Joachim Król im Interview "Popcornkino gibt es genug"


Christian Berkel spielt mit Tom Cruise, Armin Mueller-Stahl mit Clive Owen und Joachim Król mit Jeff Goldblum. stern.de traf den Schauspieler auf der Berlinale und sprach über Berlin, Ansprüche und seinen neuen Film "Ein Leben für ein Leben".
Von Sophie Albers

Król kann einfach alles: In "Der bewegte Mann" liebte er Til Schweiger, in "Zugvögel" lernte er am liebsten Zugfahrpläne auswendig und in "Lautlos" tötete er für Geld. Sein Gesicht ist im Familienalbum des deutschen Films in jedem Genre zu sehen. Er hat mit Doris Dörrie gedreht, mit Hans W. Geissendörfer, Helmut Dietl und Tom Tykwer. Auch aus dem Fernsehen ist er nicht wegzudenken, "Donna Leon" wäre ohne ihn nicht das Gleiche.

Auch nach 25 erfolgreichen Karrierejahren ist der Schauspieler freundlich und offen. Er ist auf der Berlinale, um Paul Schraders Film "Ein Leben für ein Leben" zu präsentieren. Darin spielt er neben Jeff Goldblum einen Holocaust-Überlebenden, der in einer Spezialklinik in Israel lebt.

Ein bisschen müde sieht Król im Gespräch mit stern.de aus. Doch er ist hellwach, sobald es ums Kino geht.

Herr Król, Ihre wievielte Berlinale ist das?

Oh, erste Frage und schon auf dem falschen Fuss erwischt... Ich glaube, ich waren 93 hier, als "Wir können auch anders" im Wettbewerb lief. Das war gleich ein Einstieg auf ganz hohem Niveau. Danach war ich immer wieder hier, aber ich habe sicher auch die eine oder andere Berlinale ausgelassen.

Was bedeutet Ihnen die Berlinale?

Das ist für uns die wichtigste Messe am Jahresanfang. Außerdem geht das Jahr ohne Berlinale nicht richtig los. Hier hat man alle auf einem Fleck, sogar aus aller Welt. Hier erfährt man in zwei Wochen soviel wie sonst im ganzen Jahr nicht. Und: Berlin ist ein Publikumsfestival, das macht einfach Spaß. Cannes ist Glamour, in Venedig spielt, egal welchen Film man da abliefert, immer die Stadt die Hauptrolle. Berlin ist im positiven Sinne immer auch ein Arbeitsfestival.

Sie rennen auch die ganze Zeit rum, treffen Leute?

Ja klar.

"Operation Walküre", "The International" und auch Ihr neuer Film "Ein Leben für ein Leben" sind Produktionen ohne Grenzen, nicht mehr an ein Land gebunden. Hat das Kino sich internationalisiert, oder ist das schon länger so?

Nee, da ist schon mächtig was passiert. Ich bin in den 90er Jahren eingestiegen, und es ist eine kontinuierliche Entwicklung. Und es ist auch nur konsequent. Es wird ja immer schwieriger, das Geld zusammenzukriegen, und wenn man dann auch noch Stoffe findet, bei denen es sich aufdrängt, das international zu drehen, um so besser.

Und es macht wahrscheinlich auch mehr Spaß?

Ja klar. Es hat schon Tradition, dass ich mit der Arbeit irgendwo hinkomme, wo ich noch nie war. Das ist großartig. (lacht)

"Ein Leben für ein Leben" ist ein toller, aber auch sehr anstrengender Film. Hatten Sie das Gefühl, 'Ich mach da jetzt etwas sehr Mutiges'?

Etwas Besonderes auf jeden Fall. Das war schon klar, als ich das Drehbuch gelesen und erfahren habe, wer alles dabei sein soll. Aber wir reden hier ja von einem Unterhaltungsmedium. Ich denke, es gibt viele Zuschauer, die gerne mal gefordert werden möchten, die sich ein Kinoerlebnis zum Mitdenken wünschen, zum Mitarbeiten. Denn Popcornkino, wo der Film eigentlich nur die Popcornvernichtung begleitet, gibt es schon genug. (lacht) Ist völlig berechtigt, ich gucke mir das auch oft an. Aber wir dürfen das breite Spektrum nicht vergessen. Wo fängt die Kunst an? Wo kann man mit Mitteln der Kunst Inhalte vermitteln? Im Unterhaltungsmedium Kino? Ich denke, da sind wir sehr gut aufgestellt.

Sie glauben also nicht, dass das Publikum nur noch Castingshows und Dschungelcamp will?

Jede Bewegung hat eine Gegenbewegung. Ich habe einen 17-jährigen Sohn, den muss ich nur fragen. Alles, was so nett und leicht daherkommt, kann man noch mal und noch mal durchorgeln, und plötzlich haben die Leute den Eindruck, es gibt gar nichts anderes mehr. Das muss man mal ändern. Aber mein Sohn und die Leute seiner Generation finden vieles zum Kotzen und äußern das auch.

Würde er sich "Ein Leben für ein Leben" denn überhaupt angucken?

Natürlich.

Nicht nur wegen Ihnen?

Das ist das kleinste Motiv. (lacht)

Sie spielen darin Rabbi Wolfowitz, dem im Holocaust Dinge angetan worden sind, die wir uns nicht mal vorstellen können. Es tut schon weh, ihn leiden zu sehen, aber wie ist es dann erst, ihn zu spielen? Hatten Sie auch Angst vor der Rolle?

Das ist nicht leicht, und es ist auch eine Rolle, die man länger mit sich herumträgt, die einen auch nach Jahren nicht loslässt. Aber es ist auch Beruf, man kann das. Man muss versuchen, möglichst viel zu wissen. Wir hatten außerdem eine fantastische Grundlage. Paul Schrader lässt kein mittelmäßiges Drehbuch durchgehen. Darauf können Sie sich verlassen. Und er schützt seine Schauspieler, und man kann halt losspielen. Und wenn man dann auch noch Hochkaräter wie Jeff Goldblum als Partner hat - danke schön.

Im Augenblick gibt es auffällig viele Filme über den Holocaust und die Nazizeit...

"Ein Leben für ein Leben" behandelt die Zeit danach. Dieser Moment hebt den Film etwas heraus. Ich finde, diese ganzen Filme sind notwendig. Diese Geschichten müssen immer wieder erzählt werden. Wir glauben vielleicht, mittlerweile einiges zu wissen, wir haben vielleicht sogar hier und da eine Antwort gefunden. Aber die nächsten Generationen müssen diese Geschichten auch hören! Außerdem ist es immer noch an der Tagesordnung, dass in Israel und Palästina Raketen abgeschossen werden, dass Menschen traumatisiert werden auf beiden Seiten.

Hat der Film Ihnen eine Antwort gegeben?

(Lange Pause) Nein, aber mich in der Überzeugung bestärkt, dass man dranbleiben muss.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker