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"Dr. Alemán": Kugeln, Kokain und ein deutscher Mediziner

August Diehl hat für "Dr. Alemán" nicht nur Spanisch gelernt, sondern beim Drehen auch einige Wochen inmitten eines kolumbianischen Elendsviertels verbracht. Dabei hat er am eigenen Leib erlebt, wie europäischer Humanismus in einer Welt aus Drogen und Gewalt an Grenzen stößt.

Von Johannes Gernert

Es ist sein erster Tag in diesem kolumbianischen Krankenhaus. Und jetzt soll er die Kugel aus der Brust entfernen. Marc, ein deutscher Medizinstudent, betrachtet die Öffnung, aus der das Blut sickert. Ob er Erfahrung mit Schusswunden habe, hat ihn der Chefarzt gerade noch gefragt, und er hat darauf mit ziemlich unbewegtem Gesicht geantwortet, dass in Deutschland am Sonntag das Rasenmähen verboten sei. Kugeln?!

Das Gute an der Sache, ruft ihm ein jüngerer Kollege noch zu, sei doch, dass einem ohnehin nur Verbrecher auf den OP-Tisch unter kämen. Da störe es keinen, wenn die bei der Operation wegsterben würden. Nur ein Scherz! Der Kollege lacht und stellt das Radio an. Dann ist Marc mit der Krankenschwester und dem Verletzten alleine. Er atmet ein paar Mal ein und aus, bevor er die Wunde aufschneidet und die Kugel herauszieht. Blut tropft vom Tisch auf seine schwarzen Samba-Turnschuhe.

Anschließend sieht er erleichtert aus, aber das ist erst der Anfang. In den kommenden Wochen wird der junge Medizinstudent das geschützte Haus seiner Gastfamilie verlassen und sich in den engen Gassen des Armenviertels verlieren. Er wird koksen, Sex haben, über staubige Fußballplätze rennen. Er wird sich in eine schöne Kioskbesitzerin verlieben, die manchmal mit schnellen Schlucken aus der Schnapsflasche gegen das Elend antrinkt. Einer der Drogenbosse wird ihn zu seinem Leibarzt machen wollen. Marc wird das Leichentuch vom Gesicht eines neuen Freundes ziehen. Er wird sich sehnen nach irgendwas, nach Gefühl in dem eingeschlafenen Bein, das sein Leben ist.

"Umschmelzen in der Hölle"

"Er sucht eine Art Schmelztiegel oder eine Hölle, um wieder zu einem anderen Menschen umgeschmolzen zu werden - auch wenn er dabei draufgeht", sagt August Diehl, der diesen Marc spielt. "Es ist die Suche nach einer Vernichtung - oder einer neuen Geburt." Davon handelt "Dr. Alemán".

Diehl ist eine gelungene Besetzung für diesen Film. Man sieht seinem Marc an, dass mit ihm etwas sehr Grundsätzliches nicht stimmt. In seinen Mundwinkel steckt ein wenig Zuversicht. Er verzieht sie manchmal zu einem scheuen Lächeln. Aber in den Augen sitzt ein tiefes Unbehagen. Und gelegentlich ein leichter Anflug von Irrsinn. "Überinspiriert" nennt Diehl den Charakter.

Für die Dreharbeiten hat August Diehl dieselbe Reise angetreten wie dieser Marc. Er ist nach Kolumbien geflogen und hat als einziger Deutscher im Ensemble viel Zeit mit Bewohnern des Viertels Siloé in der Stadt Cali verbracht. Die Mordrate auf den Straßen dieses Stadtteils sei in den 90ern wahrscheinlich die höchste der Welt gewesen, sagt Diehl. Manche Leute, die er dort traf, hatten vielleicht selbst jemanden auf dem Gewissen. "Sie hatten teilweise Guerilla-Erfahrung", erzählt er. Der Wechsel vom kleinen Kind zum uralten Mann gehe dort rasend schnell. "Sehr, sehr aufregend" sei das alles für ihn gewesen. Bei seinem ersten Besuch im Krankenhaus hat er geschluckt. Es kam ihm vor wie ein Lazarett.

Wie man richtig "hola" sagt

Die Erlebnisse haben ihn langsam zur Figur des Marc werden lassen. Einige Wochen vor dem Abflug nach Kolumbien konnte Diehl noch kein Wort Spanisch. Bei der ersten Lesung des Drehbuchs hat er "holla" gesagt, wie in "Holla, die Waldfee". Dass man das h in "hola", dem spanischen "hallo" gar nicht spricht, hat er erst während eines Sprach-Intensivkurses gelernt. "Es ging dann immer besser, bis wir zum Schluss sogar Szenen improvisieren konnten", sagt Diehl.

Während Marc jeden Tag mit mehr Routine Kugeln aus Körpern entfernt, beginnt er sich Gedanken zu machen über den Gangboss J, der auf dem Hügel residiert und das tödliche Blei mit dem eingravierten J von seinen Untergebenen im Viertel verteilen lässt. Die Kleindealer vom Kiosk, die auf Marc aufpassen, ohne dass er das mitbekommt, fragen ihn, auf welcher Seite er überhaupt steht. Er, der Gringo-Arzt, der bald sowieso wieder aus dem Elend verschwindet. Irgendwann glaubt er zu wissen, welche Seite das ist, nimmt eine Waffe und zieht los. Aber alles wird viel komplizierter, als er denkt.

Kurzzeit-Eindringling in die Drogenwelt

Da verläuft eine Parallele zu dem Film, der Diehl Ende der 90er bekannt gemacht hat. In "23" glaubte der Illuminaten-Verschwörungstheoretiker und Computerhacker Karl Koch auch, alles durchschaut zu haben, während ihm sein Leben entglitt und er sich im Koksrausch verlor. "Nichts ist so, wie es scheint", so hieß der Untertitel von "23". In "Dr. Alemán" ist das durchaus ein bisschen ähnlich, auch wenn Diehl es nicht ganz so sieht.

Wie positioniert man sich als Kurzzeit-Eindringling in solch einer unbekannten Welt? Das ist für den Hauptdarsteller eine der wesentlichen Fragen des Films. Auch zu ihm haben sie gesagt: Du verschwindest doch sowieso bald wieder. Auch er musste erst langsam verstehen, welche Rolle das Kokain in Kolumbien spielt: "Ich fand irre, wie die das dort nehmen, und was sie für eine Haltung dazu haben. Es ist längst nicht die Spaß-Droge, die es bei uns ist. Das Kokain hat das Land zur Blüte gebracht und es auch zerstört. Insofern haben sie einen ganz anderen Bezug dazu."

Nicht einmischen, um zu überleben

Diehl reist gern und kennt diese Grundkonstellation aus "Dr. Alemán": Mit westlichen Werten im Backpacker-Rucksack fährt man durch ein fremdes Land - und muss sich schließlich fragen, wie stark man gegenüber den Einwohnern auf diesen Werten beharren soll. Heißen sie vielleicht auch deshalb westliche Werte, weil sie eben am besten immer noch im Westen funktionieren? Es geht um Moralvorstellungen, um Gerechtigkeitsempfinden.

"In Kolumbien ist Nicht-Einmischen das Wichtigste, wenn man überleben will", sagt Diehl. Er macht die Gesten der drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. "Unser europäischer Humanismus hat dort plötzlich etwas Naives. Trotzdem würde ich nie sagen, dass man diesen Humanismus aufgeben sollte." Man muss nur überlegen, wie man ihn dosiert. Marc muss das überlegen. Wahrscheinlich trägt er diese Konflikte in "Dr. Alemán" so glaubwürdig aus, weil sein Darsteller das nicht nur spielt, sondern es auch weiß.