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Berlinale-Tagebuch: Ach, was sind wir toll, wir Deutschen

Das neue, allemanische Kinowunder beeindruckt alle - Amerikaner, aber vor allem uns Deutsche selbst. Dabei sitzen einheimische Schauspieler zwar auf jeder Pressekonferenz im Rampenlicht, ihre Rollen sind aber umso kleiner. Kein Grund, nicht ausgiebig zu feiern.

Von Matthias Schmidt

Bevor wir uns jetzt wieder tagelang selbst auf die Schultern klopfen: Jaja, wir Deutschen sind schon toll. Haben in den vergangenen Jahren Oscar-Nominierungen, Oscars, Europäische Filmpreise und Festivalauszeichnungen abgeräumt. Haben mit zahllosen Qualitätsdramen auf der Berlinale die Marke "Made in Germany" kräftig poliert. Und konnten es uns sogar leisten, "Das Leben der Anderen", den zweifelsfrei besten deutschen Beitrag 2006, für den Wettbewerb der Berlinale komplett zu ignorieren. Oh, du glücklich fruchtbares Kinoland!

Und weil wir eben so toll sind, exportieren wir nun auch unsere tollsten Schauspieler in die ganze Welt. Moritz Bleibtreu spielt neben Woody Harrelson in dem aktuellen Film von Jury-Präsident Paul Schrader. Christian Oliver darf in "The Good German" den guten deutschen Ehemann von Leinwand-Göttin Cate Blanchett geben, Daniel Brühl tritt im Regie-Debüt der Französin Julie Delpy an. Und, die Liste ist lange nicht vollständig, Martina Gedeck ließ sich für den etwas drögen CIA-Thriller "Der gute Hirte" gleich von Robert De Niro dirigieren.

Wenn man aber ein wenig genauer hinschaut, verliert die neue deutsche Film-Herrlichkeit einiges an Stahl-, upps, Strahl-Kraft. Brühls Einsatz als charmanter Pyromane in der herrlich obszönen Pärchen-Komödie "2 Days in Paris", eine Art gemeines Gegenstück zu "Before Sunset", ist ganz am Schluss versteckt und dauert gerade mal eine Minute. Bei der Pressekonferenz saß er trotzdem prominent auf dem Podium und musste Fragen zu seinem Rollenglück und seiner Mehrsprachigkeit beantworten.

Kurz, angestrengt und blass

Oliver schreitet im neuen Steven Soderbergh-Film ebenfalls nur kurz gegen Ende zur Tat und bleibt angestrengt und blass. Soweit man das in einem Schwarz-Weiß-Film überhaupt erkennen kann.

Und Gedeck spielt ganze vier, fünf Minuten die Affäre von Matt Damon, bevor ihre Figur das Leben aushaucht. Auch sie durfte auf der ereignisarmen Pressekonferenz neben dem wie üblich maulfaulen De Niro und einem gutgelaunten Damon in Rot glänzen und ihren Regisseur loben: "Ich fühlte mich am Drehort komplett frei. De Niro ist ein Regisseur, der nicht alles erklärt und nicht ständig die Schauspielerei kommentiert. Das ist wie im Himmel." Offensichtlich spricht De Niro nicht nur mit der Weltpresse so wenig... .

Gut, dass wenigstens der erste deutsche Wettbewerbsfilm "Die Fälscher" rundum gelungen ist und auch von den internationalen Kritikern sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Okay, Regisseur Stefan Ruzowitzky und Hauptdarsteller Karl Markovics sind Österreicher. Dafür halten August Diehl und Devid Striesow für uns die Fahne hoch. Und das spannende Drama spielt fast komplett in einem - leider sehr deutschen - Konzentrationslager, in dem, im Auftrag der Nazis, jüdische Experten Unmengen von ausländischen Banknoten fälschen müssen. Ruzowitzky gelingt das Kunststück, jeder seiner Figuren, egal ob KZ-Kommandant, pragmatischer Mitläufer oder starrköpfiger Revoluzzer, Würde zu verleihen. Auch wenn sie moralisch teilweise auf sehr morastigem Terrain stehen.

So viel Kulturleistung muss gefeiert werden

So viel deutsche Kulturleistung musste natürlich am Abend noch ausgiebig gefeiert. In der Lobby des Luxushotels Ritz-Carlton kam es beim Empfang des Medienboards Berlin-Brandenburg zum denkwürdigen Aufeinanderprallen zweier Frauentypen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier eine ältere, kleinere, dickere Frau mit blonderer Dauerwelle. Gewandet in einen hellgrünen Duschvorhang und auf dem Arm einen verschreckten weißen Pudel. Eine von den Jacob Sisters? Dort die burschikose Sandra Hüller ("Requiem") im hellgrau-nüchternen Hosenanzug.

Heillos überlaufen die Premieren-Party der "Fälscher", passenderweise in einem Club namens "Safe". Selbst wer zu den flotten Weisen des DJs gerne getanzt hätte: Viel mehr als munteres Rempeln ließ die stickige Enge kaum zu. Munteres Rempeln auch als sich Modegott Karl Lagerfeld doch noch kurz auf der Party zu einem Dokumentarfilm über sein Schaffen zeigte. Ulrich Mühe durfte noch höflich Hallo sagen, Hannelore Elsner wurde von der Kamerameute dagegen rücksichtslos aus dem Weg gerammt.

"Kein Knoblauch bitte"

Für die ausländischen Bewunderer des alemannischen Kinowunders hatte die amerikanische Filmindustrie-Bibel "Variety" tags zuvor schon mal einen kleinen Sprachführer erarbeitet. Damit man leichter ins Gespräch kommt vor dem nächsten Millionendeal. Neben "Kann ich Ihre Telefonnummer haben?" empfehlen wir für zukünftige globale Geschäfte vor allem den modernen Klassiker "Kein Knoblauch bitte".