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"Kill Bill Volume 1": Ein mordsmäßiges Doppel

Köpfe rollen, Knochen brechen, Blutlachen überall: Kein Zweifel, Quentin Tarantino, Hollywoods wüstes Wunderkind, ist wieder da - mit seinem Kung-Fu-Epos "Kill Bill" und mit Uma Thurman, einer grausam guten Heldin.

Früher war er mal Platzanweiser in einem Pornokino, was man sich heute kaum vorstellen kann, denn nichts käme Quentin Tarantino schwerer über die Lippen als ein dezent in die Stille geflüstertes "Reihe zwei, Platz vier, und bitte wischen Sie hinterher auf". Man kann es sich nicht vorstellen, weil Quentin Tarantino heute eine Sprechmaschine ist. Er redet, als ob Wörter morgen etwas kosten würden. Er ist heiser, die vergangenen zwei Tage hat er am Stück gesprochen, und er spricht weiter ohne Kamillentee oder Salbeibonbons, ohne Punkt und Komma. Wenn man ihn jetzt nach der Uhrzeit fragte, würde er so was sagen wie "Zehn vor drei, du hast noch fünf Minuten Zeit, bevor eine Kugel deinen Schädel durchbohrt und das Hirn hinten heraus?" und so weiter. Dann würde er heiser aus diesem Gesicht mit dem Mäusevorhang auf der Stirn lachen, weil er natürlich nie wirklich auf jemanden schießen würde, aber das wäre doch eine nette Idee für einen Film über Uhrzeiten.

Neun Jahre ist es her, dass der ehemalige Filmseminarbesucher mit "Pulp Fic-tion" gezeigt hat, wie man mit Sarkasmus und unanständig beiläufigen Gewaltszenen einen Kultfilm macht. Seitdem ist Quentin Tarantino das ewige Hollywood-Wunderkind, und natürlich warten die Menschen, die von Filmen Coolness verlangen, jetzt wieder auf so ein Juwel, das drei Jahre in der Spätvorstellung ihres Programmkinos laufen wird, ausverkauft natürlich.

"Kill Bill" heißt sein neues Werk, und weil der 40-jährige selbst erklärte "Film- und Video-Junkie" kein zynischer Effektarchitekt wie der Action-Produzent Jerry Bruckheimer ist, sondern als Filmemacher wirklich hemmungslos romantisch, hat er sich sozusagen kreativ vereint. Mit Uma Thurman, Hauptdarstellerin, Muse, Ikone aus "Pulp Fiction" und nun so etwas wie Tarantinos "Think tank". Sie sitzt neben ihm, und wenn er mal Atem schöpft, übernimmt sie mit ihren Worten seine Gedanken.

"Uma hatte die Idee zu ihrer Rolle. Eine Rächerin. Unsere Einfälle haben sich gepaart, und ich brauchte nur noch eine Geschichte um diese Figur herum zu bauen." Sie entstand in endlosen Telefonaten und Gesprächen. Wochenlang hatte sich Tarantino eingeschlossen, Kung-Fu-Filme und Western geschaut und immer wieder bei der Seelenverwandten angerufen, um ihr Ideen für Figuren oder Szenen zu erzählen. "Egal wo, egal wie spät", sagt er. Und sie: "Ich hatte mein Kind im Arm oder hatte gerade gekocht; was denkst du, fragte Quentin, wenn sie ihm dann den Kopf abschlägt, und: Oh, gute Idee!, sagte ich, also ist sie eine Mörderin? Ach, Uma, frag mich doch nicht so was!, sagte er. So ging das Monate."

"Wenn Mr Thurman heute noch mit Mrs Thurman zusammenwäre, gäbe es keinen 'Kill Bill'", sagt Tarantino, und beide lachen, sie lauter als er; unter dem Tisch schlägt er ihr kurz auf den Oberschenkel, Uma lacht immer noch. An ihren langen Fingern, mit denen sie spielt, als wären es Instrumente, ist kein Ehering mehr zu sehen. Nur ein dünner weißer Streifen auf der Haut. Der Film hat sie beide befreit - Tarantino aus seiner kreativen Starre und Uma Thurman aus dem schauspielerischen Niemandsland, in das sie sich durch ihre Ehe mit dem Schauspielerkollegen Ethan Hawke und die beiden gemeinsamen Kinder gesperrt fühlte. "Der Film ist meine Wiedergeburt als Schauspielerin. Ich war in einem anderen Leben festgewachsen. Quentin holte mich da raus. Ich bin ein anderer Mensch geworden." Warum? Für einen Moment sieht es so aus, als würde Uma Thurman nun eine kurze direkte Wahrheit preisgeben, so was wie: Ethan hat mich zum Muttersein verdammt und sein Leben mit seinen Mädchen weitergelebt. Aber natürlich hört man sie stattdessen sagen: "Ich musste mich neu erfinden. Quentin verlangt alles und mehr als alles. Drei Arten mit dem Schwert zu fechten, zwei Arten Kung-Fu-Kampf, und immer wenn ich dachte, mehr kann ich einfach nicht, hatte ich gerade mal vier Prozent von hundert geschafft." Ihr Ton ist, im Gegensatz zu früher, schneidiger geworden, klarer. Und sie lacht anders. Laut, beinahe wie ein Mann an einem Tresen. Tarantino kichert in sich hinein. "Man könnte sagen, wenn ich Sternberg bin, ist Uma meine Marlene Dietrich."

Mit einer minutenlangen Nahaufnahme seiner Dietrich beginnt der Film. Uma Thurmans Gesicht ist blutverschmiert. Sie stöhnt. Es ist etwas Furchtbares passiert, und sie hat es überlebt, eine tiefe Stimme spricht zu ihr, und man sieht eine Hand mit einem Taschentuch, die das Blut am Mund abwischt. Auf das Taschentuch ist "Bill" gestickt. Dann ein Schuss, schwarz. Rückblende und Ausblick: Eine Hochzeitsgesellschaft wird von einem Killerkommando niedergemetzelt, alle sterben, nur die schwangere Braut überlebt und liegt vier Jahre im Koma. Sie kannte die Täter, sie war mal eine von ihnen, eine der "Deadly Viper Assassination Squad", und jener Bill war der Chef. Kaum aus dem Koma im Leben zurück, plant "Black Mamba", so Umas Rollenname, blutige Rache. Jeder aus der Gang soll in seiner Meisterdisziplin sterben, ein filmischer Marathonlauf durch Kung-Fu-, Samurai- und Western-Klassiker beginnt.

"Ich wollte", sagt Tarantino, "den Film machen, den sich die Figuren meiner anderen Filme sofort im Kino angeschaut hätten." Allein am Finale, in dem Uma Thurman mit dem Samurai-Schwert 88 Gegner zersäbelt, haben sie sechs Wochen gedreht. Mit echten Darstellern und Stunts, nicht mit digitalen Tricks. "Dieser Computer-Scheiß ist die Totenglocke des Kinos", schimpft der Meister. "Wenn ich all diesen Computerspiel-Müll wollte, könnte ich auch meinen Schwanz in eine Nintendo-Maschine stecken." Und so ist "Kill Bill" brillantes Handwerk - ein cineastisches Meisterstück, jedes Bild bis in den letzten Winkel bizarr komponiert, sodass man manchmal gar nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Das Auge tanzt über die Leinwand, das Ohr saugt einen sagenhaften Soundtrack aus Ennio-Morricone-Melodien und Disco-Klassikern auf: prächtiges, aber durch und durch selbstverliebtes Kino zum Umfallen.

Und das, sagt Tarantino, "war nur Teil eins. Der Produzent Harvey Weinstein hat entschieden, 'Kill Bill' in zwei Teile zu schneiden. Es ist halt zu viel Film für einen Film". Uma fügt hinzu: "Sehen Sie es so: besser zwei Taschenbücher als ein Hardcover." Und schon lachen sich wieder beide schief. Teil eins startet kommende Woche in den deutschen Kinos, Teil zwei soll im Februar kommen. Uma verhandelt noch über ihre Gage, denn für einen Film arbeiten und dann zweimal im Kino, das könnte doch doppelt Geld bringen, "wir reden noch". Dass man Bill, gespielt von Kung-Fu-Legende David Carradine, erst im zweiten Teil sieht, tja, das sei eben Kino.

Tarantino-Land. Und das ist immer blutig. Zwar wird in "Kill Bill" wenig geschossen, aber umso mehr gesäbelt - Köpfe rollen, aus Halsstümpfen sprühen Blutduschen, Arme und Beine werden tranchiert, Blut pumpt heraus wie aus Ölquellen, bildet glitschige Pfützen, es ist ein Geschrei und Gestöhne, dass man glauben könnte, hier habe sich einer an Gewalt besoffen. Ist aber nicht so. Man muss sogar eher lachen, weil Tarantino sein Morden so operettenhaft und Comic-leicht inszeniert, dass es wie Ballett aussieht. Er selbst hat keine Ahnung mehr, wie viele Tote es am Ende sein werden, aber alle fallen mit einem "Ahhrrrgh!" oder "Uhhmm?" ins Jenseits, wie es Kinder machen, die Cowboy und Indianer spielen. "Ich werde oft gefragt, ob meine Filme Kinder zur Gewalt animieren. Stimmt nicht - sie animieren Kinder höchstens, solche Gewaltfilme zu machen wie ich. Und außerdem, wer sich eine Karte für einen Tarantino-Film kauft, weiß, dass es heftig zugeht. Man geht ja auch nicht auf ein Konzert von Metallica und ruft: Hey, ihr Ficker, spielt mal was Leiseres!"

Uma muss wieder lachen. Ob ihrem Vater, einem Professor für ostasiatische Religionen und Dalai-Lama-Freund, der Film gefallen habe? "Oh ja, sehr. Er kann ganz gut zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden. Und er findet, dass Quentin ein Genie ist."

Plötzlich ist das Genie für einen Augenblick verstummt. Aus Demut, denkt man. Aber Quentin Tarantino hat bloß Luft geholt.

Jochen Siemens

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