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Tagesschausprecherin Linda Zervakis: Die Frau, die Nachricht

In der "Tagesschau" liest sie uns die Welt vor, Millionen Deutsche kennen ihr Gesicht. Trotzdem will Linda Zervakis mehr sein als nur Nachrichtensprecherin. Sie hat ein Buch über ihre Jugend geschrieben. Porträt eines Ausbruchs.

Linda Zervakis

Blazer verboten: Für das stern-Fotoshooting erschien Linda Zervakis im Wollpullover.

Kürzlich, da war Linda Zervakis zu Gast in der Sendung von Jörg Thadeusz, beim RBB. In seiner Anmoderation sagte er: Man könne froh sein, dass ein hohes Amt in diesem Land an eine Frau gegangen ist, die sich wenigstens ein bisschen nach Einwanderung anhört. Und Zervakis tut etwas, das an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz verboten ist: sie lacht. 

Ein Nachtmittag im Herbst, Linda Zervakis sitzt vor dem Rechner bei der Tagesschau, Pferdeschwanz, den schmalen Körper eingepackt in einen weißen Wollpullover.  Sie wirkt jünger als 40. Bis vor kurzem war Zervakis in der Babypause, jetzt ist sie zurück beim NDR. Und muss nachholen. Im Audioverzeichnis der Senderanstalt fragt sie alle Namen und Begriffe ab, die während ihrer Abwesenheit in die Berichterstattung gerutscht sind. Vokabeltraining für Nachrichtensprecher. TTIP, das Handelsabkommen, Jagland, der EU-Generalsekretär. Horgos, Flüchtlingsübergang an der serbisch-ungarischen Grenze.

Sieben Monate lang gab es diese Nachrichtenwelt für Zervakis nicht. Sie ist zum zweiten Mal Mutter geworden. Und hat die Tagesschau Tagesschau sein lassen. "News-Detox" nennt sie das. Weil sie sich so sehr auf ihr Privatleben konzentrierte, hat ihr das gar nichts ausgemacht, es war vielmehr eine Befreiung. Gedanken, die um Windelwechseln und Spazierfahrten kreisen, statt um Griechenland oder die Flüchtlingskrise. Und dann diese Babyhormone – "die haben mich viel zu schnell zum Weinen gebracht."

Sie kommt zurück als: Linda Zervakis, die Buchautorin

Linda Zervakis in gewohntem Umfeld: MIt ernstem Blick, hinter dem Tagesschau-Tresen.

Linda Zervakis in gewohntem Umfeld: MIt ernstem Blick, hinter dem Tagesschau-Tresen.

Später wird sie ihre erste 20 Uhr-Sendung lesen, wird mit schwitzigen Händen ins Studio gehen, die Routine, noch hat sie sich nicht eingestellt.

Zuvor: Eine Runde durch die Redaktion, hier mal grüßen, dort winken, vom Baby erzählen. Dünn sei sie geworden, sagt eine Kollegin besorgt. Als sie Chefredakteur Kai Gniffke auf dem Flur trifft, umarmt er sie ungelenk. "Schön, dass Sie wieder da sind, Linda". Das Hamburger Sie. Emotionen, so weit sie das Nachrichtengeschehen eben zulassen. Sie haben sie hier vermisst.

Als sie sich in die Babypause verabschiedete, war sie Linda Zervakis, die Nachrichtensprecherin. Sie kommt zurück als: Linda Zervakis, die Buchautorin. Eine Frau, die eine Geschichte zu erzählen hat. Ein Nebenerwerb, aber vielleicht ist es auch ein Ausbruch.

 Das Gesicht von Linda Zervakis sehen regelmäßig 9 Millionen Deutsche. Man kennt sie, man lässt von ihr die Welt erklären. Aber als "Tagesschau"-Sprecherin steckt sie in einem Korsett: Strenge ist Programm, Strenge und absolute Seriösität. So ehrenvoll der Beruf ist, so sehr beschneidet er die Möglichkeiten. Wie also auffallen, wenn man nicht auffallen darf?

Da war Susan Stahnke, die für erotische Fotos posierte, dann Hollywood-Schauspielerin werden wollte und am Ende im Dschungelcamp aufschlug. Da war auch Eva Herman, die sich mit rechtsnationalen Erziehungsratschlägen ins Abseits beförderte und den NDR erfolgslos verklagte. Selbst Jens Riewa und Judith Rakers haben Schlagzeilen produziert. Er schwärmte von seiner Affäre mit Schlägersängerin Michelle. Sie ist dem roten Teppich zugetan und moderiert auch mal für McDonalds.

Linda Zervakis ist einen anderen Weg gegangen: Sie hat die Erlebnisse ihrer Kindheit aufgeschrieben. Einer Kindheit im Kiosk.

Natürlich kennt sie die Geschichten vom Scheitern der anderen. Vielleicht musste sie deshalb überredet werden, dieses Buch zu schreiben. Das Angebot für einen Ghostwriter lehnte sie ab, ihre Geschichte, die wollte sie nicht aus der Hand geben, von anderen schreiben lassen. Dafür darf sie jetzt auch im Fernsehen lachen, Witze erzählen, Kleider tragen anstelle von Blazern. Nach der Genehmigung des NDR. Als Sprecherin sollte man schließlich nicht einmal eine öffentliche Meinung haben, die ist privat. Neutralität Trumpf.

 Zervakis kam als Tochter zweier Gastarbeiter zur Welt, ein Alltag am Fließband, eine Kindheit im kargen Stadtteil Hamburg-Harburg. Sie pubertierte zwischen Dosenravioli und Billigzigaretten, die Eltern eröffnen einen Kiosk, da ist sie zwölf. Als sie vierzehn ist, stirbt ihr Vater. Sie ersetzt ihn, soweit es die Zeit eben zulässt. Neben der deutschen Schule besucht sie nachmittags auch noch eine griechische.  

Am Wochenende macht sie erst Frühstück für den kleinen Bruder und ist dann Chefeinkäuferin des Kiosks, durchblättert Metro-Prospekte vor allem nach Billigschnaps. Wenn sie mit Freunden ausgeht ist, lässt sie sich nach einer Stunde Schlaf wecken, hält ihr Gesicht ins kalte Wasser. Mit 18 teilt sie immer noch ein Zimmer mit dem kleinen Bruder. In der Disco trinkt sie Spezi und spielt am Ende der Nacht den Fahrdienst für betrunkene Freunde. Nicht nur Schlafmangel und Überstunden eichten sie früh für das spätere Leben auf der anderen Seite der Elbe. Doch weder in ihrem Buch noch in ihren Erzählungen hört man eine Bitterkeit über diese Jugend nach der Stechuhr.

Vom Tellerwäscher zum Millionär - nur ohne Reichtum 

Mit der Beobachtungsgabe einer Journalistin und feinderbem Humor hat sie die Erlebnisse, aus dieser Zeit aufgeschrieben. Hat die Gerüche destilliert und kleine Außenseiterporträts gezeichnet. Von Stammkunden wie Gerda Brocken, deren Mann mit ihrer Tochter durchbrannte. Sie aber glaubte an einen Kriminalfall. Von Johnny, dem stotternden Ex-Häftling, der einmal einen Dieb mit einer Lichterkette zu Fall brachte. Und auch von sich selbst, das Mädchen mit den buschigen Brauen, das die Cordhosen ihres Bruders auftrug, im Haar eine Nuance Kioskmief.

Manchmal, so sagt sie, habe sie selbst erst nach dem Lesen festgestellt, dass hinter den humorigen Anekdoten eine Ernsthaftigkeit steckt. Eine Geschichte, fern vom Sonnendeck des Lebens, die man problemlos im Vorabendprogramm des Senders erzählen könnte, für den Zervakis die Nachrichten liest. Sie selbst nennt das eine Mini-Version vom Tellerwäscher zum Millionär, "nur ohne Reichtum."

Das Buch macht etwas zum Thema, das sie eigentlich gar nicht sein will. Vorzeigemigrantin nennen Medien das häufig. Zervakis mag dieses Wort nicht. Vorbild, das sei ein zu großer Rucksack für sie. Trotzdem schreiben ihr junge Frauen bei Facebook, sie sei eben genau das. Die Karrieremutter, das Mädchen aus schmalen Verhältnissen. Als sie neulich ein Foto von sich auf einem Magazincover bei Instagram postete, schrieb sie nicht etwa Covergirl dazu, sondern Kioskgefühle. Heimat verpflichtet, Heimat prägt. 

Sie werde wirklich ungern fotografiert, verrät Linda Zervakis während des Shootings. Vor laufender Kamera, im Bewegtbild, das sei etwas ganz anderes.

Sie werde wirklich ungern fotografiert, verrät Linda Zervakis während des Shootings. Vor laufender Kamera, im Bewegtbild, das sei etwas ganz anderes.

Zervakis sagt, dass sie nie wirklich für ihre Herkunft angegriffen wurde, den wohlgemeinten Alltagsrassismus in Zuschriften scheint sie auszuklammern, dieses "toll, dass man Sie so gut versteht, Sie sprechen so deutlich". Da irritieren sie Mails schon eher, in denen Männer sich freuen, endlich ihre Füße zu sehen, in einer Talkshow hatte sie sich einmal die Schuhe ausgezogen. Einer wünschte sich ihre getragenen Unterhosen.

Wenn sie ein bisschen nachdenkt, fällt ihr dann doch eine Szene ein. Sie kam von der Frühschicht, "kreidebleich vom Schlafmangel", so sagt sie, da wollten Leute den Weg zum Krankenhaus von ihr erklärten bekommen, fragten dann aber vorsichtig nach, ob sie das überhaupt könne: "Sie sehen so... dunkel aus." Die Verletzung darüber lacht Zervakis einfach weg.

Als sie Kind war, wurden Klischees über Griechen gehegt und gepflegt. Inzwischen kokettiert sie selbst mit ihrer Herkunft. In der Maske klagt sie über die zu dicken Haare,nicht zu bändigen sind die. Ein anderes Mal ist es ihre große Nase. Sie setzt die Klischees wie Waffen ein. Wenn sie zum Beispiel davon erzählt, dass Judith Rakers viel mehr Fanpost bekomme als sie, sagt sie, das komme ihr, der faulen Griechin, ganz gelegen. Zu Lesungen bringt sie Ouzo mit.

Natürlich macht ihre Herkunft sie für den NDR und seine Tagesschau ein Stückweit wertvoll. Eine wie sie hat es vorher noch nicht gegeben. Jahrzehntelang war das Format blond, schon Susanne Daubner produzierte Schlagzeilen damit, dass sie brünett ist. „Da bin ich doch froh, dass ich nicht nur auf meine Haarfarbe reduziert werde, sondern auf meinen Hintergrund“, sagt Zervakis. Jünger, weiblicher und internationaler werde die Tagesschau mit ihr, das waren die Worte des Chefredakteurs, als die Neubesetzung verkündet wurde. Sie habe den Job aber doch nicht der Herkunft wegen bekommen, versicherte sie sich einige Wochen später bei ihrem Chef. Als ob die reine Vermutung nicht schon irre genug klingt.

Backstage in der Kinderbuchabteilung

Feinderber Humor, anrührende Außenseiterporträts: Linda Zervakis erzählt in "Königin der bunten Tüte" von ihren Erinnerungen an eine Jugend zwischen Dosenravioli und billigem Schnaps, vom Kiosk-Kosmos ihrer Familie auf der anderen Seite der Elbe.

Feinderber Humor, anrührende Außenseiterporträts: Linda Zervakis erzählt in "Königin der bunten Tüte" von ihren Erinnerungen an eine Jugend zwischen Dosenravioli und billigem Schnaps, vom Kiosk-Kosmos ihrer Familie auf der anderen Seite der Elbe.

An einem Oktober-Abend in einer Buchhandlung in Hannover, Linda Zervakis liest aus ihrem Werk, "Königin der bunten Tüte". Schon vor der Tür warten Fans mit Fotoalben voll von Autogrammkarten. In der Kinderbuchabteilung hat der Buchhändler eine Stuhlgruppe aufgebaut, die Backstage des Abends, auf dem Tisch das Catering, ein Obstteller, weiße Stoffservietten.

"Guten Abend meine Damen und Herren, es ist fünf nach Acht", sagt Zervakis mit Sprecherstimme. Sie ist keine laute Gastgeberin, sie sucht lieber eine Ebene mit dem Publikum. Erzählt, dass sie Angst hat, von diesem Barhocker herunterzurutschen, auf dem sie thront, sie sei doch nicht so groß. Einmal nestelt sie eine Wäscheklammer aus der Hosentasche, setzt sie auf die Nase, passend zur gelesenen Szene.

"Das Buch gibt mir die Möglichkeit, als ich selbst unterwegs zu sein", sagt sie auf der Rückreise im ICE. Es ist Nacht geworden, ihr Tag wird wenige Stunden später beginnen. Auch schon zu Beginn ihrer "Tagesschau"-Karriere bekam sie erste Talkshow-Einladungen, konnte zeigen: Ernst bin ich nun wirklich nicht. Zu Gast bei "Inas Nacht" trank sie Gin Tonic, dreht sich über den Tresen und klebte sich eine buschige Augenbraue auf, dazu eine Mehrfachdioptrin-Spaßbrille, so habe sie als Jugendliche wirklich aufgesehen. Damals wollte Müller wissen, ob Jan Hofer am nächsten Tag anrufe, wenn sie sich heute betrinke. Zervakis parierte: Das habe ich trotzdem vor. Am nächsten Tag fragte sie sich dann doch, ob das zu derb war. 

Es ist auffällig, wie oft sie kleine Pointen und verbale Spitzen zu relativeren versucht. Sie scherzt harmlos über Kollegen, erklärt dann aber trotzdem schnell, wie es gemeint war. Aktion, Reaktion, Abwehr, das ist gelernte Tagesschau-Deckung.

Wenn sie einen Scherz macht, versucht sie ihn schnell zu relativieren: Linda Zervakis beherrscht die Tagesschau-Deckung: Aktion, Reaktion, Abwehr.

Wenn sie einen Scherz macht, versucht sie ihn schnell zu relativieren: Linda Zervakis beherrscht die Tagesschau-Deckung: Aktion, Reaktion, Abwehr.

Bei "3 nach 9" sagt sie, die Arbeit sei nach der Babypause wie Urlaub. Also nein, natürlich nicht, aber endlich habe sie Zeit, sich die Hände zu waschen. Am nächsten Tag titelt eine Zeitung mit dem Zitat.

Jörg Thadeusz kennt Zervakis auch privat und sagt, er wünsche sich, dass sie manchmal etwas aggressiver sei in Gesprächen, raus aus der Deckung komme. "Aber sie ist ein Sicherheitsmensch", sagt ein anderer Freund, der früher ihr Chef war.

Die Tagesschau gibt Sicherheit.

Fragt man Linda Zervakis, ob sie sich eine eigene Sendung zutraue, sagt sie, "wenn, dann müsse die zu mir – und zur Tagesschau passen."

Ihr Buch ist auf Platz 15 in der Bestsellerliste eingestiegen. Mit einem Foto von ihr im Blazer – soll ja jeder wissen: Das ist die aus der Tagesschau, einer starken Marke. Linda Zervakis ist auf dem Weg, eine eigene Marke zu werden.

Die Geschichte erschien ursprünglich im stern vom 3. Dezember.