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Der deutsche Film: Good Bye, Fassbinder!

Preisgekrönt und gern gesehen: Der deutsche Film steht international so gut da wie seit 20 Jahren nicht mehr .

Hätte er ein wenig mitgespielt damals, beim traditionellen Fußballspiel der Filmemacher in Hof, dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Er hätte mal die Lederjacke abgenommen, das Rauchen, das Saufen und die Drogen vergessen und wäre gerannt wie sonst nur die Verzweifelten in seinen mehr als 40 Filmen. Er wäre vielleicht noch am Leben.

Doch Rainer Werner Fassbinder, der nach dem Krieg fast im Alleingang den deutschen Film wiedererweckte, mochte keinen Sport. Er starb 1982 an einer Überdosis Kokain und Schlaftabletten. Wenders, Herzog, Schlöndorff weilen zwar noch unter den Lebenden, "Kino made in Germany" fiel dennoch in ein tiefes Loch, das Auslandsgeschäft brach zusammen.

Über 20 Jahre später - die 37. Hofer Filmtage haben gerade begonnen, am Samstag wird auch wieder Fußball gespielt - scheint der übermächtige Schatten erstmals zu verblassen. Deutsche Filme sind plötzlich auf der ganzen Welt erfolgreich, gewinnen Preise auf berühmten Festivals. Ein Oscar für "Nirgendwo in Afrika", Auszeichnungen für "Rosenstraße" und "Schultze Gets the Blues" in Venedig, der Hauptpreis "Goldene Muschel" für "Schussangst" in San Sebastián, der Publikumspreis für "Das Wunder von Bern" in Locarno.

Auch außerhalb der Festivals sind die Menschen wieder an germanischen Produktionen interessiert. "Nirgendwo in Afrika" zog in Spanien fast 400.000 Besucher an, "Das Experiment" in Italien mehr als 300.000, "Bella Martha" erreichte in den USA fast 700.000 Zuschauer. Vor allem aber "Good Bye, Lenin!" bricht gerade alle Rekorde der Fassbinder-Ära. Allein in Frankreich, wo selbst "Lola rennt" nur 83.000 Menschen sahen, gilt Hauptdarsteller Daniel Brühl als "très cool", und 700.000 Besucher schmunzelten bereits über die ostalgische Tragikomödie. Insgesamt rechnen Branchenkenner mit einer Million - eine Sensation. Und was wäre erst, wenn "Good Bye, Lenin!" im Februar 2004 einen Oscar holen würde...

"Wir machen uns berechtigte Hoffnungen", sagt Michael Weber, 35. Er leitet die Bavaria Film International, für Experten der beste Weltvertrieb für deutsche Filme, und sitzt im Aufsichtsrat der Export-Union des Deutschen Films. Jahrelang habe er sich von Verleihern im Ausland anhören müssen: "Bring mir einen Fassbinder, dann können wir reden." Nun glaubt er "felsenfest an einen Umschwung. Seit den 70er Jahren war deutscher Film im Ausland nicht mehr so präsent." Er beobachtet ein "immenses Interesse" an deutschen Regisseuren. Tom Tykwer, Caroline Link, Hans-Christian Schmid: Was machen die als nächstes?

Woher kommt die frische Brise?

Weber nennt professionellere Marketing- und Vertriebsstrukturen. Testvorführungen vor ausgewähltem Publikum, dessen Reaktionen den Endschnitt beeinflussen, seien kein Tabu mehr. Eine neue Generation von Produzenten und Regisseuren gucke stärker auf den internationalen Markt, schon bei der Stoffauswahl. Also weg von den engen "deutschen" Themen, den Beziehungskomödien und dem Humor, den keiner jenseits der Landesgrenzen verstehe. Der Schuh des Manitu? Weber: "Ein lokales Event."

Heinz Badewitz, Gründer und Leiter der Hofer Filmtage, spürt ebenfalls einen Wechsel. "Die jungen Filmemacher erzählen nicht nur über sich selbst, sondern für ein Publikum." Talente würden sich verfestigen, Kinofilme sähen nicht länger aus wie TV-Produktionen.

Das beweisen auch die Ticketverkäufe an den heimischen Kinokassen. In den Top Ten der vergangenen Woche finden sich sieben deutsche Filme: "Das Wunder von Bern", "Die wilden Kerle", "Herr Lehmann", "Till Eulenspiegel", "Rosenstraße", "Pumuckl & sein Zirkusabenteuer" und "4 Freunde und 4 Pfoten": ein seltener und schöner Anblick.

Einige Filmkenner und Kritiker geben, typisch deutsch, dennoch den Miesepeter. "Nirgendwo in Afrika" hätte den Oscar doch nur bekommen, weil die Spanier nicht Pedro Almodóvars grandiosen Film "Sprich mit ihr" nominierten, sondern ein deprimierendes Arbeitslosendrama.

Festivalauszeichnungen seien reine Jury-Entscheidungen, deren Zwang zum Kompromiss zu mittelmäßigen Ergebnissen führe. "Rosenstraße"? Geschichtsklitterung! "Schussangst"? Belanglos! Eine nie dagewesene Vielfalt guter deutscher Filme? Na ja, mit der Produktion (84 Filme im vergangenen Jahr, 63 im Jahr 92) steige eben auch die Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur Nieten entstehen.

Über zwei der neuen Hoffnungsträger kann sich das Publikum nun bei den Hofer Filmtagen (bis 26. Oktober) eine Meinung bilden. Der Eröffnungsfilm "Schultze Gets the Blues" von Michael Schorr erzählt in ruhigen, sorgfältig komponierten Aufnahmen die Odyssee eines Kalibergmanns im Vorruhestand, der seine Liebe zur Zydeco-Musik entdeckt und ihr bis in die Sümpfe Louisianas folgt. "Schussangst" des in Berlin lebenden Georgiers Dito Tsintsadze fabuliert über die eigenwilligen Liebes- und Arbeitswirren eines Zivildienstleistenden und beeindruckt durch zwei großartige junge Hauptdarsteller.

Badewitz hält sich trotzdem zurück mit Optimismus über das deutsche Filmhoch: "Ich freue mich, das ist doch schon mal was. Das sind nur fünf bis sechs Filme, die jetzt für Aufregung sorgen. Es war ein gutes Jahr, aber wir brauchen im nächsten auch wieder gute Filme. Grund zur Euphorie? Die ist vielleicht eher bei der Frauenfußball-Nationalmannschaft angesagt." Im Kino gelten eben die gleichen Regeln wie beim Kicken: Der nächste Film ist immer der schwerste.

Matthias Schmidt