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Musik-DVDs: Jewel, Blues Traveler und das "Bonnaroo"-Festival

Musik-DVDs ermöglichen, die grandiose Live-Atmosphäre eines Konzerts komfortabel in den eigenen vier Wänden nachzuvollziehen. Carsten Scheibe stellt wieder neue Scheiben vor.

Jewel Live at Humphrey's By the Bay

In Alaska ist es normalerweise so kalt, dass selbst die Eisbären Frostbeulen am Hintern bekommen. Ausgerechnet aus dieser gottverlassenen Gegend kommt die blonde Sängerin Jewel. Doch klug wie sie ist, hat sich Jewel längst auf den Weg in die USA aufgemacht, um in wärmeren Gefilden ihre glockenhelle Stimme zu trainieren. Und das mit Erfolg, hat die Kleine doch inzwischen längst ein paar Millionen Dollar verdient.

Anschließend zog sie nach Michigan, um an der Interlochen Fine Arts Academy zu studieren. Hier begann die junge Frau auch damit, eigene Songs zu schreiben. Nach einigem Hin und Her suchte die junge Songschreiberin den Kitzel der Bühne, um wieder vor Publikum aufzutreten. Schnell s prach sich herum, dass da jemand mit einer absolut ungewöhnlichen Sopranstimme folkige Balladen sang. Das Label Atlantic wurde auf Jewel aufmerksam - und veröffentlichte die Debutplatte "Pieces Of You".

Die Platte überraschte mit kritischen Texten und eingängigen Melodien. Trotzdem zündete die Platte beim Publikum nicht. Zumindest nicht gleich. Erst als die Single "Who Will Save Your Soul" veröffentlicht wurde, ging es so richtig los. Die Platte stieg für 14 Monate in die Charts und verkaufte sich über 12 Millionen Mal. Die nachfolgenden Alben wie "Spirit" und "This Way" sorgten ebenfalls dafür, dass Jewel heute mit zu den erfolgreichsten Sängerinnen Amerikas gehört. Mit "0304" wurde Jewel deutlich poppiger, was ihr viele neue Fans in den Schoß trieb, zugleich aber auch ein paar ältere vergraulte.

Obwohl Jewel bereits auf eine jahrelange Karriere zurückblicken kann, liegt jetzt erst ihre erste DVD vor. Sie zeigt ein Konzert, das an zwei Abenden aufgezeichnet wurde, bevor Jewel ihre "This Way" Tournee antrat. Jewel ist hier in einem ganz kleinen Club zu sehen, der vielleicht gerade einmal hundert Leuten Platz bietet. So entsteht eine sehr intime Stimmung, zu der auch die kleine Bühne beiträgt. Jewel startet keine große Show und wechselt zwischen den Songs auch nicht die Kostüme. Mit umgehängter Gitarre stellt sich die langhaarige Sängerin vor das Mikrofon und legt einfach los.

13 Songs bekommen die Fans zu hören, darunter Jewels ganz besondere Klassiker wie "Hands", "Everything Breaks Sometimes" und "You Were Ment For Me". Fans fühlen sich auf der DVD sofort zu Hause. Wer Jewel zuvor noch nie live gehört hat, kann an manchen Stellen zwar leicht den Eindruck gewinnen, dass die Blonde mitunter auch ein wenig schrill klingt. Das ist aber nur dann zu hören, wenn Jewel a capella singt - also ohne Instrumentenbegleitung.

Äußerst schade ist, dass die DVD nur ein sehr schlechtes Bild bietet, das stets ein wenig unscharf und griesig wirkt. Auch die grottige Beleuchtung vor Ort überzeugt nicht. Das ist insofern bedauerlich, weil gerade ein Konzert auf kleinster Bühne eigentlich ein Geschenk an alle Bild- und Tontechniker ist. Eine DVD mit glasklarem Bild und perfektem Ton hätte demnach glatt ein Muss sein müssen. Obwohl: Am Ton ist eigentlich nicht viel auszusetzen. Zu den DVD-Extras gehören die Bonusauftritte zu "Love Me, Just Leave Me Alone", "Do You Want To Play?" und "Jesus Loves You". Zusätzlich werden ein Interview, eine Jukebox, eine Fotogalerie, eine Diskografie und ein Road-Video angeboten.

eagle vision, 84 Minuten, Dolby Digital 5.1 + DTS, ca. 20 Euro

Blues Traveler Live: Thinnest Of Air

Das Red Rocks Amphitheatre in Denver, Texas, gilt allen Musikfreunden schon lange als Geheimtipp: Die Atmosphäre der roten Steine ist bei Konzerten absolut unglaublich. Das wissen auch die DVD-Produzenten, die hier bereits viele Auftritte aufgezeichnet haben - etwa von Neil Young. Jetzt sind die Blues Traveler an der Reihe. Die Bluesmusiker aus Leidenschaft feierten am 4. Juli 2003 einen sensationellen Auftritt vor den Red Rocks. Dass sich so viele Amerikaner die Band ausgerechnet an ihrem Nationalfeiertag angesehen haben, passt: Richtig guter Blues gehört in den USA zu jedem größeren Fest einfach mit dazu. Da wir diese Tradition in Deutschland nicht besitzen, sind die Blues Traveler in den USA ein national bekannter Act, während sie hierzulande eher den Status eines Geheimtipps haben.

Der Konzertmitschnitt kann das vielleicht ändern, bietet er doch eine gestochen scharfe Grafik und einen glasklaren, sehr räumlichen Klang, der viele andere Musik-DVDs weit in den Schatten stellt. Blues-Freunde, die per se in Deutschland Probleme damit haben, an gutes Material zu gelangen, werden mit dieser Scheibe also mehr als nur zufrieden gestellt. Der nicht ganz schlanke (wie es sich für einen Blues-Sänger eben gehört!) Sänger John Popper, der Keyboarder Ben Wilson, der Gitarrist Chan Kinchla, der Trommler Brendan Hill und der Bassist Tad Kinchla lassen das Haus rocken, dass es nur so kracht. Vor allem John Poppers Mundharmonikaspiel setzt dabei immer wieder überzeugende Akzente.

Die Blues Traveler unterhalten mit vielen coolen Blues-Songs, die sofort für eine gute Stimmung sorgen und den Zuhörer sich nach Chips, Bier und einer anschmiegsamen Freundin im Arm sehnen lassen. Lieder wie "Carolina Blues", "You Lost Me There" und "Hook" sind vielleicht hierzulande noch nicht so bekannt. Sei es drum: Die Blues-Titel sind so eingängig und dank des doch sehr einfachen Grundrhythmus so leicht mitzuwippen, dass sich der Zuschauer nie als Außenstehender fühlt.

Absolut genial ist die Teilnahme bekannter Musiker am Konzert. So steigt etwa Ziggy Marley - Sohn von Bob Marley - mit auf die Bühne, um zusammen mit John Popper "No Woman, No Cry" zu singen.

Nach 24 Songs ist das restlos überzeugende Blues-Konzert vorbei und entlässt ein paar Musiker in die Dusche, die sich völlig verausgabt und für ihr Geld ordentlich etwas geleistet haben. Angesichts der überwältigenden Live-Atmosphäre des Konzerts ist es allerdings sehr ärgerlich, dass der Mitschnitt immer wieder einmal zwischen den Liedern unterbrochen wird, um Szenen von den Proben zu zeigen oder um die einzelnen Musiker zu Wort kommen zu lassen. Das stört und verhindert, dass man sich zurücklehnen und einfach nur die Musik genießen kann.

Da das Konzert eh auf zwei DVDs ausgeliefert wird, hätten die Produzenten das Bonusmaterial auch auf einer Scheibe bündeln können. Zu den weiteren Bonusmaterialien gehören übrigens Fotos und Interviews mit der Band. Sanctuary Records, 144 Minuten, Dolby Digital 5.1 + DTS, ca. 15 Euro

270 Miles from Graceland: Bonnaroo 2003

In Europa gibt es viele kleine und große Musikfestivals, auf denen sich die Bands verschiedenster Stilrichtungen austoben können. In den USA kommen die Festivals gerade erst wieder so richtig in Mode. Komisch eigentlich, zählen die USA doch mit Woodstock fast schon als die Erfinder des Festivals. Heute ziehen moderne US-Events wie "All Tomorrow's Parties", "Coachella" und "MACRock" die amerikanischen Musikfreunde wieder aus den Städten aufs Land. Hier können sie Bands und Musikern lauschen, die live spielen - und das aus eigenem Antrieb und weil sie innerlich für ihre Musik brennen. Und nicht, weil sie für eine Fernsehsendung gecastet wurden.

Äußerst beliebt ist das noch junge Festival "Bonnaroo", das 2002 zum ersten Mal stattfand. Zigtausende fuhren damals mit ihrem Auto oder dem Bus nach Manchester in Tennessee. Hier auf einer 600 Akre großen Farm gab es damals viele Bands aus dem Hippie-Umfeld zu sehen. 2003 kamen bereits viele Blues-, Hip-Hop- und Independent-Rock-Gruppen hinzu. Der große Erfolg des Festivals sorgt dafür, dass es auch 2004 eine Neuauflage geben wird - am 21., 22. und 23. Juni. Die Betreiber des "Bonnaroo" haben zwar ein Faible für Musik, die außerhalb der Charts stattfindet. Das bedeutet aber nicht, dass sie geschäftsuntüchtig sind. Und so gibt es wie schon beim ersten "Bonnaroo" auch eine DVD zur zweiten Veranstaltung aus dem Jahre 2003.

Der von Danny Clinch aufgenommene Film zeigt nicht nur 23 Live-Auftritte verschiedener Bands, sondern vermittelt darüber hinaus auch einen umfassenden Eindruck von der Atmosphäre vor Ort. Absolut beeindruckend ist dabei der Blick aus der Luft auf das Farmgelände. Ganze Felder sind hier zugeparkt mit Hunderten von Autos. Nicht minder viele Zelte und Wohnwagen dienen den Fans als Unterkunft während des drei Tage andauernden Musikfestivals. Die vier Bühnen werden ebenfalls vorgestellt: Fast ist es so, als wäre man selbst live vor Ort mit dabei, um verkleidete Fans, spielende Kinder und begeistert mitswingende Mittdreißiger in der heißen Sonne Tennessees zu bestaunen.

Die Musicacts könnten verschiedener nicht sein. Jede Band spielt ihren ganz eigenen Stil. Dabei kann es durchaus passieren, dass nach einer spacigen Elektroniknummer plötzlich ein Folkstück folgt, bei dem Geige und Mandoline zum Einsatz kommen. Die enorme Bandbreite der Musiker sorgt aber zugleich auch dafür, dass so etwas wie Langeweile gar nicht erst aufkommt. Schnell hat der Zuhörer die eine oder andere Band mit dem nach unten gerichteten Daumen abverurteilt und zugleich ein paar neue Geheimtipps gefunden, bei denen sich vielleicht die Anschaffung einer Kennenlern-CD lohnen kann.

Natürlich finden sich nicht nur Nonames auf der Bühne ein. Auch außerhalb der USA bekannte Musiker haben dem Festival ihre Stimme geliehen. Der begnadete Bluesmusiker Ben Harper ist ebenso on stage anzutreffen wie die Hippiejungs von Widespread Panic oder der gerade einmal nicht im Gefängnis einsitzende James Brown. Sonic Youth, Tortoise und The Dead sind weitere Namen, die man kennen sollte.

Um den Film optisch etwas aufzupeppen, springt Regisseur Clinch immer wieder zwischen gestochen scharfen und auf alt getrimmten Wackelbildern hin und her. Das ist ein unnötiger Trick. Dem Zuschauer wäre es sicherlich lieber gewesen, über die volle Zeit mit hochauflösenden Bildern versorgt zu werden. Viel zu "zahm" ist auch der Sound, der nur in Dolby Digital 5.1 und nicht in DTS vorliegt. Während bei anderen Live-Produktionen der Wohnzimmerschrank wackelt, muss man hier ganz schön die Boxen aufdrehen, damit etwas passiert. Die einzelnen Stimmen und Instrumente sind auch nicht so klar getrennt, wie das hätte sein können.

Die zweite DVD widmet sich allein den Bonusmaterialien. Hier finden sich gelöschte Szenen, Clips von den Pressekonferenzen und einige filmische Eindrücke aus dem Backstage-Bereich. Sanctuary Records, 124 Minuten, Dolby Digital 5.1, ca. 15 Euro

Carsten Scheibe