Charlotte Rampling Die amoralische Klosterschülerin


Mit ihrem unergründlichen Raubtierblick hat sie außergewöhnliche Filme geprägt. Sie ist eine Künstlerin, die für unkonventionelles Kino steht. Für die 56. Berlinale leitet Charlotte Rampling die Jury.

Schon seit vier Jahrzehnten behauptet sich die 1946 in London geborene Tochter eines Berufsoffiziers und einer Fabrikerbin im Filmgeschäft. Mit 16 Jahren tingelte sie mit ihrer älteren Schwester Sarah durch die Clubs von Nord-England und sang Melodien voon Luis Mariano. Doch als ein Agent die Rampling-Schwestern unter Vertrag nehmen wollte, legte der strenge Vater sein Veto ein. Schließlich hatte er seine Töchter nicht auf exklusive Klosterschulen geschickt, damit sie in Nachtclubs verheizt würden.

Doch Charlotte war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Die Verlockungen des Swinging Londons Mitte der 60er Jahre waren einfach zu groß und schon bald tingelte die Rampling mit einer Gang aus coolen Szeneleuten und Popstars wie Mick Jagger im superkurzen Minirock durch Chelsea. "Do you want to ramble with me", dichteten die Boulevardblätter, und die Rampling kultivierte mit Lust ihren Ruf als Partyqueen. "Es bereitete mir manchmal diebische Freude, dass es für meinen Vater harte Zeiten in seinem Golfclub gewesen sein müssen", sagt sie rückblickend in einem Interview.

Krise nach Tod der Schwester

Ihr stählerner Blick über den starken Wangenknochen und die streng geschnittenen Lippen brachten ihr nicht nur Jobs auf dem Laufsteg ein, sie wurde auch bald von Regisseuren entdeckt. Richard Lester gab ihr eine kleine Rolle in "Der gewisse Kniff" (1965), für Sivia Narizzano spielte sie 1966 in "Georgy Girl". Doch dann starb ihre drei Jahre ältere Schwester Sarah an einem Herzinfakt. Charlotte stürzte in eine tiefe Krise und flüchtete nach Afghanistan und in ein buddistisches Kloster nach Schottland.

Comeback durch Visconti

Doch dann war es 1969 der große Regisseur Luchino Visconti, der sie in dem Drama "Die Verdammten" international berühmt machte. Sie bedankte sich bei den Italienern, indem sie weitere Filme dort drehte. Ein handfester Skandalfilm sorgte für Popularität in der Öffentlichkeit und Ansehen bei den Kritikern. In Liliana Cavanis' Werk "Der Nachtportier" spielt Charlotte Rampling eine Holocaust-Überlebende, die nach dem Krieg eine sadomasochistische Beziehung mit einem SS-Offizier eingeht. Der Film wurde in Italien sogar verboten, was Rampling wenig störte. "Ich wollte Filme machen, die provozierten, die direkt in die Köpfe der Leute vorstoßen", so Rampling.

Idealtyp des berechnenden Vamps

Damals zeigte die Britin viel nackte Haut, was sie mit erstaunlichem Mut und immer noch guter Figur viele Jahre später in "Swimming Pool" übrigens noch einmal tat. Auch in Hollywood bekam sie Rollen, an der Seite des alten Routiniers Robert Mitchum ebenso wie in dem Woody-Allen-Film "Stardust Memories". Regisseuren und Produzenten galt Rampling als Idealtyp des berechnenden Vamps und der skrupellosen Verführerin. In "Max, My Love" (1986) war sie sogar die Liebhaberin eines Menschenaffen.

Probleme nach Scheidung von Jean-Michel Jarre

In den neunziger Jahren fehlten der Schauspielerin allerdings die attraktiven Kinorollen. Doch blieb sie in verschiedenen TV-Produktionen präsent. Hinzu kamen private Probleme wie Depressionen und die Scheidung von ihrem zweiten Mann, dem Musiker Jean-Michel Jarre. Aus dieser Verbindung stammt ihr Sohn David, aus der ersten Ehe Sohn Barnaby.

Rückkehr auf die Leinwand als britische Frustfregatte

Im neuen Jahrtausend startete Charlotte Rampling wieder durch. Es waren zwei Filme des jungen französischen Regisseurs François Ozon, die die schlanke Frau nach langen Jahren, in denen es stiller um sie geworden war, wieder in den Mittelpunkt stellten: "Unter dem Sand" (2000) und "Swimming Pool" (2003) zeigten Rampling als reife Darstellerin, die auf verblüffende Weise zugleich verhärmt und erotisch zu wirken weiß. Besonders in "Swimming Pool" meistert sie die Herausforderung, einen Charakter zu spielen, der so konträr zu ihren bisherigen Rollen ist. Für die Darstellung einer verklemmten englischen Krimiautorin in "Swimming Pool" wurde sie prompt mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.

Späte Gesangskarriere

In der Zwischenzeit hat die in der Nähe von Paris lebende Britin ihren Teenie-Traum von der Gesangskarriere verwirklicht: 2002 nahm sie ihre erste CD auf. "Comme une femme" laut der schlichte Titel, es ist eine Art Hommage an ihre Schwester, deren Tod sie so lange verdrängt hat.

2005 ist Charlotte Rampling begehrter und besser denn je. Die Anerkennung für die Künstlerin zeigt sich auch in ihrer Ernennung zur Jury-Präsidentin der diesjährigen Berliner Filmfestspiele, die am Donnerstag in der deutschen Hauptstadt beginnen. Charlotte Rampling hat spät noch einmal Gas in ihrer Karriere gegeben. Und es sieht so aus, als wolle sie dies noch lange tun.

kbu mit AP

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