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Todesstrafe für Stanley Williams: Eine Begnadigung reicht nicht

Wenn Arnold Schwarzenegger kein Veto einlegt, wird Stanley Williams am Dienstag hingerichtet. Viele Prominente haben sich für eine Begnadigung des Autors eingesetzt. Lobenswert, aber besser wäre gleich die Abschaffung der Todesstrafe.

Ein Kommentar von Carsten Heidböhmer

Am 2. Dezember ist in den USA die 1000. Hinrichtung seit Wiederzulassung der Todesstrafe vollstreckt worden. Der 57-jährige Kenneth Lee Boyd erhielt in North Carolina eine Giftspritze. Er war von einem Gericht schuldig befunden worden, seine Frau und ihren Vater ermordet zu haben. Begleitet wurde die Exekution von den üblichen Protesten: Der lokale Bischof meldete sich zu Wort, und 120 Menschen demonstrierten vor dem Gefängnis. Ansonsten geschah - nichts.

Ganz anders der Fall von Stanley "Tookie" Williams. Dieser hatte 1971 als Siebzehnjähriger in Los Angeles die Jugendgang "Crips" mitgegründet und war nach zehn gewalttätigen Jahren als Bandenchef 1981 wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt worden - obwohl er seine Beteiligung an den Mordtaten bis heute bestreitet. In der Todeszelle des Gefängnisses von San Quentin brachte sich Williams Lesen und Schreiben bei und verfasste Jugendbücher, in denen er mit seinem früheren Leben abrechnete. Seine Schilderung des Lebens auf den Straßen von L. A. verbindet Williams mit einem Appell an die Leser, sich nicht auf Drogen, Waffen und Gangs einzulassen und aus seinen Fehlern zu lernen.

Großer Medienrummel

Weil er für diese Bücher mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde und angeblich auch für den Literaturnobelpreis im Gespräch war, wird derzeit ein ungeheurer medialer Rummel um den Todeskandidaten veranstaltet. Eine Phalanx von Prominenten setzt sich öffentlich für eine Begnadigung ein: Vom südafrikanischen Erzbischof Desmond Tutu über Bianca Jagger bis hin zu Russell Crowe und dem Rapper Snoop Dogg. Insgesamt 32.000 Protestler haben das Begnadigungsgesuch an Arnold Schwarzenegger unterschrieben.

Dieses Engagement ist ehrenwert und verdient höchste Anerkennung. Dennoch stellt sich angesichts des Wirbels um Stanley Williams die Frage: Warum gehen die übrigen Exekutionen so geräuschlos über die Bühne? Weshalb findet sich bei weniger berühmten Todeskandidaten kaum ein Fürsprecher?

Gibt es berechtigte Exekutionen?

Es wäre verheerend, wenn durch dieses Protestverhalten der Eindruck entstünde, als wären manche Hinrichtungen ungerechtfertigt - denn das hieße im Gegenzug, es gäbe berechtigte Exekutionen. Doch genau diese Haltung zielt am Problem vorbei: Der eigentliche Skandal ist nicht der Fall Stanley Williams, sondern die Tatsache, dass in den USA hingerichtet wird - und das nicht zu knapp.

Andere Todeskandidaten haben allerdings das Pech, weniger gut mit Worten umgehen zu können. Nicht jeder zum Tode verurteilte ist in der Lage, bewegende Bücher zu verfassen. Das macht das Unrecht der staatlich ausgeführten Tötung dieser Menschen kein bisschen besser.

So respektabel jetzt die Aktionen zugunsten einer Begnadigung Stanley "Tookie" Williams sind: Sie greifen zu kurz. Es wird an der Zeit, dass Prominente, Politiker und Kirchen ein Bündnis gegen die Todesstrafe schmieden, um auf die Ungerechtigkeit dieses Aktes aufmerksam zu machen. Denn was die Unterstützer zugunsten von Stanley Williams ins Felde führen, muss man jedem anderen Menschen zugute halten: dass er Opfer eines Justizirrtums geworden sein könnte. Und dass jeder in der Lage sein kann, seine Taten ernsthaft zu bereuen und sich glaubhaft davon zu distanzieren.