Cannes-Tagebuch Abschied ohne Schmerzen


Wann muss ich eigentlich aufstehen, um rechtzeitig am Flughafen zu sein? Ups, ich muss ja für meinen Neffen noch ein Festival-T-Shirt kaufen. Und packen auch noch. Typisch letzter Wettbewerbstag.

Der innere Abschied ist bereits eingeläutet, die Menschenmassen im Palais sind bereits deutlich ausgedünnt, und wenn man über die Croisette läuft, meint man ein großes, langsames, erleichtertes Ausatmen zu hören.

Wobei sich die Melancholie in Grenzen hält. Das 58. Festival de Cannes hinterlässt keine Spuren. Keine Erinnerungen an kontroverse Diskussionen wie über Michael Moores letztjährigem Palmen-Gewinner "Fahrenheit 9/11". Keine innovativen Knaller wie der brillante koreanische Rache-Schocker "Old Boy". Direktor Therry Fremaux schaltete 2005 einen Gang zurück, setzte mit der Einladung arrivierter Festspiel-Routiniers wie David Cronenberg, Jim Jarmusch, Michael Haneke, Lars von Trier, Wim Wenders, Gus Van Sant, Atom Egoan oder den Dardenne-Brüdern auf das Erwartbare. Die lieferten wie bestellt mal besser mal schlechter innerhalb ihres Rahmens, was das Programm immerhin besser machte, als das der letzten Berlinale.

Ohne Erwartungen, ohne Enttäuschungen

Mit entsprechend leicht abgeschlafftem Da-dürfte-eh-nichts-mehr-Berauschendes-kommen-Credo schlurft man also in die letzten drei Beiträge des offiziellen Programms. Und ist zumindest für 120 Minuten wieder voll da. Auslöser dieses unerwarteten Adrenalin-Kicks ist "The Three Burials of Melquiades Estrada", das späte Regie-Debüt des US-Schauspielers Tommy Lee Jones. Als hätte er sein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht, verschraubt der 59-jährige Themen wie Rassismus, Flüchtlings-Problematik, Ehefrust, Latino-Mystik und Cowboy-Alltag zielsicher zu einem knarzigen, schwarzhumorigen Spätwestern. Basierend auf dem Drehbuch von Jones Freund und Jagd-Kumpel Guillermo Arriaga, der schon Alejandro Gonzales Innaritus beiden Meisterwerke "Amores perros" und "21 Gramm" schrieb, erzählt der Film die klassische Story von einer langen Reise – die mit einer Leiche beginnt.

Kurz nachdem der junge Grenzpolizist Mike Norton, ein milchgesichtiger Redneck (großartig verkörpert von Barry Pepper), seinen Dienst in einem texanischen Nest an der grünen Grenze zu Mexiko angetreten hat, erschießt er im Übereifer versehentlich einen illegalen Immigranten. Während der örtliche Sheriff das Ganze zu vertuschen sucht, stellt der alternde Cowboy Pete Perkins, den Jones, nicht weit von sich entfernt, als muffeligen, aufrechten Stoiker gibt, eigene Ermittlungen an.

Als er die wahren Hintergründe erfährt, bekommt sein trübes Leben plötzlich einen Sinn. Estrada, der für den einsamen Viehtreiber so etwas wie ein Sohnersatz war, hatte ihm immer von einem wunderbaren Ort vorgeschwärmt. Perkins nimmt Norton als Geisel und macht sich mit ihm und Estradas Leiche auf den Weg zu jener Stelle, an der sein toter Freund die letzte Ruhe finden soll. Grisselig und rau, bar jeder Monument-Valley-Romantik von dem britischen Kamera-Maestro Chris Menges fotografiert, charmiert "Three Burials" mit einer Fülle wunderbarer Szenen, wie etwa die mit den drei Mexikanern, die in the middle of nowhere vor einem an der Autobatterie angeschlossenen Fernseher hocken und gebannt eine amerikanische Seifenoper verfolgen. Oder Pete an anderer Stelle den Ameisenbefall an Estradas Leiche durch das Anzünden seines Kopfes zu beseitigen versucht.

Tommy Lee Jones zeigt Gefühl

Die durchweg positiven Reaktionen rissen Tommy Lee Jones zu wahren Gefühlsausbrüchen hin – für seine Verhältnisse jedenfalls. "Ich fühle mich wie ein kleines Kind", gestand der Texaner euphorisch. "Alle Leute sind so nett, und man bekommt vieles umsonst. Heute bin ich wahrscheinlich sieben Jahre alt. Vielleicht sogar sechs." Um einige Jahre gealtert war man hingegen nach dem Genuss von Martha Fiennes außer Konkurrenz präsentierten Gesellschafts-Fresko "Chromophobia", prominent besetzt mit Kristin Scott Thomas, Ben Chaplin, Penelope Cruz, Bruder Ralph Fiennes, Rhys Ifans und Ian Holm. Zwei Stunden und 13 Minuten lang werden wir Zeuge, wie sich die Schicksale einer Handvoll Menschen kreuzen. Da ist der erfolgreiche Junganwalt, der von seinem Boss in krumme Geschäfte mit einem Minister getrieben wird, während sich seine frustrierte Ehefrau zwischen Shopping-Exzessen, Psychiater-Besuchen, Esoterik-Klimbim und ihrer Unfähigkeit als Mutter aufreibt. Da ist der erfolglose Journalist, der die illegalen Machenschaften seines alten Juristen-Kumpels für die Story seines Lebens nutzt. Und da ist der Sozialarbeiter, der sich einer krebskranken Prostituierten annimmt, die von einem angesehenen Richter ein Kind hat, der wiederum der Vater des Anwaltes ist. Das klingt zwar konfuser, als es letztlich ist. Aber trotz exzellenter Schauspieler schwankt Martha Fiennes mit ihrer Geschichte zu uneinheitlich zwischen Manierismen, Blasiertheit, Rosamunde Pilcher und gelungenen Momenten, um beim Zuschauer die beabsichtigte Tiefenwirkung zu erzielen.

Episoden über die Liebe in China

Wesentlich minimalistischer kommt dagegen der finale Palmen-Wettbewerber "Three Times" daher. Bereits zum sechsten Mal in Cannes, offeriert der in China geborene Taiwanese Hou Hsiao Hsien diesmal drei Episoden über die Liebe, die in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt und mit denselben Hauptdarstellern (die hübsche Shu Qi und Chang Chen) besetzt sind. Den Anfang macht die Folge "The Time for Love" über die knospende Beziehung zwischen einer Billardsalon-Angestellten und einem Soldaten, die 1966 in Kaohsiung spielt und in ihrer Strenge wie ein freundlicher Gruß an Wong-Kar Wai wirkt. Teil 2, "The Time for Liberty", geht 55 Jahre zurück nach Dadaocheng und schildert im Stummfilmstil mit Dialog-Einblendungen die aufkeimenden Gefühle eines Freudenmädchens und ihres reichen Kunden. Zum Schluss geht Hou mit "The Time for Youth" ins heutige Taipeh und zeigt das Bild einer kommunikationsunfähigen Jugend, die nur noch per SMS miteinander redet. Die Meinungen darüber, ob wir es hier mit einem Palmen-Favoriten oder einem asketischen Langeweiler zu tun haben, sind geteilt. In jedem Fall darf "Three Times" zu den besseren Beiträgen gezählt werden und darf sich durchaus Chancen auf einen der Nebenpreise ausrechnen. Eine der begehrtesten Auszeichnungen außerhalb der Haupt-Awards ist indes schon vergeben worden. Der Preis der Internationalen Vereinigung der Filmkritiker ging an Michael Hanekes "Caché". Nun heißt es warten auf das Urteil der Jury. Und schon mal Anfangen mit Koffer packen.

Bernd Teichmann


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