"Dirty Dancing" Zeitreise mit Engtanz


Kreisende Hüften, fliegende Röcke, riskante Hebefiguren - das Musical zum Filmklassiker "Dirty Dancing" präsentiert sich mit atemberaubenden Tanzeinlagen - und versetzt die Zuschauer ganz nebenbei in das Jahr 1963 zurück.

Es gibt Filme, die tauchen auf keiner Bestenliste auf, deren Darsteller wurden bei den Oscars ignoriert und ihre Wiederholungen haben schon so oft das Licht der TV-Röhre erblickt, dass sich bei der bloßen Erwähnung ihres Titels dutzende Augenpaare gen Himmel rollen. Trotzdem sind diese Filme legendär, nein, nicht legendär schlecht, sondern zum schmachten schön, kitschig und für ihre Zeit so treffend, dass sie zum Mythos wurden. "Dirty Dancing" ist so ein Film. Als er 1987 in Kinos kam verzückte er allein in Deutschland mehr als neun Millionen Kinogänger. Doch es sollte 17 Jahre dauern, bis sich die Autorin des Films, Eleanor Bergstein, überreden ließ, ein Drehbuch für die Bühne zu schreiben. Im März 2007 war es schießlich in Hamburg so weit: "Dirty Dancing" feierte seine Europa-Premiere.

Dem Besucher, der sich über das minimalistische Bühnenbild wundert, wird schnell vor Augen geführt, worum es in diesem Musical geht: ums Tanzen. Um dreckige, hüftkreisende, aneinanderreibende Balzgebärden. Hinter einem durchsichtigen, netzartigen Vorhang schmiegen sich schon vor Beginn der Handlung Tänzerkörper aneinander, fliegen Beine in Höhe, werden Röcke gelupft. Doch was in der Einstiegsszene noch seltsam steif und einstudiert wirkt und mehr an Aerobicstunde denn an verbotene Hinterhofdisco erinnert, löst sich im Laufe der Vorführung in Wohlgefallen auf. Eines muss man der Besetzung des Musicals lassen: Tanzen kann sie.

Arzttochter trifft Tanzlehrer

Die Handlung des Musicals ist schnell erzählt: "Es war im Sommer '63, alle nannten mich Baby und irgendwie hat mir das gefallen. Es war der Sommer, den wir bei Kellerman's verbrachten..." Baby, das ist Frances Houseman, gutbürgerliche Tochter eines Arztes, die gegen das Schlechte in der Welt kämpft und dabei das anstößige Tanzen lernt. Denn statt mit dem braven Jurastudenten Hufeisen zu werfen, schleicht sich Baby in die verruchte Welt der niederen Hotelangestellten und Animateure und verliert dort Herz und Jungfräulichkeit an den gut aussehenden Tanzlehrer und Maurergehilfen Johnny Castle. Tanzend überwindet das Paar intellektuelle Gegensätze, elterliche Vorurteile und tollpatschige Bewegungsübungen, "Bleib auf den Zehenspitzen... tu was ich dir sage... die Technik alleine macht's nicht... du musst den Rhythmus spüren! " und zeigt das Happy End der gegensätzlichen Königskinder.

Wen die Bühnen-Geschichte an den Film erinnert, der wird bald bestätigt. Jede Szene, jeder Dialog, jedes Bühnenbild, ja sogar fast jeder Hüftschwung gleicht exakt dem filmischen Pendant. Bis auf wenige Veränderungen, vor allem in der zweiten Hälfte, wurde das Drehbuch auf der Bühne identisch umgesetzt. Doch während sich der Film genüsslich seiner Oberflächlichkeit hingibt und großartig in dem ist, was er ist, nämlich ein unterhaltender Tanzfilm, versucht das Musical künstlich Tiefe zu schaffen indem Szenen über die Bürgerrechtsbewegung hinzu gefügt wurden.

Mitsingen möglich

Der Vorteil der sonst getreuen Adaption: Das Publikum weiß genau, was es bekommt, kann die Szene fast mitsprechen und verfällt bei Stichworten wie "Mein Baby gehört zu mir" in erwartungsvolles Gekreische. Ein "Im Film war das aber so und so" kann hier niemand bemeckern, von der Wassermelone, die Baby ins Gesindehaus trägt bis zum Tanz auf dem Baumstamm - alles da. Der Nachteil: Hauptdarsteller, Bühnenbild und Tanzeinlagen müssen sich natürlich den Vergleich mit dem Film gefallen lassen. Ein weiteres Minus sind für wahre Musical-Liebhaber die fehlenden Gesangseinlagen.

Genauso wie das Stück selbst kommt auch das Bühnenbild in Bewegung. Die zunächst minimalistisch anmutende Bühne dreht und wendet sich zur perfekten Ferienclub-Kulisse, Johnny braust im originalgetreuen 57er Cadillac von dannen, ein 18 Meter langer Baumstamm kippt aufs Podium, damit Baby und Johnny ihr Gleichgewicht auf ihm trainieren können und für die berühmte Hebefigur wird ein künstlicher Waldsee mit Nebelschwaden auf die Bühne projiziert.

So viel Liebe zum Detail weiß das Publikum zu schätzen: Jubelschreie, lautstarke Seufzer - "Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?!" - und am Ende Standing Ovations beweisen den geglückten Zeitsprung ins Jahr 1963 - den Sommer, den wir alle bei Kellerman's verbrachten.

be/pie


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