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Film & TV: "Fassbinder? Vergesst es!"

Die Regisseure Wolfgang Becker, Oskar Roehler und HansChristian Schmid stehen mit ihren Filmen im Wettbewerb der 53. Berlinale. Hier sprechen sie über Premierenfieber, lästige Vergleiche mit Altmeistern und den kulturellen Wert der Currywurst

Die Regisseure Wolfgang Becker, Oskar Roehler und HansChristian Schmid stehen mit ihren Filmen im Wettbewerb der 53. berlinale. Hier sprechen sie über Premierenfieber, lästige Vergleiche mit Altmeistern und den kulturellen Wert der Currywurst

Ihre Berlinale-Premieren stehen kurz bevor. Sind Sie aufgeregt?

ROEHLER: Natürlich bin ich schon ziemlich nervös. Die Hälfte meines Lebens lebe ich inzwischen in Berlin, bin auch immer bei der Berlinale gewesen und habe mir pro Tag fünf bis sechs Filme angesehen. Als eines Tages der Anruf von Festivalleiter Dieter Kosslick kam, habe ich Luftsprünge gemacht und bin schreiend durch die Wohnung gerannt.

SCHMID: Über den roten Teppich zu gehen, das ist für mich Pflichterfüllung, nicht mehr. Aber wenn anschließend das Licht im Kino ausgeht und der Film anfängt, ist das natürlich wahnsinnig aufregend. Fürchterlich und toll gleichzeitig. BECKER: Wir sind da ja nicht so geschult wie die Schauspieler bei den Oscars, die genau wissen, welche Körperdrehung man wann machen muss.*

ROEHLER: Wir rauchen ja nicht mal, wir haben keine Zigarette, um sie ins Maul zu stecken, oder eine coole Sonnenbrille.

BECKER: Deine Brille ist ziemlich cool. Lesen Sie auch im TV-Magazin: "Aufgeregt wie Hulle"

ROEHLER: Ich schiebe da ein Rockstar-Image vor, das ich leider nicht habe. Daran muss ich noch arbeiten.

BECKER: Also, für mich ist der rote Teppich der stressigste Teil überhaupt. Ich gehe mit schiefem Lächeln drüber und versuche, Haltung zu bewahren. Aber wenn man dann drin sitzt, die ganzen Fotografen weg sind und der Film losgeht, hat das etwas Befreiendes.

SCHMID: Es ist ein Wechselbad der Gefühle, wenn bei so einem Festival alle auf deinen Film schauen. Einerseits ist es toll, bei der Berlinale zu sein, andererseits denke ich mir: Seltsam ist das schon, wenn meine Schauspielerin Claudia Geisler gegen Nicole Kidman antreten muss.

ROEHLER: Ich finde es auch komisch und genial zugleich, wenn dein Film in einem Riesenkino vor 1500 Leuten läuft. Bei einigen Studentenvorführungen meines Films waren gerade mal 150 Zuschauer da. Da hatte ich das Gefühl, ich kann beim 50. hinten links noch den Zeh rascheln hören und weiß, hoppla, der ist im Moment nicht bei der Sache. Je grö ßer die Kinosäle werden, ein desto kleineres Mäuschen bist du darin.

Sehen Sie sich als eine Art Team, das gemeinsam den deutschen Film vertritt?

SCHMID: Oskar und ich kannten uns bis jetzt gar nicht, Wolfgang und Oskar kennen sich, das hat ja auch was damit zu tun, ob man sich als Team fühlt oder nicht. Es gibt nicht viel Zusammenhalt unter deutschen Regisseuren, jeder wurstelt vor sich hin. Das liegt daran, dass es größtenteils Egoisten sind, die diesen Beruf ausüben. Ich schließe mich da selbst nicht aus.

BECKER: Man trifft sich halt mehr oder weniger. Oskar und ich sind uns bei irgendwelchen Premieren über den Weg gelaufen und...

ROEHLER: ...und besoffen im Taxi.

BECKER: Meistens besoffen im Taxi, selbstverständlich. Das war nach der Berlinale-Party meines Films "Das Leben ist eine Baustelle". Kollege Roehler war ein bisschen betrunken. Ich auch. Und er hat mir gestanden, dass er meinen Film total blöd findet.

ROEHLER: Das hast du nicht vergessen? Ich habe das übrigens revidiert.

BECKER: Da war ich nicht dabei. Ich bin aber auch nicht gerade der größte Fan von deinem "Silvester Countdown". Ich finde, das muss man sich auch sagen können.

Haben deutsche Filme inzwischen international eine Chance? Etwa beim Festival in Cannes?

SCHMID: Nein, glaube ich nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Franzosen ein echtes Problem mit deutschen Filmen haben. Ich glaube auch, dass sie nicht sehr fair und objektiv vorgehen.

ROEHLER: Ich hatte einen Horroreindruck von Cannes, als ich da vor drei Jahren war. "Die Unberührbare" sollte im Wettbewerb laufen und wurde kurz vorher abgelehnt - ohne Begründung. Die gehen da nicht wirklich gut mit einem um.

BECKER: Es drängt sich nach neun Jahren ohne deutsche Filme im Wettbewerb von Cannes schon die Frage auf, ob es wirklich nur daran liegt, dass sie so schlecht sind. Zumindest mit "Die Unberührbare" und "Lola rennt" hat es zwei Produktionen gegeben, die Chancen gehabt hätten. Es scheint eine generelle Immunität gegen deutsche Filme zu geben.

Das scheint auch auf das Publikum hierzulande zuzutreffen: Der deutsche Film hatte im vergangenen Jahr gerade mal einen Marktanteil von 11,7 Prozent - und so gut wie keine echten Stars.

BECKER: Ja, Stars gibt?s hier nicht wirklich. Man lässt die Leute zwar hochkommen und findet das irgendwie ganz schön, aber dann kommt ganz schnell wieder das Schlachtfest. In Deutschland darf keiner zu groß werden.

ROEHLER: Deutsche Stars sind auch sehr populistisch. Das ist immer der nette Junge von nebenan oder das Mädchen, das ganz nett aussieht. Damit die Leute das auch annehmen. Im Grunde haben wir mittlerweile in Deutschland eine Diktatur des Pöbels und des schlechten Geschmacks.

Dem deutschen Film wird vorgeworfen, er habe keine Identität. Sind Ihre Filme erkennbar deutsch?

Schmid: Es gibt nicht den deutschen Film - die sehen alle unterschiedlich aus. Aber natürlich prägt es einen Film, ob ich ihn in der Stadt drehe oder auf dem Land. Oder ob Landschaften, Autos und Menschen so aussehen, als ob sie hierher gehörten. Leider wirkt das im Kino immer popelig. Wir wachsen eben mit amerikanischen Bildern auf. Ein richti ges Auto ist kein VW-Golf, sondern ein Cadillac. Und eine deutsche Vorortsiedlung sieht langweilig aus, eine amerikanische wie in "American Beauty" erstrebenswert exotisch.

BECKER: Stimmt, die Amerikaner haben eben diese Ikonen. Wenn ein G.I. träumt, träumt er natürlich von einem Steak, einem Hamburger oder Donut. Mehr haben die ja auch nicht. Aber das wird gepflegt. Keiner käme hier auf die Idee, einen Pfannkuchen oder eine Currywurst zu etwas so Großem, Kultigem zu erheben.

SCHMID: Das Hauptproblem sind aber meiner Meinung nach die schlechten Drehbücher. Ich weiß, das ist jetzt ein ganz anderer Punkt, aber es mischt sich alles so zusammen. Ich glaube, dass ein Film, der mich im Kino packt, bestimmten Erzählgesetzen unterliegt. Ich gucke mir oft einen deutschen Film an, das ist gut bis zur 25., 30. Minute - und dann ist es irgendwie vorbei.

BECKER: Für mich reden viel zu viele Leute bei den Drehbüchern mit, die viel zu wenig Ahnung haben. Es wird versucht, mit wahnsinnig teuren Schnellkursen und Wochenendseminaren Dramaturgen und Produzenten auszubilden, die dann glauben, sie könnten ein Drehbuch beurteilen.

Sind Sie der Meinung, dass die Politik deutsche Filme besser fördern sollte?

SCHMID: Wer Film fördert, sollte auch Ahnung vom Film haben. Es gibt in Deutschland vergleichsweise viel Geld für Filme. Nur wird es nicht intelligent verteilt und genutzt. Die meisten Entscheidungen werden gefällt nach dem Motto: bloß nicht zu riskant! Ich würde nicht erfolgreichen Produzenten, die mit ihren Filmen richtig viel Geld verdiene n, Fördergelder geben, sondern mutigen Leuten, von denen man weiß, dass sie mit ihren Projekten nicht so viel Geld machen.

BECKER: Vieles wird auf Kommerzialität abgeklopft. Wir haben es ja mittlerweile wie in Amerika mit diesen Testvorführungen zu tun, wo anhand von Fragebögen möglichst genau erforscht wird, wie das Publikum auf diese Figur oder jenen Erzählstrang reagiert. Ich habe mir überlegt, wie das wohl wäre, wenn ein Berliner Kurator in der Nationalgale rie damit konfrontiert würde: "Wie fanden Sie die Ausstellung insgesamt? Zu viele gelbe Bilder? Zu viele blaue? Oder zu wenig bunte?"

Schadet das Fernsehen dem Kinofilm?

BECKER: Es gibt keine klare Trennschärfe mehr zwischen Fernsehen und Kino. Ich bin überzeugt, dass es Stoffe gibt, die sich im Fernsehen gut erzählen lassen. Und dass es welche gibt, die mehr fürs Kino prädestiniert sind. Ab und zu kann es vorkommen, dass in Ermangelung spannender Kinostoffe dann günstig gedrehte Fernsehspiele zu Kinofilmen geadelt werden, wie "Schmetterlinge" von mir oder Hans-Christians "Nach fünf im Urwald".

SCHMID: Es gibt beim Fernsehen Nischen, in denen man sich relativ frei von Redakteurswünschen ausprobieren kann. Das Problem ist ja, dass die Fernseh-Abendunterhaltung sehr glatt gebügelt wird und dann manche Redakteure mit irgendwelchen Besetzungswünschen kommen. So kann man keinen Film machen, der auch als Kinofilm gut funktionieren würde.

Hätten Sie eine Lösung?

SCHMID: Per Gesetz. Das muss man lenken.

BECKER: Das Kino muss raus aus dem Förderwürgegriff der Fernsehanstalten, weil denen Filme vorschweben, die sie ein, zwei Jahre später zur Prime Time abspielen können.

SCHMID: Man kann auch kleine Verleiher stärken, die deutsche Filme ins Kino bringen.

Im Ausland wird das deutsche Kino bis heute mit Fassbinder, Wenders oder Schlöndorff verbunden?

ROEHLER: Was interessieren mich diese Regisseure aus den Siebzigern?

BECKER: Mich nervt das auch extrem. Am liebsten möchte ich die Franzosen und Amerikaner schütteln und sagen: "Es wird keinen Fassbinder-Film mehr geben! Der lebt nicht mehr! Vergesst es!"

SCHMID: Die ausländische Presse zeigt auch wenig Bereitschaft, auf deutsche Filme einzugehen, wenn das Goethe-Institut oder die Export-Union damit durch die Länder ziehen. "Lola rennt" mag die Ausnahme sein. Aber sonst: Wenders, Herzog, Fassbinder, diese drei sind es immer.

ROEHLER: Die Borniertheit im Ausland liegt vielleicht daran, dass da auch nur alte Säcke rumhängen. Kreativ zu sein ist das Einzige, was wir machen können. Vielleicht gibt es in 20 Jahren wieder Leute, die mit einem unheimlichen Star-Aufgebot auf die Bühne kommen, und alle knien vor ihnen nieder. Für mich beanspruche ich das nicht, wobei ich die kultische Verehrung von Regisseuren durchaus toll finde.

Ist der Job eines Regisseurs eigentlich so glamourös, wie man es sich vorstellt?

ROEHLER: Glamourös, ach was.

BECKER: Überhaupt nicht.

SCHMID: Eindeutig nein. Ich bin schon froh, wenn mein Name richtig geschrieben wird.

BECKER: Geht mir genauso. Ich heiße grundsätzlich Werner Becker oder Wolfgang Berner. Ich bin auch schon zweimal für tot erklärt worden, davon einmal im Jugoslawienkrieg erschossen.

ROEHLER: Mein Traumberuf war das nie. Den Wunsch, Regisseur zu werden, habe ich eigentlich erst ein paar Monate vor meinem ersten Film gespürt. Heute ist es zu einer richtigen Besessenheit geworden. Ich bin ein Verhinderter: Eigentlich wäre ich lieber Romanautor geworden. Aber mittlerweile habe ich davor so viel Respekt, dass ich das wahrscheinl ich auch nicht mehr schaffe.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

BECKER: Da ich nicht das Schreibtalent der beiden Kollegen habe: mehr Drehbuchangebote, damit ich nicht wieder fünf Jahre bis zum nächsten Film warten muss.

SCHMID: Ich wünsche mir, nicht jedes halbe Jahr lesen zu müssen, dass der deutsche Film ganz toll oder ganz beschissen ist, sondern es eine gute, gelassene und langsame Entwicklung gibt.

ROEHLER: Mehr Freiheiten im Denken, das wünsche ich mir und vielleicht noch...

BECKER: ...eine neue Brille.

Von Oliver Link, Bernd Teichmann und Joachim Gern (Fotos) / print