Berlinale-Tagebuch Programmbedingte Grausamkeiten


Harter Stoff für einen Tag: ein australisches Gewaltdrama, eine überfrachtete Comicverfilmung und die Täterstudie eines Vergewaltigers. Und abends wurde hart gefeiert.

Zum Wochenanfang macht das Festival richtig ernst mit dem Themenspektrum, dem Blut und den Explosionen. Der australische Western "The Proposition" schildert den Zusammenprall zweier Familienmodelle. Da ist auf der einen Seite ein Haufen flüchtiger Brüder mit Anhang (u. a. Guy Pearce), die sich in einer unwegsamen Berggegend vor dem Gesetz verstecken. Auf der anderen Seite der mürrische Ordnungshüter (Ray Winstone) mit seiner gepflegten Frau (Emily Watson). Nach zahllosen Scharmützeln kommt es natürlich ausgerechnet an Heiligabend zum blutigen Showdown. Doch bereits vorher fließt bei Auspeitschung, Speer-Angriffen und weggeschossenen Köpfen ordentlich Lebenssaft. In seiner schonungslosen Härte und dreckigen Detailliebe erinnert der Film manchmal an die herausragende US-Westernserie "Deadwood", die bei uns bisher nur auf Premiere lief. Auf Deutsch: sehr empfehlenswert. Für gute Mägen.

Sammelsurium weltpolitischer Scheußlichkeiten

In "V for Vendetta" hat Regisseur James McTeigue gleich ein ganzes Sammelsurium weltpolitischer Scheußlichkeiten verarbeitet: Faschismus, Überwachung, Zensur, Seuchengefahr, Sprengstoff-Attentate und die feine Linie zwischen Freiheitskampf und Terrorismus. Klingt ehrgeizig und anspruchsvoll, ist es aber nicht wirklich. Sondern die Verfilmung eines mehr als 20 Jahre alten und deutlich gealterten Comic-Romans von Alan Moore ("From Hell"), der mit den Filmemachern aber so unzufrieden war, dass er seinen Namen streichen ließ.

Na ja, immerhin lockte die oft unglaubwürdige und heillos überfrachtete Geschichte eines maskierten Rächers und seiner jungen Helferin wieder zahlreiche Bekannte nach Berlin: Natalie Portman, Hugo Weaving, John Hurt und Stephen Rea. Portman, die im Film kahl geschoren wird, trägt inzwischen wieder eine Kurzhaarfrisur, die bei der deutschen Friseurinnung wahrscheinlich als "flott" laufen würde. Auch mit Seitenscheitel oder Afro-Perücke wäre sie aber wunderwunderschön. Ihr denkwürdigster Satz auf der Pressekonferenz: "Ins Kino gehen ist sozialer Lernprozess und Weltverbesserungsakt".

Intensive Täterstudie

Und dann war da noch "Der freie Wille". Theo (Jürgen Vogel) schmeißt seinen Küchenjob hin und rennt wutentbrannt davon. Sein Auge fällt auf eine knapp bekleidete Radlerin. Er wirft sie um, zieht sie an den Haaren ins Gebüsch, schlägt ihr ins Gesicht und missbraucht das bewusstlose Mädchen. Schnitt. Entlassung aus der psychiatrischen Anstalt. Unterkunft in einer WG. Neuer Job, neue Freundin (Sabine Timoteo).

Die fast dreistündige Täterstudie des deutschen Regisseurs Michael Glasner ("Sexy Sadie") erzählt ohne großes cinematografisches Blendwerk wie Kamerafahrten oder Filmmusik von der Resozialisierung eines Vergewaltigers. Seinen Schuldgefühlen, seinen Aggressionen, seiner Frauenverachtung und einem fast unstillbaren Trieb. Das ist keine Minute zu lang oder zu gewollt, sondern fesselt weit über das Ende hinaus. Solche Filme gewinnen Festivals. Vielleicht eher in Cannes als in Berlin. Glasner ist aber dennoch der bisher eindringlichste Wettbewerbsbeitrag gelungen. Und Vogel und Timoteo, die letztes Jahr bereits mit "Gespenster" im Wettbewerb vertreten war, sollten sich schon mal zur Verleihung des Silbernen Bären für die besten schauspielerischen Leistungen die passende Abendgarderobe besorgen.

Weltfrieden ist total supi

Apropos Abendgarderobe. Am Abend stieg dann noch der Glamour-Höhepunkt der zweiten Berlinale-Woche: Die "Cinema for Peace"-Gala. Natürlich klingt das Gutmenschen-Motto der Edelsause im Konzerthaus am Gendarmenmarkt schon immer etwas gewollt: Ja, hallo, ich mache Kino, und ich finde den Weltfrieden echt total supi. Die Veranstalter schaffen es trotzdem oder gerade deswegen, regelmäßig Hollywood-Prominenz zu ködern. Diesmal den bekennenden Buddhisten und Wahl-Tibetaner Richard Gere samt Gattin, dem Ex-Bondgirl Carey Lowell (die dann aber kurzfristig absagten). Und Ewan McGregor (der aber auch nicht kam). Und Christopher Lee. Und Milla Jovovich. Und Bob Geldof. Und Tatjana Gsell (kleiner Scherz).

Und auch das Team um "V for Vendetta" feierte nach Mitternacht in einem Bank-Gebäude mit Blick aufs Brandenburger Tor. Am Ende des Tages voller programmbedingter Grausamkeiten konnte man also auch endlich mit dem Trinken ernst machen.

Matthias Schmidt

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