär vorkommen, große Gemetzel, die Entscheidungsschlacht um die Weltherrschaft.

Daraus wurde nichts. Denn zu groß war seine Lust, über etwas wirklich Gruseliges zu schreiben. Zum Beispiel darüber, warum Männer und Frauen sich nicht verstehen. Schlimmste Waffe in diesem Krieg ist bei Meek eine Email. Er fragt sich, warum Amerikaner und Europäer aneinander vorbei reden; und westliche Wohlstandsmenschen und afghanische Moslems sowieso; und was das alles für Folgen haben kann. "Es geht um falsche Bilder, die wir uns voneinander machen", sagt der Brite, der ein kleines Männlein und ein großer Reporter ist.

"Wir beginnen nun mit dem Sinkflug", heißt das Buch im Original, was deutlich besser passt als der deutsche Titel "Fremdland". Denn ständig bergab geht es für den Reporter Adam Kellas, dessen Geschichte Meek erzählt. Er ist geschieden und frustriert, jähzornig und sprunghaft. Dass er in London eine Lenin-Büste durchs Fenster wirft, ist irgendwie nötig, um den Salonsozialisten zu zeigen, wie sich Krieg anfühlt. Dass er den Kommandeur in Afghanistan fragt, warum er nicht scharf schießen lasse, ist eigentlich eine logische Frage - nur sind am Ende zwei Menschen tot, weil der Krieger nicht als Weichei dastehen wollte. Offenbar ist es auch keine gute Idee, sich in einem moslemischen Land mit einer fremden Frau zum Sex auf einem Militärposten in Sichtweite der Taliban zu verabreden. Das kann ebenfalls zu bösen Missverständnissen führen.

Meeks Sibirien-Roman "Die einsamen Schrecken der Liebe" hat ihm jede Menge schmeichelhafte Vergleiche mit den großen Erzählern der russischen Literatur eingebracht. "Aber ich lebe im Hier und Jetzt", sagt Meek. Das neue Buch scheine auf den ersten Blick konventioneller. Doch für ihn sei es ein großes Abenteuer gewesen, statt über ferne Länder und Zeiten über die Gegenwart zu schreiben. In der läuft eine ganze Menge schief. Meek jedenfalls zeigt eine Welt, in der nichts zusammen passt. Ein wenig Hoffnung auf Verständigung bleibt trotzdem: "Schreiben heißt ja, dass man versucht, etwas mitzuteilen." Das ist ihm gelungen.


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