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Roman "Machtergreifung" Ex-Mitarbeiter: "Wer einmal für die AfD gearbeitet hat, dessen Lebenslauf ist sofort verseucht"

Buchcover von "Machtergreifung" und Ferdinand Schwanenburg mit dem Rücken zur Kamera
Zwei Jahre lang arbeitete er für die AfD. Jetzt hat Ferdinand Schwanenburg (Pseudonym) einen fiktiven Roman veröffentlicht. Eine Geschichte über Extremismus, Manipulation und die titelgebende "Machtergreifung".
© Europa Verlag
"Machtergreifung" heißt der kürzlich veröffentlichte Roman eines ehemaligen AfD-Mitarbeiters. Darin unterwandert ein rechtsextremer Strippenzieher die fiktive, neue "Deutschlandpartei" mit einem einzigen Ziel: Er will einen Führerstaat errichten.

Seit Montag liegt der Roman "Machtergreifung" im Buchhandel, geschrieben von einem ehemaligen AfD-Mitarbeiter, der für den Moment anonym bleiben will. In dem Werk unterwandert ein rechtsextremer Strippenzieher die fiktive "Deutschlandpartei" und plant, einen neuen Führerstaat zu errichten. Der Autor will mit seiner Dystopie warnen. Die Parallelen zu seinem ehemaligen Arbeitgeber sind offensichtlich.

Der Name "Ferdinand Schwanenburg", unter dem Sie Ihren Roman "Machtergreifung" veröffentlicht haben, ist ein Pseudonym. Im Herbst wollen Sie Ihre wahre Identität bekanntgeben. Warum erst dann?

Schwanenburg: Das Buch soll unabhängig vom Autor für Diskussion sorgen. Mir geht es erstmal darum, dass die Inhalte diskutiert werden. Wer ich bin, das kann später dann für Gesprächsstoff sorgen. Nun ist dieses Jahr Bundestagswahl – der richtige Zeitpunkt, um die Wähler vor einer Partei wie der AfD zu warnen.

Worum geht es in "Machtergreifung"?

Das Buch, das ich ganz ausdrücklich als Groteske geschrieben habe, handelt von einer kleinen, gut vernetzten Gruppe Rechtsextremer, die die nach der Flüchtlingskrise gegründete "Deutschlandpartei" zur Machtergreifung nutzen will. Ihre Mission: in Deutschland erneut einen Führerstaat installieren.

Warum haben Sie ein solches Buch geschrieben?

Ich habe von 2015 bis 2017 für die AfD gearbeitet. Allerdings hatte ich nie ein Parteiamt inne – auch die Ideologie habe ich nie geteilt. Damals erschien mir die AfD als zwar konservative, aber bürgerliche Partei, die auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung stand.

Während meiner Arbeit für die AfD habe ich jedoch gemerkt, dass Teile der Partei – vor allem Funktionäre, aber auch Mitglieder und Wähler – ein ganz anderes Ziel verfolgten: einen Systemwechsel, eine Machtergreifung. Viele haben über ihren Wunsch eine neue Diktatur zu errichten ganz offen gesprochen. Das konnte und wollte ich nicht mittragen. Der Roman ist eine Warnung.

Warum Fiktion?

Im diesem Wahljahr ist es mir wichtig die Gefahr, die von der AfD ausgeht, deutlich aufzuzeigen. Dabei erschien mir die Fiktion als bestes Mittel. Es geht mir nicht um die Beschreibung einzelner Personen, sondern um die Strukturen und Mechanismen innerhalb der Partei. Eine kleine Gruppe völkisch denkender Männer – aber auch Frauen – hat die AfD systematisch unterwandert.

In Ihrem Roman finden sich zahlreiche, teils kaum versteckte Parallelen zwischen ihren Figuren und realen AfD-Funktionären, Journalisten und anderen, hochrangigen Politikern wieder. Wie nah an der Realität sind Ihre Charaktere?

Es ist kein Schlüsselroman. Es sind vielmehr "Idealtypen". Einige der Figuren sind natürlich sehr nah an echten Personen.

Wie der betagte Dr. Adalbert Hausding mit seiner Gartenzwerg-Krawatte.

Bei anderen Charakteren müssen Sie viel genauer hinsehen, um wen es sich dabei handeln könnte. Die Figuren sind in den meisten Fällen vielmehr Collagen, die Eigenschaften und Charakterzüge unterschiedlicher Realpersonen tragen.

Roman "Machtergreifung": Ex-Mitarbeiter: "Wer einmal für die AfD gearbeitet hat, dessen Lebenslauf ist sofort verseucht"

Die AfD als Gefahr: " Gefährlich sind die Puppenspieler, nicht die Puppen"

Ihren Protagonisten, den rechtsextremen Friedrich Sehlings, beschreiben Sie als "Spinne im Netz", der im Hintergrund die Fäden zieht und nicht zuletzt gemäßigte Parteimitglieder wie Puppen lenkt – alles mit dem Ziel seine "Mission" zu vollenden und einen neuen Führerstaat zu errichten. Wieviele "Sehlings" gibt es in der AfD?

So sein wie er, möchten sicherlich sehr viele. Während meiner Zeit in der AfD habe ich immer wieder Mitglieder kennengelernt, die von einem neuen Führerstaat träumen – und das auch ganz offen gesagt haben. Da habe ich dann Ausdrücke wie "sobald wir an der Macht sind" oder eben "nach der Machtergreifung" gehört.

Und wie viele dieser Radikalen haben die Fähigkeiten dazu?

Genau das ist die Frage. Meine Hauptfigur Sehlings zeichnet sich vor allem durch seine ausgezeichnetes Organisationstalent aus, er ist ein Machtmechaniker. Männer aus den hinteren Reihen haben solche Fähigkeiten.

Die Unscheinbaren also?

Medien konzentrieren sich immer auf die Führungsriege. Es sind aber einige hochintelligente Mitarbeiter im Hintergrund, begnadete Organisatoren, von denen die eigentliche Gefahr ausgeht. Gerade in den ersten Jahren hatten viele völkische Drahtzieher die Zeit solche Mitarbeiter zu Führungspersönlichkeiten aufzubauen. Schaut man sich die Landtage im Osten an, in denen die AfD in eine zweite Legislaturperiode geht, erkennt man: Viele der Posten wurden nun durch ebendiese Mitarbeiter ersetzt. Gefährlich sind die Puppenspieler, nicht die Puppen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Partei?

Es hat eine Machtverschiebung gegeben – die AfD rückt immer weiter nach rechts. Zu Beginn hatten die Völkischen nicht die personelle, sehr wohl aber die strukturelle, die organisatorische Mehrheit. Um Inhalte haben sich die Bürgerlichen gekümmert – bis jetzt. Der Parteitag hat klar gezeigt, dass der Flügel die Partei systematisch unterwandert hat.

Beim Parteitag hat sich Björn Höcke erstmals deutlich in den Vordergrund gestellt.

Höcke ist meiner Meinung nicht die Person, die die Fäden in der Hand hat. Aber es stimmt, er rückt jetzt in nach vorne.

Warum?

Weil er es jetzt kann. Der Flügel hat die AfD soweit durchdrungen, dass Männer wie Höcke keine Niederlage mehr fürchten müssen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Machtergreifung wie in ihrem Roman?

Ich sehe unsere Demokratie im Moment noch sehr gefestigt. Mein Roman ist als Dystopie, als Warnung zu verstehen.

Und: Je radikaler der Flügel nun auftritt, desto weniger Bürger werden die AfD dieses Jahr wählen. Ein schlechtes Wahlergebnis nützt den Extremen aber: Die Bürgerlichen würden für die Niederlage verantwortlich gemacht, der Flügel gewönne weiter an Macht.

Würde das viele AfD-Wähler nicht genauso abschrecken?

In dem Fall könnte sich die AfD scheinbar entradikalisieren, um neue Wähler anzusprechen.

Das Buchcover von "Machtergreifung"
"Machtergreifung" von Ferdinand Schwanenburg ist im Europa Verlag erschienen
© PR

"Mit dem Buch tue ich Buße"

Sie haben von 2015 bis 2017 für die AfD gearbeitet. Sind Sie mit Beginn Ihrer Arbeit auch in die Partei eingetreten?

Ja, bin ich. Ich habe aber schon für Politiker aller heute im deutschen Bundestag vertretenen Parteien gearbeitet. Mehrmals bin ich, wenn ich im Umkreis einer Partei gearbeitet habe, in die Partei eingetreten. Sobald mein Arbeitsvertrag endet, trete ich wieder aus.

Was waren Ihre Aufgaben in der AfD?

Ich kann nur sagen, dass ich für verschiedene AfD-Fraktionen im organisatorischen Bereich gearbeitet habe.

Wie eng haben Sie mit Spitzenfunktionären zusammengearbeitet?

Sagen wir es so: Ich war so nah dran, dass ich dieses Buch mit gutem Gewissen schreiben konnte.

Haben Sie aktuelle Entscheidungsträger persönlich kennengelernt?

Ja.

Was hat Sie an der Arbeit für die AfD gereizt?

Nach Artikel 21, Absatz 1 des Grundgesetztes wirken die Parteien an der politischen Willensbildung des Volkes mit. Also müssen sie auch befähigt werden, genau das zu tun – das sehe ich sogar als Einsatz für die Demokratie.

Mehr war nicht dabei?

Außerdem werden in Deutschland nicht allzu oft neue Parteien gegründet. So etwas einmal mitzuerleben und zu -gestalten, fand ich sehr spannend. Zu dem Zeitpunkt habe ich allerdings nicht wissen können, in welche Richtung sich diese Partei entwickelt.

Gab es einen Punkt, an dem Sie sich gesagt haben: "Hier kann ich nicht länger bleiben?"

Ein solcher Moment war zum Beispiel, als Björn Höcke bei einem Talkshow-Auftritt bei Günther Jauch im Oktober 2015 eine Deutschlandfahne auf seinen Sessel gelegt hat. Ich fand dieses Verhalten unmöglich. Nur haben das einige in der Partei ganz anders gesehen. Auf einmal habe ich Menschen kennengelernt, mit denen ich vorher keinerlei Berührung hatte – auch Antisemiten.

Warum hat es zwei Jahre gedauert, bis Sie der AfD den Rücken gekehrt haben?

Ich habe schon nach einem halben, dreiviertel Jahr gemerkt, dass die Partei nicht das ist, was sie zu sein scheint. Nur war es schwer die "Szene AfD" zu verlassen. Wer einmal für die AfD gearbeitet hat, dessen Lebenslauf ist sofort verseucht. 2017 ist es mir schließlich gelungen rauszukommen und in einem anderen Leben Fuß zu fassen.

Sie waren also beruflich gebrandmarkt?

Ich habe für mich den Begriff der "Ent-AfD-fizierung" – analog zur Entnazifizierung – geprägt. Ich hatte einmal ein Vorstellungsgespräch, indem mir gesagt wurde: "Mit der AfD im Lebenslauf haben Sie keine Chance". In vielen Fällen, davon bin ich überzeugt, wurde ich deswegen gar nicht erst zu Gesprächen eingeladen. Auch bei meinem jetzigen Arbeitgeber musste ich mich natürlich zu Beginn erklären.

Arbeiten andere nur deshalb weiter für die AfD, weil Sie keine berufliche Alternative sehen?

Mit Sicherheit. Einige Mitarbeiter sind nur noch dabei, weil sie schlicht abhängig von der Partei sind. Ich glaube auch, dass einige politische Funktionäre sich dem Flügel anbiedern, weil sie ansonsten vor dem existentiellen Aus stünden.

Kann man Ihr Buch als persönlichen Läuterungsprozess sehen?

Auf jeden Fall. Ich würde sogar noch weiter gehen: Mit dem Buch tue ich Buße. In den zwei Jahren, in denen ich die AfD mitbefähigt habe sich zu organisieren, habe ich mich mitschuldig gemacht.

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