David Lynch Ozean der glückseligen Zufriedenheit


Der Regisseur David Lynch hat den Ruf, seltsame und schwer verständliche Filme zu machen. Nun trat er in London auf die Bühne des Londoner National Film Theaters und erzählte von seiner wahren Leidenschaft: Er will durch transzendentale Meditation das Los der Welt verbessern.
Von Cornelia Fuchs, London

Wer weiß, was die Besucher dieser Veranstaltung des London Film Festivals erwartet hatten - als Fans des Regisseurs David Lynch war ihnen sicher klar, dass dieser Abend keine normale Diskussion über Filme und Kino bieten würde. David Lynch war nach London gekommen, um die Arbeit seiner Stiftung vorzustellen - der "Stiftung für bewusstseins-basiertes Lernen und Weltfrieden." David Lynch wäre nicht David Lynch, wenn er von dieser Mission nicht absolut und vollkommen überzeugt wäre. Und der Weltfrieden, so Lynch, ist über die Technik der transzendentalen Meditation zu erreichen. Die wiederum wurde ihm von Maharishi Mahesh Yogi beigebracht, bekannt als der Guru, der die Beatles nach Indien holte und über dessen materialistisches Streben John Lennon später den sehr kritischen Song "Sexy Sadie" schreiben sollte.

David Lynch praktiziert seit 34 Jahren, was der Maharishi Mahesh Yogi predigt. Und sagt, es habe sein Leben revolutioniert. Dieses Wissen will er jetzt ausstreuen. Über fünf Millionen Dollar hat Lynch bereits hergegeben, um Kindern in den Vereinigten Staaten das Meditieren zu lehren. 20.000 Schüler versenken sich dort jeden Morgen und Abend für 20 Minuten in "den Ozean des Seins", wie Lynch es formuliert. Und tatsächlich hat Meditation nach ärztlichen Forschungen positive Nebenwirkungen: Das American Journal of Cardiology hat einen Bericht veröffentlicht, nachdem Patienten mit hohem Blutdruck nach 18 Jahren eine um ein Viertel niedrigere Todesrate haben, wenn sie meditieren.

Lynch ist überzeugt, dass Meditation die Kinder von heute vor Stress und Gewalt schützen kann. Zusammen mit dem schottischen Songwriter und Ex-Hippie-Idol Donovan will Lynch seine Meditations-Erfahrung jetzt britischen Schulen zur Verfügung stellen. Und irgendwie auch sein neues Buch unter das Volk bringen - "Den großen Fisch fangen" heißt es und soll helfen, kreatives Potential freizuschaufeln.

Deswegen steht der Regisseur von "Blue Velvet", "Twin Peaks" und "Mulholland Drive" auf der Bühne des nationalen Film-Theaters und sein graues Haar schwingt sich über seine Stirn in einem dynamischen Schopf. Eine der ersten Fragen aus dem Publikum ist so gar nicht meditativ - wie bekommt er das hin mit seinen Haaren? "L'Oreal-Spray", sagt Lynch. Und das er im Moment eine Tube aus Israel benutze.

"Was ist der Sinn des Lebens?" ist die nächste Frage - und man sieht förmlich, wie sich Lynchs Brust hebt, dafür ist er hier, das kann er beantworten: "Der Sinn des Lebens ist die Totalität, kleiner als das Kleinste, größer als das Größte. Wir haben alles Potential in uns: Erleuchtung, Befreiung, Rettung. Da ist ein Ozean, ein unendlicher Ozean der glückseligen Zufriedenheit in jedem Menschen, die Einheit aller Teile, die von der Quantenphysik beschrieben wird. Wir können in dieses Feld eintreten, wir können es besitzen. Wir können es wissen, indem wir es sind. Danke!"

Mit einer ähnlichen Antwort hatte Lynch am Dienstagmorgen die ansonsten sehr ernsthaften Moderatoren der Radio-Sendung "Today" der BBC zum Lachen gebracht. Doch Lynch ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Sie könnten hier auch ein bisschen Glückseligkeit gebrauchen", gab er den Ungläubigen auf den Weg. Die bedankten sich freundlich und fragten danach Lynchs Sekundanten, den Sänger Donovan, ob er nicht glaube, dass diese kalifornisch-exzentrischen Ideen im doch eher skeptischen Großbritannien schwerer zu verkaufen seien. "Das kann schon sein", antwortete dieser. "Aber wenn ich damals in Glasgow diese Möglichkeiten gehabt hätte, dann wäre ich ein besserer Schüler gewesen."

Lynch ist zutiefst davon überzeugt, dass die Meditation seine Kreativität erst möglich gemacht hat: "Bevor ich anfing zu meditieren, waren da Angst, Wut, Depression. Diese Dinge verhindern den Fluss der Ideen. Wenn Du jedoch ein Mantra gefunden hast, dann kannst Du Dinge anzapfen im tiefsten Innern, die ansonsten verborgen bleiben. Und Peng!, es kommen Dinge aus dem Unterbewussten an die Oberfläche. Großartig!"

Und dann führt Lynch seinen Plan aus für eine bessere Welt: "Ignoranz macht mir Angst, ich habe Angst vor der Negativität in der Welt. Aber transzendentale Meditation kann dies verbessern, Mensch für Mensch. Und wenn viele Yogis zusammen kommen, dann können wir es für ein ganzes Land verändern, für die ganze Welt." Dies lasse sich sogar sehr genau berechnen, sagt Lynch. Für Großbritannien, zum Beispiel, brauche man nur 800 Menschen, die jeden Abend und Morgen zusammen meditieren: "Dann erreichen wir nicht nur das Nicht-Sein von Krieg, sondern das Nicht-Sein von allem Negativen."

Spätestens an diesem Punkt waren die Zuhörer ungefähr so verwirrt von Lynchs Aussagen wie von seinen Filmen, in denen er seltsame Figuren über dunkle Straßen, in dunkle Räumen und mitten in ihre schlimmsten Träume wandern lässt. Dass nach Lynchs Ausführungen Donovan auf die Bühne kam und mit grüner Akustik-Gitarre und unglaublichem Tremolo in der Stimme die alten Hippie-Lieder "Universal Soldier" und "Yellow Mellow" sang, machte den Abend nicht weniger seltsam. Am Ende standen die beiden auf der Bühne und Lynch verlas eine Art Friedensgebet: "Möge das Leid niemandem gehören. Frieden!" Und weg waren sie.


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