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Interview

Christian Petzold: "Der neue Kapitalismus wird es nicht schaffen"

Er gehört zu Deutschlands angesehensten Regisseuren - auch wenn seine Filme meist jenseits des großen Publikums laufen. Im stern-Interview spricht Christian Petzold über seinen neuen Film "Yella", die derzeitige Managergeneration - und erklärt, warum der Kapitalismus scheitern wird.

Herr Petzold, Ihr Film "Yella" spielt in der modernen Wirtschaftswelt des Heuschrecken-Kapitalismus. Sie zeigen Verhandlungsszenen und schildern dort sehr detailliert die Rituale, die dieser neue Managertyp verwendet. Viel davon haben Sie von einem Dokumentarfilm gelernt, "Nicht ohne Risiko" von Harun Farocki, der auch an dem Drehbuch mitgeschrieben hat. Wie haben Sie sich in diesen Stoff eingearbeitet?

Ich muss gestehen, ich recherchiere nicht gerne. Wenn man zu stark recherchiert, dann versucht man diese gesamte Recherche im Film unterzubringen, das tut dem Film nie gut. Überrecherchierte Filme sind ganz grauenhaft.

Weil man meint, zu viele Informationen unterbringen zu müssen?

Genau. Davon kann man sich nicht trennen, weil das Beutestücke sind. Ursprünglich hatte ich für diesen Film die Welt eines Headhunters vor Augen. Dann sah ich den Film von Harun Farocki und dachte: Das ist etwas Neues. Hier sehe ich zum ersten Mal, wie jemand den neuen Kapitalismus filmt. Und ihn nicht bewertet, sondern erst einmal seine Rituale aufnimmt, wie eine ethnologische Studie. Von diesem Moment an wusste ich, dass die "Private-Equity"-Welt die moderne Erzählung ist, zu der ich mich hinbewegen muss.

Haben sich die Schauspieler näher mit dieser Welt beschäftigt?

Stundenlang. Die Schauspieler wollen aus diesen Fernsehklischees raus, in denen sie oft drinstecken: der Zigarre rauchender Kapitalist. Sie wollen nicht immer aussehen wie 1920, mit moderner Kleidung und dann in Cornwall am Kamin Zigarre rauchen. Sie haben sich den Film von Harun Farocki angesehen und waren dann nur noch mit diesen neuen Kapitalisten beschäftigt.


Deren Geschäftsgebaren ist einem teilweise fremder als wenn man in eine andere Kultur reist und dort Menschen studiert. Obwohl sie in unserer Gesellschaft leben.

Das ist es ja wahrscheinlich gerade: Die sind einem so nah, dass man kein Bild von ihnen hat. Ich kenne niemanden, der so ist. Und trotzdem sind sie Teil unseres Alltags. Die sind anders als in der Werbung, anders als die Hewlett-Packard-Managerin in weißgestärkter Bluse. Die sind auch nicht verabscheuungswürdig.

Früher wurden Kapitalisten in Filmen oft als spießig dargestellt. Nun ist gerade der von Devid Striesow gespielte Manager extrem unspießig. Er hört coole Musik und verachtet die gewöhnlichen Träume: mit der Familie aufs Land ziehen, abends mit dem Auto zu Hause vorfahren, wo einen Frau und Kinder erwarten. Von daher ist er nicht unsympathisch. Andererseits ist sein großes Lebensziel, eine Bohrerfirma aufzukaufen. Er hat also diesen bürgerlichen Träumen nichts Substanzielles entgegenzusetzen.

Nein. Irgendwann hat das angefangen, dass nicht mehr die Leute, die Germanistik studiert haben oder vergleichende Literaturwissenschaft oder Philosophie die Coolen waren, sondern plötzlich war BWL angesagt. Und alles, was das Gemeinwesen anbetrifft, wurde als Last angesehen, die wir mit uns rumschleppen. Auf einmal hieß es: Wir müssen den Staat verschlanken, der freie Markt ist toll. Der Kapitalismus wurde sexy. Der Kapitalist war nicht mehr der widerliche, Zigarre rauchende, Mercedes fahrende 50er-Jahre-Unternehmer, der seiner 19-jährigen Sekretärin unter die Wäsche geht, weil sie zu seinem Besitz gehört. Plötzlich waren die Jungs alle cool. Sie können aus den angesagten US-Fernsehserien zitieren, kennen sich bei Drinks aus und gehen in Wellness-Hotels. Diese neue Welt finde ich interessant.


Ist die Hauptperson Yella für den modernen Kapitalismus besser geeignet, weil sie aus dem Osten kommt und den bundesrepublikanischen Kapitalismus einfach übersprungen hat?

Ja. Ich glaube, dass ganz viele von den Glückssucherinnen aus dem Osten besser geeignet sind. Weil sie die 60er und 70er Jahre in der BRD mit ihren Verklärungen nicht in sich haben: "Willy wählen", ungeheure Freiheiten, Bafög, studieren bis der Arzt kommt. Diese Versprechen aus Hedonismus und gleichzeitigem Coolsein, das kennen die nicht. Und deshalb sind sie vielleicht durchsetzungsfähiger, ehrgeiziger - und auch brutaler.

Bei "Yella" wird die Wirtschaft nicht - wie in Filmen der 70er Jahre - über die Strukturen beschrieben, sondern auf einer persönlichen Ebene: Man sieht förmlich, wie sich das Wirtschaftssystem in die Körper der Handelnden einschreibt. Wie haben Sie das den Schauspielern nahe gebracht?

Die haben das Verhalten der Menschen in dem Dokumentarfilm genau studiert. Was Schauspieler sehen, sind die Bruchlinien, die jede Erziehung oder jede Einarbeitung in den Körpern hinterlässt. Die Bruchlinien sind da, wo das zerrissene Material vernarbt zusammengewachsen ist. Wenn ich mit der Deutschen Bahn von Berlin nach Hamburg fahre, sehe ich Menschen, die durch die flugzeugähnlichen Großraumwagen gehen und diese Sätze sagen müssen: "Kann ich Ihnen noch ein Getränk an den Platz bringen?" Da merke ich sofort, dass es nicht deren Sprache ist. Die müssen moderner sein als sie sind. Sie müssen etwas darstellen, was sie nicht sind. Und so ist das auch mit den älteren Unternehmern, die mit jungen Wirtschaftsanwälten einen Deal machen. Da sind diese wahnsinnig schnellen englischen Anwälte mit ihren riesigen Venture-Capital-Fondgeldern nach Deutschland gekommen und haben mal eben Leo Kirch ruiniert, indem sie ihm die Formel-1-Rechte für eine wahnsinnige Summe verkauft haben. Die haben sich totgelacht: Kommt so ein alter deutscher Unternehmer wie Kirch, mit fetter Hornbrille, bayerischer Patriachat, und lässt sich von 28-jährigen Engländern über den Tisch ziehen.

Würden Sie jetzt sagen, dass wir uns gerade in einer Umbruchphase befinden, wo der Kapitalismus für seine jetzigen Bedürfnisse noch nicht das "Menschenmaterial" hat? Vielleicht wird der Bahnangestellte in 20, 30 Jahren ganz selbstverständlich den Gästen den Kaffee anbieten.

Nein, der wird's nie sagen. Ich glaube, dass der Kapitalismus scheitert. Er ist an die Grenze gestoßen. Ich glaube, da ist nichts mehr zu machen. Der französische Philosoph Etienne Balibar hat schon 1983 geschrieben, dass der Kapitalismus so unkörperlich sein wird, dass eine fundamental körperliche Gegenbewegung entstehen wird, vor der wir genauso viel Angst haben müssen. Damit hat er damals schon die Taliban beschrieben und auch die Hooligans in den Stadien. Ich glaube, dass das Geld so ein Abstraktum geworden ist, dass der neue Kapitalismus es nicht schafft.

Am Ende von "Yella" bringt sich ein Kapitalist der alten Schule um, weil er beim Geschachere um Millionen nicht mithalten kann. Wer Familie hat, Bindungen eingeht, ist verletzbar und kann nicht so hoch Pokern wie die junge, ungebundene Managergeneration. Sind Menschen mit Familie überhaupt für den modernen Kapitalismus geeignet?

Nein. Das ist aber das Problem, das alle Leute haben werden. Wir lösen den Acht-Stunden-Tag und die Ladenöffnungszeiten auf, wir schaffen unfassbare Flexibilitäten mit Jobcentern und gleichzeitig braucht der Staat die Familie. Die Frage wird immer da sein: Was machst du? Das ist das Identitätsbild. Und gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, der die Arbeit nicht nur ausgegangen ist, sondern in der die Arbeit die Wichtigkeit nicht mehr hat, weil sie ausgelagert ist. Diese Widersprüche wird die Gesellschaft nicht aushalten, da bin ich mir sicher.

Das mag man einerseits begrüßen, aber andererseits ist das, was dann heraufziehen könnte, ja auch...

... gefährlich. Das ist furchtbar. Man sieht das an den Wirtschaftsprogrammen von der Linken und NPD: Die bewegen sich stark in Richtung Nationalökonomie.


Und Oskar Lafontaine polemisiert gegen "Fremdarbeiter".

Das ist die große Gefahr. Das Problem sind die Gewerkschaften, die immer nur national denken und sich nur um Lohnsteigerungen für ihre Klientel kümmern. Die haben nicht an dem internationalen, globalen Bürger gearbeitet. Man muss aber die Gegenwart beschreiben, und nicht irgendwelche 20er-Jahre-Geschichten auf heute ummünzen.

Wenn man die Gegenwart beschreibt, macht man sich nicht unbedingt beliebt beim Publikum.

Das ist klar, aber damit muss man leben.

Aber ist das nicht schade? Wenn man was zu sagen hat, dann will man doch auch, dass andere einem zuhören.

Ja, aber die Leute, die sich darum kümmern, viele Menschen zu erreichen, machen meistens einen richtigen Scheiß. Viele sagen: Ist doch toll, dass es "Schindlers Liste" gibt, den Film haben Millionen von Menschen gesehen. Aber das ist es nicht. Ich finde, Alain Resnais' "Nacht und Nebel" ist immer noch der beste Film über Nationalsozialismus und Shoah. Und wenn den nur wenige Leute gucken, ist das auch egal. Die haben mehr Bedeutung als die zerquoteten Menschen dieser Welt.

Sie machen also weiter, so lange man Sie lässt.

Ja. Wenn nicht, dann werde ich Briefträger (lacht). Mein Traumberuf, wirklich. Man muss dann immer ganz früh morgens durch die Straßen gehen.

Dann wünsche ich Ihnen auch für die nächste Karriere alles Gute.

Danke.