HOME

Filmemacher Wagenhofer: "Menschen brauchen Katastrophen"

Immobilienblase in Spanien, Steuerparadiese und "Heuschrecken" - drei Jahre lang hat Filmemacher Erwin Wagenhofer ("We feed the world") an einer Dokumentation über den Geldfluss im weltweiten Finanzsystem recherchiert. Pünktlich zur Finanzkrise kommt "Let's make money" in die Kinos. Im stern.de-Interview erzählt Wagenhofer von den Hintergründen.

Herr Wagenhofer, herzlichen Glückwunsch zu dieser punktgenauen Landung - wenn man dazu gratulieren darf.

Eher nicht, wenn man sich die aktuelle Lage ansieht.

Wie fühlt es sich an, wenn man drei Jahre lang an einem Thema arbeitet, das dann genau zum Filmstart solch Brisanz bekommt?

Es war klar, dass das kommen muss. Das haben auch alle Experten vorhergesehen, was im Rückblick umso schrecklicher klingt, wenn man ungebremst ins Unheil läuft. Aber offensichtlich braucht es im menschlichen Dasein solche Katastrophen, sonst werden die Leute nicht wachgerüttelt. Dass es genau jetzt passiert, konnte niemand ahnen. Ich fühle mich nicht gut, ich fühle mich auch nicht bestätigt. Mit der aktuellen Bankenkrise hat mein Film auch nichts zu tun, sondern er kritisiert ein Wirtschafts- und Geldsystem, das - so war es meine Idee - aus dem Ruder gelaufen ist.

Sie selbst sind kein Finanzfachmann, sondern Filmemacher. Wie sind Sie an die Thematik rangegangen?

Ich war bei "We feed the world" auch kein Ernährungsexperte. Ich habe eine technische Ausbildung als Nachrichtentechniker gemacht. In den Labors habe ich mitbekommen: Experten sind ganz besonders empfindlich, wenn Laien dumme Fragen stellen. Das habe ich mir zum Prinzip erklärt. Filmemachen hat irrsinnig viel mit Fragestellen zu tun. Während der Produktion und schon davor versuche ich, die Fragen zu beantworten, mir und den Zuschauern. Das ist die Herangehensweise, sehr naiv kindlich.

"We feed the world" ist sehr konkret, es geht darum, woher unsere Lebensmittel kommen. Geld dagegen ist sehr abstrakt. Welche Probleme wirft das beim Filmen auf?

Das gibt enorme Probleme. Alle haben mich gefragt, ob ich geistesgestört bin, das zu machen. Der Reiz daran war, Bilder der Auswirkung zu suchen. Dem Geldschein selbst nachzugehen, wäre kindisch. Geld wird ins System eingespeist, einmal ist es bar, dann ist es nur eine Buchungszeile, oder es ist völlig fiktiv wie im Moment. Auswirkungen und Personen, die mit dem Geld umgehen, kann man zeigen, deren Haltung kann man einfangen, dazu kann man enorm viele Informationen einfließen lassen. Aus all dem muss man einen Mix machen, der fürs Publikum verdaubar ist, an dem es nicht erstickt, aber doch eine Überdosis bekommt. Das war die Schwierigkeit.

Wie schwer war es, die Gesprächspartner zu finden, die tatsächlich auch über Hintergründe auspacken?

Während man beim sogenannten fiktionalen Film ein Drehbuch benutzen kann und sich seine Darsteller gezielt suchen kann, gilt es beim Dokumentarfilm eine Gleichung mit vier Unbekannten zu lösen, die lautet: zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein mit der richtigen Person, die möglichst das Richtige sagt. Deswegen braucht man auch so lange. Man sucht ständig Leute, die das machen und deren Botschaft auch intellektuell und emotional beim Zuschauer ankommt. ich würde mir viel ersparen, wenn ich fiktive Leute nehmen würde. Der Wiener Filmverleiher hat sogar einen Wirtschaftsexperten engagiert, der in einer Broschüre dem Zuschauer garantieren musste, dass alles echt ist und ich keine Schauspieler genommen habe - so weit sind wir schon.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie Sie an Gesprächspartner herangekommen sind?

Über einen Politiker in Berlin habe ich zum Beispiel die Privatadresse von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank recherchiert und ihm einen persönlichen Brief nach Frankfurt geschrieben - keine Antwort. Ackermann geht nur in Medien, in denen Chefredakteure sitzen, die er kontrollieren kann. Dann haben wir es über einen Duz-Freund von Ackermann probiert. Es hätte fast funktioniert. Am Tag des Drehs hat die Presseabteilung ihren Job gemacht, hat recherchiert und gesagt, den wollen wir nicht, weil ich in "We feed the world" angeblich etwas Negatives über den Nestlé-Boss gesagt hätte - stimmt gar nicht. Aber das sind kurzfristige Rückschläge, die muss man wegstecken, daraus entstehen neue Ideen. Genauso war es mit dem Weltbank-Präsidenten, der ist uns dreimal durch die Lappen gegangen. Es ist enorm schwer mit diesen Leuten zu kommunizieren, weil sie so überheblich sind. Das ist das Problem der Banken, sie sind so überheblich und jetzt liegen sie im Dreck, und wir müssen sie retten, das ist das Absurde daran.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Wall Street, das Herz des Finanzsystems, in Ihrer Dokumentation überhaupt nicht erscheint.

Ich wollte diese Klischeebilder aus dem Film "Wall Street", wo Banker mit 17 Telefonen rumzocken, von Anfang an nicht drin haben. Der größte Finanzplatz ist nicht mehr die Wallstreet, sondern London, und da gibt keinen einzigen sogenannten "trading floor", das gehört alles der Vergangenheit an. Auf diese Bilder bin ich nicht scharf gewesen.

Sie haben auch in China recherchiert.

Zweimal waren lange in China, davon haben wir nichts verwendet. So kommen 130 Stunden Material zusammen, das meiste muss man wegwerfen, es gibt viele Fehlgriffe.

Was waren denn die Glücksgriffe?

John Perkins, der Wirtschaftskiller, dessen Buch (Bekenntnisse eines Economic Hit Man: Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia, Anm. d. Red.) hatte ich eigentlich schon weggelegt. Ein Wirtschaftsprofessor, Weltbank-Spezialist in Wien, hat mir bestätigt, dass alles in Perkins' Buch richtig ist. Dann sind wir hingefahren. Viele sagen, er sei ein Verschwörungstheoretiker. Wenn Sie auf die Homepage vom US Gouvernement anklicken, kommen sie sofort auf Perkins, die blenden das nicht aus, aber das ist eine schwache Reaktion. Wenn man darüber nachdenkt, ist das, was er macht, ist es ein extrem effektives Instrument. Man hat flexible Einsatztruppen, die nennen sich halt Wirtschaftskiller, die stattet man aus mit Krediten der Weltbank, schickt sie. Die korrumpieren die Führungsschichten in dem Land, wo man hin will, wo man Öl haben will, verschuldet die - ist eine super Sache. Die Mafia macht das auch. Solange die vor Ort einlenken, ist es eine relativ friedliche Methode.

Sie haben aus der Vogelperspektive gigantische Betonburgen in Spanien gefilmt, leerstehende Hotels, Folge der Immobilienblase in Spanien.

Ich habe in Spanien gefragt, warum macht kein spanischer Filmemacher über diese Immobilienblase was, das schreit doch zum Himmel! Antwort: Das ist nicht künstlerisch. Verdammt noch mal, was soll denn da künstlerisch sein, wenn die Welt in dieser Schieflage hängt. Die Herausforderung ist: Welche Geschichte erzähle ich mit welchen Mitteln, damit sie bei den Zuschauern ankommt. Wenn ich ins Kino gehe, will ich einen guten Gedanken mitnehmen. Das ist mein Anspruch. Das wird von vielen Filmemachern verkannt. Hässliche Bilder zum Beispiel von einem Steinbruch in Burkina Faso mitzunehmen ist einfach, aber einen Zusammenhang herzustellen, ist die Kunst. In der Filmbranche läuft vieles daneben - Verleih, Filmproduktion, das ist genauso wie bei einer Investmentbank. Ich sitze nur da, weil man aus dem Film momentan Geld rausziehen kann, das ist aber nicht meine Intention, ich bin daran am wenigsten beteiligt.

Nach "We feed the world" haben wir aufgehört, spanische Treibhaustomaten zu essen. Was können wir Zuschauer aus "Let's make money" mitnehmen?

Die Konsequenzen können wir noch gar nicht absehen. Warum kommt es überhaupt zu so einer entfesselten Situation? Weil man sie entfesselt hat, weil man im Leben gewisse Regeln braucht. Wenn es im Straßenverkehr keine Regeln mehr gäbe, würde das Recht des Stärkeren gelten, wer das schnellste Auto hat beispielsweise. Die ersten Regulierer sind jetzt die Sonntagsprediger, die Amerikaner. Wer hätte gedacht, dass Amerika Banken verstaatlicht, das England Banken verstaatlicht. Das Heil war die Privatisierung. Ackermann ruft nach einem Schirmschild der europäischen Banken. Die Götze Markt haben alle angebetet. Fragen Sie mal eine Hausfrau oder eine Würstlverkäuferin, ob sie Ihnen hundert Euro gibt, in einem Jahr kämen Sie wieder und hätten das Geld verdreifacht, sie bräuchte nichts tun, außer zu vertrauen. Die werden das sicher nicht tun. Aber bei der Bank machen sie es.

Haben Sie den Film am Ende noch mal umgeschnitten?

Überhaupt nicht. Der muss auch jetzt kommen, würde er erst Anfang nächsten Jahres kommen, würde man das einarbeiten müssen, darüber haben wir kurz nachgedacht.

Interview: Kathrin Buchner