HOME

"Die Sopranos": Die Komik der Tragik

In den USA lockten "Die Sopranos" bis zu 18 Millionen Zuschauer vor die Fernseher, in Deutschland wurde die Serie abgesetzt. Zur DVD-Veröffentlichung outet sich Autor Frank Schulz als Sopranoiker.

Ich heiße F. und bin Sopranoiker. Die Finger zittern, wenn ich eine jener Polycarbonatscheiben in den DVD-Player schiebe. Das Herz schlägt höher, sobald die Bässe brummen. Der Adrenalinpegel steigt, während die Titelmusik den Schnittrhythmus des Vorspanns untermalt: flüchtige Straßenimpressionen, gefilmt unterwegs von New York nach New Jersey, Faust am Lenkrad, haariger Unterarm mit Goldkettchen, Zigarre...

"Die Sopranos". Die Neuerfindung der TV-Serie als solche. Nie gesehen? Tja, wir deutschsprachigen Fans sind skandalös unterrepräsentiert. Ursache: Absetzung wegen Quotentiefs aufgrund verfehlter Programmplanung (ZDF). Bis zu 18 Millionen Amerikaner hingegen verfolgten seit dem 10. Januar 1999 die jeweils jüngste Fortsetzung. Nummer 86, die letzte, lief am 10. Juni 2007 - mit einem Schluss, den man in Bars, Büros und Blogs bis heute diskutiert.

"Charaktere werden zum Teil unseres Lebens"

Vanity Fair etwa wertete jene bahnbrechende Produktion des Pay-TV-Senders HBO als "größte Show der Fernsehgeschichte". Und der jüngst verstorbene Norman Mailer als etwas, das "dem großen amerikanischen Roman in der heutigen Kultur am nächsten kommt." Andere Kritiker beschworen gar epischen Atem und dramatische Kraft von Balzac, Dickens, Shakespeare. Die Liste der eingeheimsten Grammys, Golden Globes etc. ist ellenlang.

David Chase (geb. DeCesare), 62, war schon als Kind von der Mafia beses-sen. Die Krönung seiner Karriere als Drehbuchautor ("Detektiv Rockford"), Regisseur und Produzent ist zweifellos dieses grandiose Sozialepos. Wie drückte es ein US-Blogger aus? Die "Charaktere werden zum Teil unseres Lebens."

Stimmt. Vor allem der aus dem Vorspann. Nicht nur die Zigarre gehört ihm, sondern die Unterwelt von New Jersey. Steckbrief: Tony Soprano. Um die 40. Größe: 1,84 Meter. Geschätzte zweieinhalb Zentner Muskeln, Fett und Eier. Verheiratet mit einer tüchtigen, eifersüchtigen Frau. Pubertierende Tochter, träger Sohn. Doch auch die andere "Familie" nervt: nörgelnde Capos, ein fauler, jähzorniger Neffe, ein präseniler, infamer Onkel, der Tony den Status als Boss missgönnt...

Der Pate, Teil IV? Eben nicht: Der Mobster der Jahrtausendwende sucht eine Psychoanalytikerin auf. Er leidet unter Panikattacken - Midlife-Crisis. (Wen das an "Reine Nervensache" erinnert, dem sei gesagt: ein Unterschied wie von Bohlen zu Beethoven.) Und so geht Tony auf achtjährige Seelenkur, während seine Kinder erwachsen werden und er eh und je neun von zehn Geboten bricht: Du sollst nicht ehebrechen… stehlen… töten… Nur eines hält er lange ein: … deine Mutter ehren. Leider ist die eine wahre Hexe. Was Tonys generationenaltes italienisches Über-Ich leugnet - ums Verrecken.

Ungeheuerlicher Unterhaltungswert

Natürlich ist das nicht der einzige Konflikt, dem Tony sich in den fünf Staffeln à 13 und der sechsten à 12 Episoden (plus 9 Bonusfolgen) ausgesetzt sieht. Doch der eigentliche Geniestreich von Schöpfer Chase besteht darin, Tony und Co. nicht bloß als Charaktermasken abzufilmen. Sondern langfristig auszuloten bis in die Untiefen ihrer Komplexität, jeweils geradezu naturalistisch porträtiert und so hinreißend gespielt von jedem und jeder einzelnen Darsteller/in, dass wir zwischen Hass, Zuneigung, Mitleid, Verachtung, Angst und Abscheu schwanken - mitunter fast so intensiv, als wären wir Nachbarn. Tiefe Erkenntnisse über die Einflüsse der menschlichen Natur auf die Zeitläufte gewinnen wir "nebenbei". Zu schweigen vom ungeheuren, ja ungeheuerlichen Unterhaltungswert.

Also, es ist Winter. Heizung an, Fernseher an - und eingetaucht in jene die Nerven kitzelnde Parallelwelt, zum Grübeln poetisch, zum Weinen tragisch, zum Schreien komisch. Bald werden auch Ihre Finger zittern.

Frank Schulz