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Disneyland: Vom Fiasko zum Welterfolg

Als das erste Disneyland der Welt seine Türen öffnete, erfüllte sich für Walt Disney ein lang gehegter Traum. Doch aus dem Traum wurde eine Katastrophe - zumindest am Eröffnungstag.

Walt Disney, der Schöpfer von Micky Maus und Donald Duck, hatte einen Traum. Er wollte einen Platz erschaffen, wo Eltern und Kinder genug Platz haben, um sich gemeinsam zu amüsieren. Was er sich ausmalte, sollte schöner und vor allem größer sein als die kleinen, schmutzig-miefigen Vorstadtparks, die er kannte. Einen ersten Anlauf in diese Richtung hatte er bereits unternommen. Neben den Disney-Fernsehstudios in Burbank hatte er auf einer Fläche von rund 3200 Quadratmeter einen kleinen Park anlegen lassen. Hier sollten seine Angestellten zusammen mit ihren Familien ihre Freizeit genießen könne. Doch Disney träumte von Größerem. Je mehr er träumte desto konkreter wurde seine Vorstellung von Disneyland. Auf dem Weg zur Verwirklichung seines Traums blieb er einem Motte treu: "Wenn du es erträumen kannst, dann kannst du es auch verwirklichen." Und er sollte Recht behalten. Am 17. Juli 1955 eröffnete er im kalifornischen Anaheim den ersten Disneypark der Welt.

Es sollte ein ruhiger Tag werden, als das Comicreich zum ersten Mal seine Türen öffnete. Nur einige Presseleute und ausgewählten Persönlichkeiten waren eingeladen. Die Sonne schien und am Himmel zeigte sich keine Wolke. Doch was als ruhiger Sommertag begann, endete als Fiasko.

Das pure Chaos brach aus

Der Eröffnungstag sollte als "Black Sunday" in die Geschichte des Unterhaltungskonzerns eingehen. Die Temperaturen in Anaheim stiegen auf 43 Grad und aus dem kleinen Grüppchen geladener Gäste wurde ein Besucherstrom, dem der Park nicht lange Stand halten konnte. An allen Ecken brach das pure Chaos aus. Vor den Toren bahnte sich der dickste Verkehrsstau an, den Kalifornien bis dahin gesehen hatte. Im Park kämpften Trägerinnen von Stöckelschuhen mit der zähen Masse der Straßenbeläge: Für den frisch verlegten Asphalt waren 43 Grad einfach zu viel. Innerhalb von ein paar Stunden hatte er sich in eine zähe, pumps-fressende Masse verwandelt.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Nach und nach fiel im Fantasyland der Strom aus. Im Tomorrowland brach eine Gasleitung und den Imbissständen ging das Essen aus. Viele Fahrgeschäfte gaben bereits nach den ersten Runden ihren Geist auf. Die Gäste schwitzten, hatten Hunger und waren frustriert. Besonders gestraft: Die Eltern quengelnder Kinder. Um sie mit einem Ritt auf dem Dumbo-Karussell außer Gefecht zu setzen, reichten sie die Kleinen kurzerhand über die Schultern der schlangestehenden Leute bis zum Ziel ihrer Träume weiter.

Millionen verfolgten die Katastrophe

Mit so etwas hatte Walt Disney ganz offenbar nicht gerechnet, als er zur Eröffnung seines Traumlands eine amerikaweite Medienkampagne anleierte. Sogar in Hollywood hatte er vorgesprochen und seine Freunde Art Linkletter, Bob Cummings und Ronald Reagan gebeten, das Ereignis für ihn im US-Fernsehen zu moderieren. Millionen von Amerikaner konnten so Walt Disneys Waterloo am Bildschirm mitverfolgen.

Unter normalen Umständen wäre alles wahrscheinlich so glatt verlaufen, wie es sich Disney vorgestellt hatte. Doch viele vergnügungssüchtige Amerikaner hatten es nicht abwarten können und die Eintrittstickets gefälscht. "Nach unseren offiziellen Aufzeichnungen waren 28.154 Gäste an diesem Tag in unserem Park", berichtet Van Arsdale France. Er war derjenige, der von 1955 bis 1959 in der Walt Disney Company dafür verantwortlich war, dass der Traum vom Disneyland wahr wurde - und er hatte Erfolg. Aus dem Anfänglichen Fiasko wurde ein Welterfolg. Seit der Eröffnung haben sich mehr als 500 Millionen Menschen in den Hügeln von Anaheim vergnügt, davon 13,4 Millionen allein 2004.

Vom Land zur Welt

Kurze Zeit nach diesem ersten Erfolg dachte Walt Disney bereits über sein nächstes Comic-Eldorado nach. Beim Bau von Disneyland in Anaheim hatte er sich vom Tivoli in Kopenhagen inspirieren lassen. Damals verwandelte er 35 Hektar Ackerland innerhalb eines Jahres in ein kunstvoll produziertes Unterhaltungsparadies. In Florida trieb den Bauherren weniger die Inspiration als der Hass an. Hass auf die Billigmotels und Amüsierbuden, die sich rund um sein Prestigeobjekt angesiedelt hatten. Disneys Lösung für das Problem: Noch größer, noch schöner. Was in Anaheim mit einem "Land" begann, wurde in Lake Buena Vista mit einer "Welt" weitergeführt.

In der Nähe von Orlando entstand auf einer Fläche von 120 Quadratkilometern Disneyworld und damit der größte Vergnügungspark der Welt. Den Anfang des neuen Größenwahns machte 1971 das Magic Kingdom, der erste von mittlerweile vier Themenparks. Seitdem ziehen pünktlich um 15 Uhr in einer langen Parade sämtliche Disneyfiguren jeden Tag durch die "Main Street", abends gibt es ein riesiges Feuerwerk und in der Achterbahn "Space Mountain" lassen sich Tag für Tag Massen von Fahrgästen durchschütteln. Und über allem thront - weiß wie ein Sahnehäubchen auf der Torte - das Wahrzeichen des Parks: das Cinderella Castle.

Der Sprung über den Atlantik

Nach und nach wurde die Comic-Welt noch weiter ausgebaut. 1982 entstand der Themenpark "Epcot" mit den beiden Bereichen "Future World" und "World Showcase". Sieben Jahre später kamen die Disney-MGM Studios hinzu. Hier bekam der Disney-Fan erstmals direkte Einblicke in Special-Effects, Kulissen und Requisiten. Sei es nun bei Indiana Jones oder der Kleinen Meerjungfrau. Das letzte Mammutprojekt, das 1998 in Florida aus dem Boden gestampft wurde, war "Animal Kingdom" - eine Mischung aus Freizeit- und Tierpark.

Doch Disney wollt seine Spaß- und Freizeitphilosophie auch weit über Amerikas Grenzen hinaus verbreiten. Anfang der 90er gelang ihm der Sprung über den Atlantik. 30 Kilometer östlich von Paris erstreckt sich auf einer Fläche von 600.000 Quadratmetern das Disneyland Resort Paris. Mit zwölf Millionen Touristen jährlich hat es andere französische Sehenswürdigkeiten wie den Eiffelturm oder den Louvre auf der Beliebtheitsskala längst hinter sich gelassen. Ähnlich wie bei den Vorgängern in den USA gibt es auch hier von "Frontierland" bis "Fantasyland" fünf Themenbereiche zu entdecken. Im "Frontierland" können sich die Besucher etwa der Goldgräberstimmung des legendären wilden Westens hingeben. Oder im "Adventureland" die geheimnisvollen Höhlen und Tunnel des Totenschädel-Felsens erforschen. Und eins darf natürlich auch in Paris nicht fehlen: das Sahnehäubchen-Märchenschloss, diesmal nicht in weiß, sondern rosarot.

Britta Hesener