Berlinale-Tagebuch Seelenstrip der Schenkelfrau


Sharon Stone gibt eine schlaue Antwort auf die dümmste Frage. Die Film-Dickschiffe halten den soliden, vorhersehbaren Kurs. Heute gesehen und morgen vergessen. Ein Highlight lief außer Konkurrenz. Die verbitterte Cate Blanchett zerstört eine reizende Judi Dench. Das sollte man sehen.
Von Matthias Schmidt

Was die Berlinale von den beiden anderen großen Festivals in Cannes und Venedig unterscheidet, ist nicht nur die Kälte in den Straßen (gestern kam auch noch ein halsbrecherischer Eisregen dazu), sondern auch die gute Kino-Infrastruktur. Jeder noch so kleine, unbedeutende Experimentalfilm aus Aserbaidschan läuft hier in einem modernen Saal, auf großer Leinwand und mit dicken Boxen. Was natürlich noch lange nicht die einzelnen Werke besser macht, aber zumindest lag es am Ende nicht an der Technik.

Was in Berlin ebenfalls komplett fehlt: Security. Damit sind jetzt nicht einige verstörende Filme gemeint, unter anderem eine US-Produktion über ein Mädchen, das eines Tages entdeckt, dass ihre Vagina Zähne hat. "Teeth" soll gelungen sein, haben wir uns von Kollegen sagen lassen, wir haben uns aber nicht rein getraut. Nein, die Rede ist von den inzwischen üblichen Sicherheitsvorkehrungen der internationalen Festivals. Also: Metalldetektoren, Taschenkontrolle, Akkreditierungen scannen, strenge Polizistenblicke.

Jeder kann rein

Im Herzen der deutschen Hauptstadt: Nichts. Horden von Journalisten und solchen, die es gerne wären, strömen völlig unbehelligt, mit Mantel, Sack und Pack in die Vorstellungen. Ein kurzer Blick auf den Festivalausweis, ein beifälliges Nicken, drin. Für die Leute, die hier wirklich von einem Termin des engen Programms zum nächsten hetzen, ist das Gold wert. Keine Zeit zu verlieren. Wenn nun aber ein Film über den Genozid der Türken an den Armeniern läuft und Tumulte erwartet werden? Trotzdem irgendwie lässig, dass die Berlinale sich immer noch nicht als Ordnungsmacht aufspielt.

Selbst bei den Pressekonferenzen mit den Show-Größen aus Hollywood könnte wohl ohne Probleme Cate Blanchett einen dornigen (!) Rosenstrauß überreichen. Oder Clint Eastwood ein Spielzeuggewehr. Oder Sharon Stone einen Eispickel.

Seelenstriptease von der Schenkelspreizerin

Kein Scherz, die erste Frage an Frau Stone, die als Schauspielerin und Produzentin für den Wettbewerbs-Beitrag "When A Man Falls In The Forest" anwesend war, zielte tatsächlich auf "Basic Instinct". Mehr auf die legendäre Beinespreiz-Szene als auf den Mord, also eine Art "Teeth 2". Die gut gelaunte und, im Gegensatz zum Film, frisch geschminkte Stone schmunzelte nur: "Jeder Schauspieler hat einen Durchbruch-Film, der es ihm ermöglicht, weiter Filme zu machen. Rita Hayworth meinte mal, ihr Mann gehe jeden Tag mit Gilda ins Bett und wache mit Rita auf. Ist doch nicht das Schlechteste."

Danach versuchte sich Stone als Tiefenpsychologin: "Man sollte Gefühle nicht immer sofort verurteilen. Wenn ich mich in meiner Rolle schlecht fühlte, fühlte ich mich danach gleich besser. Das war katharsisch." Und über das Scheitern in ihrem Schauspielerleben: "Man sollte sich nicht daran erinnern, wie hart man gefallen ist, oder wer einen geschubst hat, sondern wie man wieder nach oben gekommen ist." So viel Seelenstriptease gab gleich Szenenapplaus der Journalisten.

Solides, belangloses Handwerk

Stone spielt in dem Ensemble-Drama des erst 25-jährigen US-Regisseurs Ryan Eslinger eine frustrierte Hausfrau, die mit kleinen Ladendiebstählen ihr schales Leben andickt. Verzweifelt, sprachlos und mit Mut zur Falte. Doch trotz guter Schauspieler, neben Stone noch Timothy Hutton oder Dylan Baker, kommt "When A Man" nicht über bekannte Mittelstandssorgen und einem Herz für Sonderlinge hinaus. Das hat man alles schon mal zwingender und spannender im Kino gesehen. Falls der Film bei uns wirklich nicht nur eine DVD-Premiere erlebt.

Der Mann im Wald reiht sich leider zur Berlinale-Halbzeit elegant ein in die Reihe der Filme, die in Ordnung gehen, aber auch sonst keinen Schritt weiter. Schlüssig und schnörkellos inszeniert, ordentlich gespielt, irgendwie unterhaltsam, doch am Ende des Tages, der Woche, des Festivals wohl flott wieder vergessen. Die Piaf-Biographie: nette Musik, wirre Regie. Die beiden Hollywood-Dickschiffe, hier nur noch als "The Good German Shepherd" betitelt: kreativ gemacht, aber leidenschaftslos. Die Nelson-Mandela-Huldigung "Goodbye Bafana": Routiniert, solide, doch überraschungsfrei.

Ähnliches gilt auch für den neuen Film des französischen Altmeisters André Téchiné "Die Zeugen". Emmanuelle Béart, Michel Blanc und andere spielen angeregt. Die Geschichte über die ersten Ausbrüche von Aids in den 80er Jahren, hier in Person eines jungen Schwulen vom Land, der in den Pariser Alltag einen reichen Arztes, einer gehemmten Schriftstellerin und eines rauen Drogenermittlers wirbelt, kommt allerdings reichlich altbacken daher.

Böses Highlight

Gut, dass wenigstens am Ende des Tages der zweite Berlinale-Auftritt von Cate Blanchett entschädigte. "Tagebuch eines Skandals" heißt das Psychodrama, das demnächst auch in unseren Kinos startet und hier schon mal außer Konkurrenz projeziert wird. Im Mittelpunkt der Pressekonferenz stand jedoch nicht die zauberhafte Blondine, sondern ihre noch viel zauberhaftere Mitstreiterin Dame Judi Dench: Kurze, silberfarbene Haare, schwarzes Kleid, weißer Mantel.

Schon beim Einmarsch vor die Presse erntete sie Jubelstürme für ihre oscarnominierte Darstellung einer verbitterten, einsamen Lehrerin, die ihrer jüngeren Kollegin (Blanchett) nach einer Affäre mit einem Schüler erst beisteht, dann aber zerstören will. Die Oscar-Show am 25. Februar wird Dench allerdings nur aus dem Krankenbett erleben: "Hier stimmt mal der Spruch ‚Hals und Beinbruch’", witzelte sie. "Ich kann nicht nach Los Angeles, weil ich am Knie operiert werde." Gefragt nach ihrer Schauspielkunst, winkte sie bescheiden ab: "Es geht nicht um mich als Person, sondern darum, wie ich meine Observationen und mein Wissen über andere übersetze. Als hätte man noch ein zusätzliches Auge oder Ohr. Trotzdem hat die besten Auftritte, die ich jemals hatte, wohl mein Badezimmer gesehen." Da hilft dann auch modernste Kino-Technik nicht mehr weiter...


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