VG-Wort Pixel

"Alexander" Ein Held sucht sich selbst


Vietnam-Spezialist Oliver Stone hat das Leben von Alexander dem Großen verfilmt. Herausgekommen ist ein Epos, das vielleicht mehr über den Regisseur als den makedonischen Eroberer verrät.
Von Carsten Heidböhmer

In der Geschichte der Menschheit sind Persönlichkeiten rar gesät, derer man sich Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende später noch erinnert. Menschen, die Visionen hatten, Tatkraft und Mut, zu neuen Ufern aufzubrechen, und die dafür als Helden in die Geschichte eingegangen sind. Nur sehr wenige Herrscher aus der Antike haben es bis ins Bewusstsein der heutigen Zeit geschafft. Dazu zählen Cäsar, Augustus (vor allem wegen seiner Erwähnung im Lukas-Evangelium), Hannibal, der die Alpen mit Elefanten überquerte, und die angeblich so schöne Herrscherin Cleopatra.

In diese Reihe gehört ebenfalls Alexander der Große. In nur 13 Regierungsjahren eroberte er ein riesiges Reich und stieß an die Grenzen der damals bekannten Welt. Oliver Stone hat sich nun dieser Figur angenommen und seine persönliche Heldengeschichte konstruiert. Dass sich ausgerechnet Hollywoods enfant terrible für diese historische Lichtgestalt interessiert, hat für einiges Erstaunen gesorgt. Hatte sich der Regisseur doch bislang mehr an der dunklen Seite des amerikanischen Traums abgearbeitet: der Ermordung John F. Kennedys, dem tragischen Ende der Präsidentschaft Richard Nixons, dem Einfluss der Medien auf die US-Gesellschaft ("Natural Born Killers") und vor allem dem Vietnam-Trauma, das er gleich in mehreren Filmen behandelt hat.

Aus der Rückblende erzählt

Sein episch angelegter Historienfilm beginnt 40 Jahre nach Alexanders Tod. Vor der Kulisse Alexandrias diktiert dessen ehemaliger Begleiter Ptolemaios, gespielt von Anthony Hopkins, seine Lebenserinnerungen. An seiner Seite unternimmt der Zuschauer eine dreistündige Reise durch das Leben Alexanders (Colin Farrell). Ptolemaios fungiert als dramaturgische Klammer; er gibt als Erzähler die Perspektive vor, strafft die Handlung, gewährt Einblicke in die Titelfigur – und kommentiert das Geschehen.

So führt er den Zuschauer zunächst nach Makedonien in Alexanders Jugend. Dem künftigen Eroberer ist keine schönes Kindheit vergönnt. Sein herrischer Vater, König Philipp (Val Kilmer), tyrannisiert mit seiner zügellosen Art die ganze Familie. Einmal wird Alexander sogar Zeuge, wie seine Mutter Olympias (Angelina Jolie) von Philipp vergewaltigt wird. Doch auch von der intriganten Olympias erfährt der Thronfolger nicht nur reine Mutterliebe.

Das prächtige Babylon ersteht wieder auf

Während sich Stone für eine Schilderung des Elternhauses viel Zeit nimmt, werden die weiteren Stationen seiner Jugend eher lustlos abgehakt. Als König Philipp ermordet wird, fällt Alexander im zarten Alter von 20 Jahren die Krone zu. Es folgt ein großer Sprung ins Jahr 331 v. Chr.: Bei Gaugamela besiegt Alexander in der entscheidenden Schlacht den persischen Großkönig Dareios III. und wird Herrscher über dessen Reich. Den ermüdeten Kriegern winkt der Einzug in das prächtige Babylon. Szenen wie diese lassen erahnen, weshalb der Film die ungeheure Summe von 150 Millionen Dollar verschlang. Die antike Stadt feiert ihre Wiederauferstehung - mit einem ungeheuren Detailreichtum.

Anstatt nun den Sieg zu genießen, zieht Alexander immer weiter gen Osten. Ziel ist das Ende der Welt. Die makedonischen Krieger teilen seine Entdeckerlust allerdings nicht. Zunehmend macht sich Unlust breit - sie sehnen sich nach Frau, Kindern, dem eigenen Zuhause. Die Frage stellt sich immer lauter: Was sucht Alexander eigentlich?

Spätestens hier wird klar, weshalb sich Oliver Stone für die Kindheit Alexanders derart viel Zeit nahm. Der makedonische König ist in den Augen des Regisseurs nicht der strahlende Held, als den ihn die Geschichtsbücher darstellen. Vielmehr ist er ein Getriebener, der nicht zur Ruhe kommt. Vor allem seine Mutter Olympias sucht ihn regelmäßig in seinen Träumen heim. Ein echtes Kindheitstrauma offenbart sich da. Hinzu kommt sein Schuldkomplex: Nur durch den von seiner Mutter veranlassten Mordanschlag auf seinen Vater konnte er überhaupt den Thron besteigen.

Liebe zu seinem Jugendfreund

Auch im Privatleben bleibt Alexander das große Glück versagt. Gegenüber seinen Generälen und engsten Begleitern wird er zunehmend misstrauisch. Einzig mit seinem Jugendfreund Hephaistion (Jared Leto) basiert auf dem Ideal einer reinen, auf gegenseitigem Vertrauen basierenden Liebe. Die Darstellung dieser Beziehung gelingt dem Film dankenswerterweise ohne explizite Sexszenen. Insofern ist der Wirbel, den griechische Rechtsanwälte im Vorfeld um die Darstellung von Alexanders Bisexualität entfacht hatten, nicht nachvollziehbar.

Das Anliegen des Films ist durchaus ambitioniert: Intimes soll vor dem Hintergrund des Monumentalen dargestellt werden, Alexander ist ein widersprüchlicher Held, der gebildet und grausam zugleich ist. Bei all dem hat sich Stone gründlich übernommen, da er sich nicht dafür entscheidet, ob er ein Herrscherporträt zeichnen, oder vom Leben Alexanders erzählen will. Letztendlich scheitert er mit beidem: Weder wird dem Zuschauer die Person des Eroberers näher gebracht, noch bekommt er einen Überblick über die historische Dimension der Ereignisse.

Zurück bleibt der Eindruck von Reizüberflutung, von vielen bombastischen Bildern, die sich aber zu keinem Ganzen zusammenfügen wollen. Da helfen auch die Kommentare Ptolemaios' nichts. Was er resümierend über Alexander sagt, "Sein Fehlschlag steht weit über den größten Erfolgen vieler anderer", gilt leider nicht für den Film. Das hat Oliver Stone schon mal besser gekonnt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker