"Vier Minuten" Eine Furie am Flügel


Im Frauengefängnis begegnet die ergraute Klavierlehrerin Traude Krüger einem Ausnahmetalent am Piano: Jenny, die wegen Mordes einsitzt und ihre Wut nicht in den Griff bekommt. So entwickelt sich der Film von Chris Kraus zum emotionsgeladenen Drama.

Das deutsche Kino befindet sich nicht nur kommerziell sondern auch qualitativ im Aufwind, wie neue Filme beweisen. Das jüngste Beispiel ist das am 1. Februar anlaufende Drama "Vier Minuten", für das die Schauspielerinnen Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung vor kurzem mit dem Bayerischen Filmpreis als beste Darstellerin beziehungsweise beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurden. Einen ähnlich kraftvollen, emotionsgeladenen Film deutscher Sprache hat man lange nicht erlebt.

Schauplatz ist ein Frauengefängnis, in dem die greise Pianistin Traude Krüger sich seit Jahren unverdrossen abmüht, mit Klavierunterricht zur Resozialisierung der Insassen beizutragen. Dass klassische Musik aus einem schlechten Menschen einen besseren macht, verneint allerdings nicht nur der zynische Direktor. Unter den Mädchen, die Traude unter die Lupe nimmt, entdeckt sie einen ungeschliffenen Diamanten: Jenny, ein ehemaliges Klavier-Wunderkind. Doch das Mädchen läuft erst dann zu pianistischer Hochform auf, nachdem es den freundlichen Wärter, der die Unterrichtsstunde bewacht, zusammengeschlagen hat.

Schock kommt nicht unerwartet

Der Schock angesichts der Verwandlung der zierlichen jungen Frau zur Furie kommt für den Zuschauer nicht ganz unerwartet: Sie wird von Anfang an als Rabenaas eingeführt, das einer Zellengenossin, die sich erhängt hat, die Kippen stiehlt. Doch Jennys Durchgeknalltheit, ihre Renitenz und ihre zerbissenen Hände lösen bei Traude keine Angst aus. Für sie zählt nur das Talent der vermeintlichen Mörderin, und stur arbeitet sie darauf hin, die Berserkerin für Klavierwettbewerbe zu zähmen. Sie überzeugt die Gefängnisdirektion, das unberechenbare Mädchen an der langen Leine zu lassen, und bringt Jenny, der die Unbeirrbarkeit der Alten Respekt abnötigt, dazu, mit neuer Hingabe zu üben.

Das ungleiche Duo entwickelt in seinem aufreibenden Kampf gegen äußere und mentale Widerstände eine Dynamik, die den Rest der Gefängniswelt in sein Kielwasser zieht. Geschickt vermeidet Regisseur Chris Kraus dabei sowohl platte Musik-Therapie wie auch die Klischees von Lehrer-Schüler-Dramen. So wird das bizarre Verhältnis zwischen Wutmonster Jenny und der verknöcherten Traude durch keinerlei Sentimentalität versüßt. Jennys wachsende Zuneigung bringt Traude völlig aus der Fassung. Und wenn das Mädchen sich lockert und beim Repetieren von Schumann in verspielte Jazz-Improvisationen überleitet, wird sie von ihrer Zuchtmeisterin hysterisch der "Negermusik" beschuldigt.

Greisin mit Herrenmenschen-Attitüde

Monica Bleibtreu als gebückte Alte mit Dutt trippelt zwar wie ein kleiner grauer Spatz an den erdrückenden Gefängnisfassaden entlang. Doch ihre Verletzlichkeit trügt, denn die zähe Greisin wird von einer lebenslangen Schuld angetrieben. Während schwarz-weiße Rückblenden von einer lesbischen Liebe in der Nazi-Zeit erzählen, igelt sich die preußisch disziplinierte Lehrerin immer noch in einer Herrenmenschen-Attitüde ein. Diese keinesfalls senile Verbohrtheit ist faszinierend zu beobachten, aber der Star dieses Psycho-Kammerspiels ist natürlich Hannah Herzsprung, die wie Bleibtreu, Mutter von Moritz Bleibtreu, aus einer Schauspielerfamilie stammt.

Als Jenny trägt sie den Stempel "Vorsicht, Hochspannung!" aufgedrückt. Selbst wenn ihre Vergangenheit mit Inzest und Mord etwas überfrachtet ist - der einzige falsche Ton des Drehbuchs ist das Auftauchen des Stiefvaters (Vadim Glowna) - so bleibt sie mit ihren selbst zerstörerischen Wut-Eruptionen bis ins Titel gebende Finale eine glaubhafte Naturgewalt. Nebenbei überzeugt die Two-Women-Show auch durch die Zeichnung des Gefängnis-Mikrokosmos', mit guten Nebendarstellern und wunderbar beiläufigem Humor. Doch wenn die wilde Jenny mal zärtlich und mal mit der Faust das Klavier zum sprechen bringt, wird auch der Zuschauer durchgeschüttelt wie lange nicht mehr im deutschen Film.

Birgit Roschy/AP AP

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