HOME

Christof Wackernagel: Vom RAF-Mitglied zum Filmschauspieler

Er war Mitglied bei der RAF und feuert im heißen Herbst von 1977 auf Polizisten. Dann arbeitete er als Entwicklungshelfer in Afrika, trat als Schauspieler in "Der bewegte Mann" auf und verfasste einen Roman. Wie es zu der irren Karriere des Christof Wackernagels kam, zeigt sein Neffe Jonas Grosch in dem Dokumentarfilm "Der Weiße mit dem Schwarzbrot".

Von Johannes Gernert

Er hat damals noch in Bochum gewohnt, in seinem kleinen Atelier hinterm Hauptbahnhof. Einmal liefen da diese Kinder hinter ihm her und riefen "Titten, Titten, Titten". Es hat ihn sehr glücklich gemacht, sagt Christof Wackernagel. In diesem Moment war er nur der Typ, der den Schwaben in der Männergruppe gespielt hatte. Diesen Schwaben aus "Der bewegte Mann", der vor der Fleischereiverkäuferin steht und nicht "Brüschte" denkt, sondern "Titten". Der Knast lag in diesem Augenblick an die zehn Jahre zurück. Die RAF noch etwas länger. Es fühlte sich alles angenehm weit weg an. Für wenige Sekunden war Christof Wackernagel der Schauspieler aus einer kleinen Kultszene. Nichts sonst. Wahrscheinlich wussten die Kinder gar nicht, was diese Buchstabenkombination bedeutet: R - A - F. Es war ein schöner Tag.

"Titten, Titten, Titten." Wackernagel schreit es über den Café-Tisch, hinaus auf die Berliner Kastanienallee, wo die jungen Leute mit den großen Sonnenbrillen unterm blauen Maihimmel spazieren gehen. Sein kahler Kopf wird noch ein bisschen röter, als er es in Afrika ohnehin schon geworden ist. "Ja, ich bin nun mal Schauspieler", ruft Wackernagel. Seine Stimme ist laut und ganz kurz vorm Salto, wie oft. Er spielt nicht nur. Er schreibt auch. Er malt. Aber manchmal scheint das, was ist, seltsam unbedeutend - im Gegensatz zu dem, was war. Dann sind da wieder die drei Buchstaben: R - A - F. Als hätte man ihm das auf die Stirn tätowiert. Darüber ein kleiner Vermerk: Ex. Es bedeutet in dem Fall nicht, dass irgendetwas vorbei wäre.

Ein Mosaik aus Geschichtchen

Vielleicht hilft der Film. Christof Wackernagel ist eigentlich zuversichtlich. Sein Neffe, Jonas Grosch, hat die Dokumentation über ihn gedreht. Er sitzt an diesem Mainachmittag neben ihm und trägt ein T-Shirt mit dem Titel darauf: "Der Weiße mit dem Schwarzbrot." Er handelt von dem Ex-Terroristen Christof Wackernagel, natürlich. Aber auch: von dem Schriftsteller, dem Maler, dem Mali-Flüchtling, dem Spätzle-Kocher, Plastikspiel-Erfinder, dem Anpack-Schwaben, dem Vollkornbrot-Ofen-Importeur und Kulturkarawanen-Träumer. "Der Weiße mit dem Schwarzbrot" porträtiert Christof Wackernagel als Gesamtmensch.

Er selbst erzählt seine Geschichte, von heute aus, als eine Vielzahl kleiner Geschichtchen. Grosch hat einen Film darüber gemacht, wie einer sein Leben als Mosaik zusammensetzt. Wie einer so versucht, sich selbst zu verstehen. Das, was er gemacht hat. Das Ganze ist voller Brüche, aber es gehört alles zusammen. Die Schießerei, die Schwarzbrotbäckerei. Man muss vermutlich Groschs Generation angehören, um alles mit so einer gelassenen Distanz zu betrachten, um nach manchen RAF-Details gar nicht erst zu fragen. Sie wollten seinem Onkel ja lange nachweisen, er habe das Schleyer-Erpresser-Video gedreht.

Als Christof Wackernagel so alt war wie sein Neffe heute, also 26 Jahre, lag er neben einer Amsterdamer Telefonzelle und feuerte auf holländische Polizisten. Drei Wochen vorher hatte man Andreas Bader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot in Stammheim gefunden. Tags darauf war die Leiche von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer aus einem Kofferraum gezogen worden. Nun schoss Wackernagel in Amsterdam auf die Polizisten. Es war das Ende des heißen Herbstes. Und Gert Schneider, neben ihm, warf die Handgranate.

Kulturkarawane für den Frieden

Fast dreißig Jahre später explodierte in Bamako, in Mali, der Ofen. Wackernagel hat es erst zwei Tage danach erfahren. Das Gerät sah seltsam rund aus, verbogen und innen war alles schwarz. Vielleicht war das auch wieder keine so gute Idee gewesen. Er hatte gedacht, er könnte Schwarzbrot nach Mali bringen. Er hatte dafür einige zehntausend Euro an Spenden gesammelt, malische Bäcker in Deutschland ausbilden lassen. Aber die Betreiber haben in dem Ofen trotzdem auch ihr heimisches Baguette gebacken. Dafür war er nicht gemacht. Manchmal passen Christof Wackernagels Ideen und diese Welt nicht zusammen. Auch jetzt noch, wo er versucht, sie ohne Pistole umzusetzen.

Er wollte eine Kulturkarawane starten. Für den Frieden. Quer durch Afrika, auch durch den Sudan, wo der Bürgerkrieg tobt. Die verfeindeten Parteien hätten zugesagt, erzählt er in dem Film - einen Turban auf dem Kopf, hinter ihm, unten, die verschachtelten Bauten der Stadt Bamako. Der damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement mochte die Idee. Zehn deutsche Unternehmen sollten je zehn Millionen spenden. Aber das Außenministerium, in dem zu der Zeit Joschka Fischer regierte, riet davon ab. Die Grünen wollten lieber Friedenssoldaten schicken. Frie-dens-sol-da-ten. Ein Widerspruch in sich. Wackernagel presst das kurz und sehr scharf heraus. Er wird rot in diesen Momenten und sticht - mit dem Finger, mit den Augen.

Entrüsteter Idealist neben RAF-Märchenonkel

In einer anderen Szene der Dokumentation sitzt er entspannt in einem hellbraunen Ledersessel und grinst, als er sich an den "Jesus-mäßigen Knall" erinnert, nachdem Schneider in Amsterdam die Handgranate geworfen hat. Dürfe man ja eigentlich gar nicht darüber lachen, aber es sei eben so gewesen. "Und dann sind die ausgeflippt", sagt er. Die Bullen. Wie er so davon erzählt, klingt das ein bisschen nach einem Böse-Buben-Streich. Nicht nach dem bewaffneten Kampf von marxistisch-motivierten Idealisten, die Risse in das Fundament einer ganzen Republik gesprengt haben. Grosch stellt beides nebeneinander: den entrüsteten Utopisten und den amüsierten RAF-Märchenonkel, der in dem Berliner Café sagt, dass seine Widerstandsgeschichte für die Leute in Mali nicht mehr sei als ein "kleiner Popel" - im Gegensatz zu den "ruandischen Bürgerkriegsschlachtereien". Er ist 2003 dorthin gegangen. Eine Art Flucht.

In Amsterdam war er festgenommen worden. Sie hatten ihn nach Deutschland ausgeliefert. Er bekam 15 Jahre. Lebenslänglich. Für seine Mitgliedschaft in der RAF und für die Telefonzellen-Schießerei. Im Gefängnis hat er versucht das, was er getan hatte, im Nachhinein auf eine theoretische Grundlage zu stellen. Als er merkte, dass sie viel zu brüchig war und nicht standhielt, hat er sich von der RAF losgesagt. Er kam Ende der 80er frei, auch weil einer der niederländischen Polizisten, auf die er geschossen hatte, sich für ihn einsetzte.

Wackernagel schrieb Bücher und spielte kleine Rollen. Den Titten-Typen aus "Der bewegte Mann". Den "Politischen", den RAF-Fuzzi, in Detlev Bucks "Männerpension". So sehr ihn die Auseinandersetzung mit der RAF-Zeit ernüchtert, so sehr ihn die emotionale Unruhe danach an den Rande des Selbstmords getrieben hat, so sehr er gelegentlich ein wenig eitel wirkt, weil er sich selbst ein bisschen wichtig nimmt - immer ist er fähig zur Selbstironie gewesen. 2001 bekam er eine Rolle in "Abschnitt 40", eine mehrfach ausgezeichnete RTL-Serie. Er spielte einen Bullen. Da konnte er noch so sehr, auch öffentlich, an sich selbst abgearbeitet haben. Es war wieder nur der Ex-Terrorist, der den Polizisten darstellte. Seine Schauspielerkarriere, die mit 15 Jahren und "Tätowierung", einem Film über Jugend, Drogen, Aufbegehren, so richtig begann, hatte einen kleinen Nach-Knast-Höhepunkt erreicht, aber er kriegte diese RAF-Aufschrift nicht weg.

Er floh nach Mali, vor allem um eine Roman-Trilogie zu schreiben. Nebenbei begann er das Bäckereiprojekt und dachte sich ein Spiel aus, bei dem malische Kinder um die Wette Plastikmüll vom Straßenrand einsammeln. Ein Aufräumwettbewerb, vom schwäbischen Ordnungssinn inspiriert. Er ließ bei der Enwicklungshilfegesellschaft GtZ anfragen, ob sie die Idee vielleicht fördern würden. "Und die GtZ sagt, der Wackernagel spinnt." Er wird laut, rot. Sein Finger sticht, die Augen. Jetzt liegt das Spiel-Konzept angeblich beim Präsidenten von Mali auf dem Schreibtisch.

Der Roman ist fertig. Ein Traumtrilogie. 1764 handelnde Personen. 650 Seiten DIN A3. Er will den Zeitgeist von 1968 mit all seinen Widersprüchen erfassen. Er sei ja nicht von selbst auf die Idee gekommen, mit der Knarre loszuziehen. Der „Herr Dutschke“, die anderen, hätten ihnen eingeredet, das sei alles normal. Der Roman ist ein weiteres Kapitel in seiner persönlichen Aufarbeitungs-Geschichte, zurzeit sucht er einen Verlag. Er hat ihn zunächst einmal für sich selbst geschrieben, sagt er. Er, der Autor, der Schauspieler, der Ex. Jetzt kommt er erst einmal wieder zurück nach Deutschland. Kann sein, es gibt hier mittlerweile ein paar mehr Leute, für die er nur der Typ mit der "Titten"-Zeile ist. Er würde es sich wünschen.