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"Karate Kid": Was vom Kinohit übrig bleibt

Auch der 80er-Jahre-Klassiker "Karate Kid" ist dem allgemeinen Remake-Wahn zum Opfer gefallen. Aber die Kampfsport-Geschichte eignet sich ausgezeichnet für eine Abrechnung zwischen den Jahrzehnten.

Von Sophie Albers

Um die übliche Diskussion über Sinn und Unsinn von Remakes gleich abzukürzen: Für Videospiel-geschulte Augen ist die 1984er Version von "Karate Kid" eine Schnecke auf Krücken. Natürlich ist das Original besser, wenn man es denn vor 26 Jahren gesehen hat. Wie bei allen Remakes regen sich auch bei "Karate Kid" vor allem die auf, für die der erste Film zur eigenen Geschichte gehört - samt XL-Pullovermode und Bananarama-Soundtrack. Der jugendliche Zielgruppen-Rest zuckt mit den Schultern. Denn - und das muss man einfach zugeben - "Karate Kid 2010" ist ein solider, lustiger, spannender Film über das Erwachsenwerden geworden. Nur mit der Botschaft gibt es ein paar Probleme.

Die

Geschichte

ist die gleiche geblieben: Ein Junge kommt mit seiner Mutter in eine neue Stadt, wird in der Schule gemobbt und verprügelt, freundet sich mit einem Hausmeister an, der in Wahrheit ein Kampfsportmeister ist, und trainiert mit ihm, um sich selbst behaupten zu können. Und ein niedliches Mädchen, das den schmalbrüstigen Helden anfeuert, gibt es auch noch.

Jackie Chan statt Pat Morita

Bei den Figuren hat sich dagegen einiges getan: Aus dem mindestens 16-jährigen, Fingernägel kauenden Möchtegern-Checker Daniel LaRusso (Ralph Macchio) ist der zwölfjährige Supermann Dre (Jaden Smith) geworden, der sich so entspannt durch Pubertät und erste Liebe laviert, als habe Papa Will Smith ihm permanent souffliert. Mal ehrlich: Ja, Kinder sind heutzutage früher reif, aber ein elaborierter Zungenkuss unter Zwölfjährigen wirkt schon etwas befremdlich. Auch wenn Jaden Smith immer wieder beeindruckende schauspielerische Momente hat, wirkt er einfach zu jung für die Rolle. Er ist eben nicht "Der Prinz von Bel Air". Als sein Vater den spielte, war er 22.

Anders als Original-Daniel, der von der Ost- an die Westküste der USA zieht, verschlägt es Remake-Dre von Detroit nach Peking, was man wohl auch als wirtschaftspolitschen Kotau werten kann. Vor allem aber wird deshalb aus Karate Kung-Fu, was eigentlich sogar den Filmtitel aushebelt. Aber seien wir nicht so. Denn ein ganz großes Plus im "Karate Kid"-Remake ist der Lehrer.

Eher "Blood Sport" als Kinderfilm

Aus dem in den USA lebenden Japaner Mister Miyagi - im Original gespielt vom wunderbaren Pat Morita - ist der englisch sprechende Chinese Mister Han geworden. Zwar sind beide Hausmeister, aber das war es dann auch schon mit den Ähnlichkeiten. Diesen Mister Han spielt in aller Großartigkeit der Martial-Arts-Actionstar Jackie Chan, der im kleinen Finger genug Energie hat, um den ganzen Film allein zu stemmen. Und er gibt diesen gebrochenen Mann auch noch so zurückhaltend und mehrschichtig, dass allein er das Kinoticket wert ist.

Die Seite des Bösen ist bis auf die Nationalitäten - die Schlägertruppe samt sadistischem Lehrer sind nun eben Chinesen anstatt Amerikaner - dem Original treu geblieben. Allerdings wurde bei der

Gewaltdarstellung

offenbar dem Zeitgeist Rechnung getragen. Die Schlägereien und der Psychokrieg sind im Remake von einer Brutalität, die eigentlich nicht für ein Kinderpublikum geeignet ist. Es wird weiter geprügelt, wenn einer am Boden liegt - und bis zum Ende draufgehalten. Es erinnert fast schon an Jean-Claude van Dammes "Blood Sport", wenn die Kinder aufeinander losgehen. Und da hilft es auch nicht, dass sie es in vollendeter Computerspiel-Ästhetik tun. Interessanterweise war der wesentlich harmlosere Film von 1984 erst ab zwölf freigegeben. Das Remake ist ab sechs. Somit ist "Karate Kid 2010" ein veritabler Beweis für unser Abstumpfen.

Gegen die Angst

Das Schöne, Inspirierende und eben auch Neue an der Geschichte damals wie heute ist das Zusammentreffen des alten Mannes und des Jungen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und die sich daran erklärenden unterschiedlichen Lebensphilosophien. Auch an diesem Punkt macht das Remake sehr deutlich, wo in unserer Zeit der Hase läuft: Hat Mister Miyagi in den 80ern von der Balance gesprochen, die das Leben lebenswert mache, geht es Dre nur noch darum, die Angst zu besiegen. Das ist vielleicht zeitgemäßer, aber wenn sogar Hollywood das Konzept der Nachhaltigkeit aufgibt, sieht es schlecht aus für die Zukunft.

Natürlich ist das "Karate Kid"-Remake "nur" ein weiterer Action-Kinderfilm. Aber gerade so ein Action-Kinderfilm pflanzt in seiner Beiläufigkeit Ideen, die diese Welt derzeit nicht wirklich brauchen kann. Denn - und das lehrt Mister Miyagi im "Karate Kid"-Original - egal wie hart du auch trainierst, es wird immer jemanden geben, der besser ist als du. Es wird Zeit, die Ideologie des Einzelkämpfers endlich mal in Rente zu schicken, anstatt sie immer wieder neu zu beleben.

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