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"Free Rainer": Die Guerilla gegen TV-Trash

Mit der Mediensatire "Free Rainer - Dein Fernseher lügt" nimmt Regisseur Hans Weingartner deutsches Unterhaltungsfernsehen auf die Schippe. Die Idee ist gut, die Umsetzung mau, Moritz Bleibtreu startet gut als koksender TV-Produzent, lässt aber stark nach.

Mit der Revoluzzergeschichte "Die fetten Jahre sind vorbei" hat er es bis nach Cannes geschafft. Nun bringt Hans Weingartner seinen mit Spannung erwarteten neuen Film ins Kino: Mit der Mediensatire "Free Rainer - dein Fernseher lügt" will sich der 37 Jahre alte österreichische Regisseur mit einem TV-Geschäft anlegen, in dem es nur um Quoten, nicht um Qualität geht. Star dieser Abrechnung mit dem "Unterschichtenfernsehen" ist Moritz Bleibtreu. Weltpremiere feierte der Film, der an Satiren wie "Late Show" erinnert, beim Festival in Toronto - wo er nach Worten des Regisseurs gut ankam.

Vorschlaghammer trifft Trash-TV

Trash-TV, Soaps und Gameshows jenseits der Verblödungsgrenze, gemacht von Fernsehredakteuren, die einmal über Nietzsche ihre Magisterarbeit geschrieben haben: Das ist das Feindbild, das Weingartner ("Das weiße Rauschen") kultiviert. Fassungslos war der Regisseur, als er las, dass der Mitteleuropäer im Schnitt vier Stunden täglich vor dem Fernseher sitzt. Und dabei völlig abstumpft. "Die Zuschauer wollen Titten sehen und wissen, wie man Steuern spart", sagt im Film Maiwald, der Programmdirektor des fiktiven Senders TTS (Gregor Bloéb).

Bleibtreu spielt den Titelhelden Rainer, einen Produzenten von Fernsehshows, der durch das Trash-TV zum ausgebrannten Zyniker geworden ist. Weingartner illustriert das wie mit dem Vorschlaghammer - überdeutlich. Schon in den ersten Szenen hat Rainer diverse Linien Kokain geschnupft, rast in einer Amokfahrt durch Berlin und droht einer Gruppe Skinheads mit dem Baseballschläger.

Eine seiner Shows heißt "Hol' dir das Superbaby". Rainers Freundin (Simone Hanselmann) ist blond und karrieresüchtig, in der Wohnung hängt ein Flachbildfernseher. Den schmeißt Rainer aus dem Fenster, als er erkennt, was er mit seiner Art von Fernsehen anrichtet. Vorher wird er von einer jungen Frau angefahren, deren Großvater wegen eines Fernsehberichts Selbstmord begangen hat. Gespielt wird sie von Kinoneuling Elsa Sophie Gambard, die Weingartner beim Surfen in Spanien kennenlernte.

Weingartner bleibt Revoluzzer

Nach seinem Unfall ist Rainer ein besserer Mensch, der eine kulturelle Gegenrevolution anzettelt. Auf einmal will das Publikum Fassbinder statt Fassbier und liest im Park Reclam-Heftchen, statt sich Schönheits-OPs in der Glotze anzusehen. Die Pointe ist am Ende fast die gleiche wie in "Die fetten Jahre sind vorbei". Die Moral auch: Revolution lohnt sich. Weingartner will Fehler zeigen, die durch eine Fixierung auf Quoten entstehen - und die sind dem Film zufolge noch nicht einmal korrekt gemessen. "Die Menschen sind nicht so dumm wie das Fernsehprogramm", beteuert der Regisseur in den Produktionsnotizen.

Sehenswert ist die Leistung von Bleibtreu, der für "Elementarteilchen" einen Berlinale-Bären gewann. Schön skurril ist wieder einmal Milan Peschel ("Netto"), der einen Wachmann mit Hang zur Verschwörungstheorie spielt. Doch der Film hat deutliche Schwächen: Ein paar Schnörkel in der Handlung hätte man getrost aus dem Drehbuch streichen können. Subtiler Humor ist Weingartners Sache nicht. Manchmal kommen Moral und Bilder arg plakativ daher, auch der Stoff ist nicht bahnbrechend. Die Diskussion um eine Volksverblödung durch das Fernsehen gab es schließlich schon vor den Zeiten von "Dallas" und "Schwarzwaldklinik".

Caroline Bock/DPA / DPA