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Marcel Reich-Ranicki: Der Literaturpapst feiert 85. Geburtstag

Sein scharfes Urteil ist gefürchtet, sein Auftreten ein Fest für Parodisten. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki feiert 85. Geburtstag - und schließt weitere verbale Grausamkeiten nicht aus.

Wenn Marcel Reich-Ranicki über Bücher spricht, kennt er keine Kompromisse: Entweder zerreißt er sie gnadenlos - oder er lobt sie mit Verve. Sein leichtes Lispeln und seine etwas krächzende, aber durchdringende Stimme - Markenzeichen wie sein wild durch die Luft fuchtelnder Zeigefinger - sind unendlich oft parodiert worden. Bis heute ist "MRR" die zentrale Instanz der Literaturszene, ein Medienstar, oft als "Literaturpapst" bezeichnet, auch wenn er diesen Ausdruck nicht mag. Heute wird Deutschlands meistbeachteter und meistgefürchteter Literaturkritiker 85 Jahre alt.

Seine Heimatstadt Frankfurt gibt ihm zu Ehren zusammen mit dem ZDF und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Empfang in der Paulskirche. Als Laudatoren sind Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher und Moderator Thomas Gottschalk geladen.

Kopf des "Literarischen Quartetts"

Die meisten Deutschen kennen Reich-Ranicki als Kopf des "Literarischen Quartetts" im ZDF. Von 1988 bis 2001 besprach er mit Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler (zum Schluss Iris Radisch) und einem wechselnden Gast in 77 Sendungen mehr als 400 Bücher. Das "Quartett" erreichte ein Millionenpublikum und hatte Macht: Was es besprach, egal ob Lob oder Verriss, wurde oft über Nacht zum Bestseller. "MRRs" Urteil ist oft hart, bisweilen unfair. "Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe", lautet sein Credo. Dabei lasse sich Grausamkeit "leider nicht immer ausschließen".

Das bekamen unzählige Schriftsteller zu spüren, allen voran Günter Grass. Dessen Roman "Ein weites Feld" bescheinigte er 1995 im "Quartett" und in einer "Spiegel"-Titelstory, er sei "wertlose Prosa, langweilig von der ersten bis zur letzten Zeile, unlesbar!". Grass warf dem Kritiker gekränkt Größenwahn vor. Erst 2002 kam es zur Annäherung. Inzwischen habe sich das Verhältnis zu seiner Freude "wesentlich verbessert", sagt der Kritiker heute. In einem Beitrag für ein Büchlein zum 85. hat Grass ihn gar aus der Ferne "umarmt".

Freundschaft aufgekündigt

Auch Autor Peter Rühmkorf kündigte dem Kritiker wegen des Grass-Verrisses die Freundschaft. Mit ihm hat sich Reich-Ranicki später aber ebenso wieder vertragen wie - nach zehnjähriger Fehde - mit Walter Jens. Will er sich im Alter mit seinen Gegnern aussöhnen? "Ich kann nicht von einem Anliegen sprechen", sagt er, "aber wer immer die Hand zur Versöhnung ausstreckt - sie wird von mir nicht abgewiesen."

Mit Martin Walser hat Reich-Ranicki noch eine Rechnung offen, unter anderem wegen Walsers 2002 erschienenen Skandalbuchs "Tod eines Kritikers". Darin kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode, der unschwer als Reich-Ranicki zu erkennen ist. Seine Frau Teofila und er seien von dem Buch "tief getroffen", schrieb der Kritiker bitter.

Den Nazis entkommen

Angesichts seiner Vita, die er in seiner millionenfach verkauften Autobiografie "Mein Leben" beschrieb, ist das verständlich: Seine polnisch-jüdische Familie wurde von den Nazis verfolgt, seine Eltern und die seiner späteren Frau Teofila - mit ihr ist er seit mehr als 60 Jahren verheiratet - kamen um. Dem Paar gelang die Flucht. Über Umwege, unter anderem als Diplomat in London und Lektor in Warschau, kam Reich-Ranicki 1958 nach Deutschland und machte sich zunächst als scharfzüngiger Kritiker bei der "Zeit" in Hamburg einen Namen.

Von 1973 bis 1988 leitete er die "FAZ"-Literaturredaktion. Nach Einstellung des "Quartetts" bekam er 2002 eine Solo-Sendung im ZDF, die allerdings nach neun Folgen eingestellt wurde. Doch noch immer schreibt er jede Woche eine Kolumne und verantwortet Rezensionen für die "FAZ". Unzählige Bücher und Aufsätze tragen seinen Namen. Er erhielt Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden im In- und Ausland, obwohl er nie studiert hat.

"Frucht eines ganzen Lebens"

Derzeit liest er stapelweise Essays für den fünften und letzten Teil des von ihm herausgegebenen Kanons deutscher Literatur, der im Winter abgeschlossen sein soll. Teil vier mit Lyrik ist gerade fertig und soll im Juli erscheinen. "Der Kanon ist die Frucht eines ganzen Lebens der Beschäftigung mit Literatur", sagt er. "Ich möchte ihn gern noch zu Lebzeiten zu Ende führen." Urlaub macht er nur auf Druck seiner Familie oder Ärzte. "Verreisen ist in meinem Alter ohnehin nicht mehr so leicht."

"MRR" musste bei allem Ruhm jedoch auch ordentlich einstecken. Sein Erfolg als Kritiker und Autor habe oft Neider auf den Plan gerufen. "Ich wurde in meinem Leben häufiger beschimpft als gestreichelt, doch ich grolle nicht: Auf diese Weise wurde Sorge getragen, dass die Bäume nicht in den Himmel wuchsen", sagt er über sich. Und er ist durchaus nicht frei von Eitelkeit: Sigrid Löffler etwa ekelte er im Streit um die Bewertung eines erotischen Romans aus dem "Quartett".

Seit mehr als 30 Jahren lebt Reich-Ranicki in Frankfurt, einer Stadt, die er zwar nicht liebe, aber "so etwas wie meine Heimat" nennt. Seinen schriftlichen Nachlass hat er dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach vermacht. Er beschäftige sich täglich mit dem Tod, sagt er. "Ich fürchte die Nichtexistenz. Wenn das Leben weitergeht - und man erfährt nichts mehr, man ist nicht mehr da."

Nicola Prietze/DPA / DPA