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Interview

Autor und Regisseur David Schalko: "Der Mensch ist ein wahnsinnig gieriges Wesen"

Regisseur David Schalko gilt als der neue Helmut Dietl. Nun legt er seinen Roman "Schwere Knochen" vor und beweist sich als literarische Größe. Ein Gespräch über den Reiz der Unterwelt, Gier als menschliche Antriebsfeder und das Summen des Wienerischen.

Von David Baum

David Schalko

Regisseur und Autor David Schalko

Lieber David Schalko, in Ihrem Roman "Schwere Knochen" eröffnen Sie dem Leser die seltsame wie faszinierende Welt das Nachkriegs-Wien, voller Huren und Vorstadtkrimineller. Wie sind Sie auf diese Szene der gar nicht mal so charmanten Strizzis gestoßen?

Ich trage die Idee seit etwa zehn Jahren mit mir herum, und ich habe seit längerem dazu recherchiert. Die Fiktion basiert auf vielen Fakten, wesentlichen geschichtlichen Ereignissen, auch realen Persönlichkeiten der Zeit und natürlich dem Lebensgefühl dieser Zeit, dem ich glaube, ganz gut auf die Spur gekommen zu sein. Tatsächlich gab es unglaubliche Vorgänge, wie etwa, dass Kleinganoven von Hitler ins geschickt wurden und als Kapitalverbrecher wieder herauskamen, um einer der spektakulärsten Unterweltmilieus Europas zu begründen. Das ist tatsächlich so passiert.

Es ist kaum vorstellbar, dass diese grotesken und moralisch schiefen Persönlichkeiten Ihres Romans tatsächlich existiert haben.

Na doch, haben sie. Meine Figuren sind stark an real existierende Unterweltpersönlichkeiten angelehnt, der "Notwehr-Krutzler" etwa an den Josef Krista, die "Musch" an die wilde Wanda Kuchwalek. Auch diese Bandenkriege, die korrupten Beziehungen zu den Vertretern der vier Besatzungsmächte – sogar der liderliche Affe existierte wirklich.

Tatsächlich? Beim Lesen hofft man stark darauf, dass wenigstens die Schimpansendame Honzo, die als Prostitutierte dressiert wurde, erfunden wäre.

Leider nicht, der Affe steht heute ausgestopft im Naturhistorischen Museum von – Schaukasten Nr. 39. Der kam aus einem indonesischen Tierbordell. Leider erfährt man dort nicht, welche kuriose Geschichte dahinter steckt. Das Naturhistorische Museum ist voll von solchen tragischen und traurigen Geschichten.

Erfolgsroman "Der goldene Handschuh" erzählt eine ähnliche Geschichte – von den Gestrandeten und Kiezfiguren der Nachkriegszeit. Ist die Parallele Zufall?

Was ist schon Zufall, vielleicht liegt das Thema in der Luft. Ich habe Strunks Buch nicht gelesen, um es beurteilen zu können, aber soweit ich gehört habe, ist es völlig anders, als "Schwere Knochen".

Auch Strunk bezieht sich auf reale Figuren der Zeit, wie Ihr Ferdinand Krutzler hat sein Protagonist Fritz Honka eine Vorgeschichte im KZ, an die er sich im "Goldenen Handschuh" aber nicht ranwagt. Wie schwierig war es, das Leben im Konzentrationslager anschaulich darzustellen?

Mir war es enorm wichtig. Ich konnte diese Geschichte nur schreiben, wenn ich die KZ-Zeit miterzähle. Auch wenn es gefährlich ist, weil soweit mir bekannt, die Kapo-Perspektive noch kaum aufgeschrieben wurde. Man kennt das KZ in der Literatur aus Opfer oder aus Täter-Perspektive, und nicht aus Sicht der Kapos. Ich habe viel recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen und die Handlung auch von jemandem aus dem Mauthausenkomitee überprüfen lassen. Das ist gut abgeklopft.

David Schalko

David Schalko

"Schwere Knochen"

576 Seiten

Kiepenheuer & Witsch

24 Euro

Was fasziniert Sie so an der Gier, dass Sie ihr gleich drei große Werke widmen?
Ich glaube, dass der Mensch ein wahnsinnig gieriges Wesen ist, die Gier ist eine seiner starken Antriebsfedern. Sie existiert in so vielen Formen, aber endet nie gut. Sie macht etwas mit Menschen, Geldgier, Lebensgier sind heutzutage zu Tugenden geworden. Je gieriger, desto geiler. Donald Trumps Sieg ist auch der Sieg eines Gierigen, niemand hat es so unverschämt zum Lebensprinzip erklärt, wie er. Die Gier ist immer vulgär.

Seit Ihren preisgekrönten Fernsehserien "Braunschlag" und "Altes Geld" gelten Sie als neuer Helmut Dietl. Die beiden Serien bilden die ersten Teile der Triloge "Gier", wieso erfolgt nun der dritte als Roman?
Weil es schlichtweg zu teuer gewesen wäre, "Schwere Knochen" zu verfilmen. Und weil ich diese eigenwillige Sprache, in der das Buch geschrieben ist, ständig in meinem Ohr gehört habe. Für mich liegen Roman und Serie ohnehin sehr nah beieinander.

Existieren noch Reste dieser Unterwelt im heutigen Wien, irgendein Lokal, das sie beschreiben?
Das eine oder andere hat natürlich überlebt, vor allem in der Pratergegend, aber auch die Bonbonniere-Bar zum Beispiel, die unverändert in der Wiener Innenstadt existiert. Das war eine der ersten Bars, die nach dem Krieg eröffnet hatte. Natürlich ist die Chefin selbst nicht mehr am Leben, aber ich kann mich noch an sie erinnern, eine beeindruckende Erscheinung!

Die Sprache des Romans ist stark und ganz besonders. Als hätten Sie – wie Heimito von Doderer oder Thomas Bernhard – eine literarische Kunstsprache aus dem wienerischen Idiom geschaffen.
Die deutschen Lektoren waren äußerst gnädig mit mir. Nein, Scherz. Ja, vermutlich steht der Roman in einer Ahnenreihe mit Nestroy, Qualtinger, Doderer, Bernhard. Das Buch summt auf jeden Fall eine sehr wienerische Melodie vor sich hin. Und vieles, was eigentlich brutal ist, betritt als Humor verkleidet den Raum.

Parallel zum Buch drehen Sie schon Ihr nächstes Werk, "M – eine Stadt sucht einen Mörder" als in die Gegenwart und nach Wien versetzte Serienhandlung. Der Stoff gilt als Meisterwerk des frühen Tonfilms, wie viel Selbstbewusstsein braucht man um sich da dran zu wagen?
Mir geht es nicht darum, mich sportlich mit Fritz Lang zu messen. Das wäre lächerlich. Die Idee ist nur bestechend. Und wahnsinnig zeitgemäß. Man müsste für jedes Jahrhundert M neu adaptieren. Heute mit sozialen Medien stellt sich die Frage: Wie virtuell ist eine Stadt? Und wie bildet sich so ein Mob? Und so wie damals befinden wir uns an einem Vorabend. Und können nur ahnen, was kommt. Aber da kommt etwas. Etwas ganz Unschönes.

Sie verlegen die Handlung nach Wien. Weil Sie nur Wien können – so wie Helmut Dietl eigentlich nur München gekonnt hat?
Jeder hat so seine Verortungen. Und jeder Film spielt irgendwo. Je besser man seinen Kosmos kennt, desto universaler und wahrhaftiger kann man eine Geschichte erzählen. Für diese Handlung ist die Mentalität der Stadt sehr wichtig – und da sollte man diese Stadt besonders gut kennen. Bei Berlin, wo "M" in seiner Originalfassung spielte, hätte ich mir das nicht zugetraut, obwohl ich Berlin gut kenne. Fritz Lang war zwar auch Wiener, aber er lebte in Berlin. Die politischen Verhältnisse, um die es geht, sind außerdem im heutigen Wien Realität, in Berlin nicht.

Der Film spielt in vorfaschistischer Zeit – würden Sie das Wien von heute tatsächlich als solches bezeichnen?
Ich glaube nicht, dass man den Begriff des Faschistischen dafür bemühen sollte. Der hat sich sehr abgenutzt und ist nicht mehr präzise. Die jetzt herrschenden Kräfte Österreichs pflegen ein problematisches Verhältnis zu demokratischen Strukturen. Man nimmt es mit der Gewaltentrennung nicht mehr so genau, man nützt die staatlichen Strukturen aus, um an die Futtertröge zu gelangen und nicht, um umsichtig die Gesellschaft zu verändern. Und wenn man etwas verändert, dann verstärkt es die Kluft zwischen Arm und reich. Oder beschädigt wichtige Bürgerrechte. Die narzisstische Selbstdarstellung des einzelnen steht im Vordergrund, Milieus werden zunehmend zerschlagen und gespalten, Politik wird betrieben, als würde man ein Unternehmen führen. Die Menschen werden wie Algorithmen gesehen – mit dem richtigen Schlagwort, schlägt man in die richtige emotionale Kerbe. In Österreich haben die Wähler zum Beispiel ausschließlich auf das Wort Veränderung reagiert. Das ist wie bei Pawlow. Aus der Perspektivlosigkeit und Tristesse heraus, erscheint vielen die Veränderung an sich als wichtigster Wert, ganz egal wohin es sich verändert. Die Behauptung genügt. Vor der Wahl plakatierte man: Zeit für Veränderung. Jetzt: Die Veränderung hat begonnen. Inhalt zu Ende. Das alles sind keine guten Aussichten für Demokratie – weder in Österreich noch in ganz Europa.

Lang war Kommunist, seine Werke haben eine faschistische Ästhetik.
Das stimmt, ich glaube aber nicht dass diese Ästhetik allein schon faschistisch war, sie war damals einfach modern, auch durch den deutschen Expressionismus und der Nationalsozialismus hat sich ihrer bedient. Im Prinzip arbeitet eine gotische Kirche mit den gleichen Mitteln, es geht um die Überhöhung, um die Machtdemonstration, die alles andere klein erscheinen lassen will.

Noch eine Frage zu Ihrem ungewöhnlichen Lebensweg. Sie wollten erst Schauspieler werden....
...was glücklicherweise nicht geklappt hat. Im Nachhinein wäre es der falsche Beruf gewesen, diese Art er Exponiertheit passt überhaupt nicht zu mir.

Dann begannen Sie mit Anfang 20 experimentelle Fernsehformate erfinden. Nebenher schrieben Sie Gedichte.
Ich wollte eigentlich nur Schriftsteller sein, Lyriker in erster Linie. Ich war eigentlich über längere Zeit nur ein gescheiterter Schriftsteller, der nebenher Fernsehen gemacht hat, um sich das schreiben leisten zu können. Regie ist am Ende sehr verwandt mit dem Schriftsteller, es ist ja nicht so dass man Installateur und Astronaut gleichzeitig wäre. Es geht ums Erzählen. Es sind Berufe die einander bedingen.

Wie Dietl oder Fassbinder haben Sie einen Kreis wichtiger Weggefährten um sich geschart, die fast immer irgendwie an Ihren Arbeiten mitwirken.

Ich habe enormes Glück gehabt, und durfte mit vielen großartigen Menschen zusammenarbeiten. Das Beste an solchen Kooperationen ist, dass man viel von einander lernt. Es ist wie eine Schule, in der man sich die Lehrer selbst aussuchen darf. Diese freie Schule hat aber den Vorteil, dass man seinen eigenen Stil entwickeln kann.

In "M – eine Stadt sucht einen Mörder" spielen viele große Schauspieler mit, von Moritz Bleibtreu über Udo Kier, Bela B. und Lars Eidinger. Nur einer Ihrer wichtigsten bisherigen Hauptprotagonisten, der Burgschauspieler Nikolas Ofczarek, fehlt. Was ist der Grund?
Ofzcarek hat fast in jedem Film von mir mitgespielt. Er ist einer der wenigen, die alles spielen können und auf die man sich als Autor 100 Prozent verlassen kann. Das macht einen als Regisseur auch träge. Jetzt war es wichtig, sich wieder neuen Menschen und Herausforderungen zu stellen. Ich brauche das Risiko und die Unsicherheit. Sonst beginnt man sich im Kreis zu drehen.

Eine ausführliche Rezension zu David Schalkos Roman "Schwere Knochen" lesen Sie im aktuellen stern.