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Golden Globes: Oscar-Anwärterin Diane Kruger: "Ich lebe meinen Traum!"

Paris, Hollywood, Hamburg: Diane Kruger lebt zwischen den Welten. In "Aus dem Nichts" ist sie so gut wie nie zuvor.

Von Christine Kruttschnitt

Hinweis: Mit seinem NSU-Drama "Aus dem Nichts" hat Fatih Akin den Golden Globe als bester nicht-englischsprachiger Film gewonnen. Der stern sprach kurz nach dem Kinostart mit Hauptdarstellerin Diane Kruger. 

Die Tränen, sagt sie, kamen von allein. Sie brauchte weiß Gott keine Augentropfen, um Rotz und Wasser zu heulen, sich die Seele aus dem Leib zu greinen, die dünne Haut um die Augen verquollen wie nach Schlägen, die Nase rot und roh. Sie wimmert und windet sich für fast eine Viertelstunde – was lang ist in so einem Film und unerwartet brutal für den Zuschauer. Die Heftigkeit, mit der Diane Kruger da ihr unermessliches Weh auf die Leinwand kotzt, wringt einem schon mit besonders starken Händen das Herz. "Ja, wie spielt man so was?", überlegt die 41-Jährige und zieht sich den dicken Bademantel fester um die Schultern. Es ist ein kühler Herbsttag in Los Angeles, vom Meer zieht feuchte Luft. Unterm Frottee trägt sie den sexy schwarzen Einteiler, in dem sie sich gerade hat fotografieren lassen. Die Haut um die Augen ist wieder glatt und makellos, die Nase gepudert und fein.

Wir sitzen in der Villa Aurora, dem ehemaligen Heim des vor den Nazis geflüchteten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, der sich hier in den 1940er Jahren mit Bertolt Brecht, Thomas Mann und anderen Exilanten gegen den braunen Sumpf in der fernen deutschen Heimat verband. Das Haus der Feuchtwangers beherbergt heute junge Künstler-Stipendiaten – und ist jedes Jahr Party-Location für eine Abordnung von deutschen Kinomachern und Honoratioren, die sich beglückt die Sonne auf die winterblasse Stirn scheinen lassen, wenn im Februar die Oscars verliehen werden und mal wieder was Deutsches nominiert ist. Im Januar gibt die Academy die Kandidaten bekannt: Die Chancen stehen gut, dass Diane Kruger samt ihrem Regisseur, dem Hamburger Fatih Akin, dann wieder in der Villa antanzt und auf den Preis für den besten ausländischen Film hofft. Mindestens das. Vielleicht, so hoffen Kruger-Fans, ist sogar mehr drin.

Oscaranwärterin Diane Kruger: "Ich lebe meinen Traum!"

Diane Kruger, 41, fotografiert für den stern in Los Angeles in der Villa Aurora, dem einstigen Haus des Schriftstellers Lion Feuchtwanger

Diane Kruger gewann die Auszeichnung als beste Schauspielerin in Cannes

In "Aus dem Nichts" sind es Hitlers stumpfe Enkel, deutsche Neonazis, die das Leben der Heldin aus der Bahn werfen. Sie verliert durch einen Bombenanschlag ihren Mann, ihr Kind, ihren Frieden, ihren Lebensmut. Es ist ein Gewaltakt auf allen Ebenen: nämlich Akins drastischer, beinahe angewiderter Blick auf das deutsche Rechtssystem ebenso wie die Tour de Force seiner Hauptdarstellerin, die, wie sie selbst sagt, "gar nicht das Empfinden hatte zu spielen, sondern nur zu reagieren auf herzzerreißende Situationen". Als etwa ein Polizist ihr mitteilt, die Mordopfer, ihr Mann und Sohn, seien nicht mehr identifizierbar, da nur noch in Teilen vorhanden.

"Ich war am Schluss völlig fertig", sagt Kruger. Sie kauert mit angezogenen Beinen auf dem Sofa vor Feuchtwangers Bücherregal – gerade noch, vor der Kamera, eine glamouröse blonde Sphinx, jetzt wieder entzaubert durch die Erinnerung an die harschen Dreharbeiten vor einem Jahr in Hamburg. "Als die letzte Klappe fiel, musste ich mir den Film buchstäblich vom Leib halten. Endlich wieder zunehmen, ich war so dünn geworden, musste wieder aufhören zu rauchen. Weihnachten stand vor der Tür, meine Mutter brauchte mich: Mein Stiefvater war während der Dreharbeiten gestorben, dann ihre Mutter, meine Oma. Ich kam also von der Arbeit nach Hause, und da saß meine Mutter und war so entsetzlich traurig. Diese ganzen überwältigenden Gefühle waren vielleicht gut für den Film, aber für uns, für meine Mutter und mich, war es wirklich schlimm."

"Gibt es Leute in der Branche, die mich eine bitch nennen, weil ich den Mund aufmache, wenn mir etwas nicht passt? Absolut"

"Gibt es Leute in der Branche, die mich eine bitch nennen, weil ich den Mund aufmache, wenn mir etwas nicht passt? Absolut"

Als sie im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes "Aus dem Nichts" zum ersten Mal mit Publikum sah, wusste sie, dass sich die Tortur gelohnt hat. Sie war irre stolz. Sie gewann die Auszeichnung als beste Schauspielerin. "Es hat mir sehr viel bedeutet", sagt sie, "meinen ersten internationalen Preis für einen deutschen Film bekommen zu haben." Denn eines wollen wir mal nicht vergessen: Die Frau, die in Hollywood als "Da-jän Kruger" berühmt ist und als "Diann" im französischen Cinéma eine flotte Pariserin nach der anderen verkörpert, hatte in ihrem Heimatland bis dahin nicht einen einzigen Film gedreht.

Mitten aus Niedersachsen?

Konfusion erfüllt die einheimischen Medien schon bei der Ansprache ihrer global gefeierten und national nie so recht beanspruchten Landsfrau: Als "Da-jän" begrüßte sie kürzlich auch der Moderator der NDR-Talkshow und erkundigte sich, ob sie beim Dreh in Hamburg etwa gefremdelt habe. Knappe Antwort: "Ich komm' aus der Nähe." Das war nicht schnippisch gemeint: So klingt man halt im Norden.

Im Dorf Algermissen bei Hildesheim ("Provinz im liebsten Sinn des Wortes", sagt sie barmherzig) ist Diane Heidkrüger geboren; der Vater arbeitet in der Computerbranche, die Mutter bei der Bank. Als sie 13 ist, lassen sich die Eltern scheiden, mit 16 zwitschert die hübsche Tochter ab nach Paris: als Gewinnerin eines Model-Wettbewerbs, der ihr früh finanzielle Unabhängigkeit bringen wird. Harald Schmidt hat den Teenager damals in seiner Show zu Gast. Sie guckt scheu von unten, die blonden Haare in Wolken um den Kopf gebauscht. Ihre Mutter lasse sie nur nach Paris ziehen, wenn sie nicht auf Partys gehe, verrät sie. Und, forscht Schmidt, bist du brav? Grinsen, Augenaufschlag, jaaaaa, sagt sie. Denn nach Hause, so viel ist klar, will sie nicht.

In Interviews beschreibt Kruger ihre Kindheit oft als frustrierend. Ihr Vater hat Alkoholprobleme, Diane findet Ablenkung und Trost im Tanz: Jedes Jahr im Sommer darf sie nach London, um dort an der Ballettschule zu lernen. Eine Knieverletzung beendet den Traum, da kommt das Modeln gerade recht. Sie genießt die Reisen, trifft berühmte Models ("gegen Claudia Schiffer bin ich ein Zwerg"), freundet sich mit Mode-Größen wie Karl Lagerfeld an. Doch schon bald findet sie das Dasein als "Anziehpuppe" langweilig.

Diane Kruger (hier mit Denis Moschitto) spielt in „Aus dem Nichts“, von Fatih Akin, eine Mutter, deren Sohn und Ehemann bei einem Bombenanschlag von Neonazis getötet werden

Diane Kruger (hier mit Denis Moschitto) spielt in „Aus dem Nichts“, von Fatih Akin, eine Mutter, deren Sohn und Ehemann bei einem Bombenanschlag von Neonazis getötet werden

In Paris lernt sie nämlich Schauspieler kennen, geht viel ins Kino. Ihr Freund und späterer Ehemann Guillaume Canet hat die Schauspielschule Cours Florent besucht, wo auch Isabelle Adjani und Sophie Marceau gelernt haben. Dort schreibt sich Diane ein von dem Geld, das sie mit Modeln verdient hat. In Canets Regiedebüt "Bad, Bad Things" spielt sie die weibliche Hauptrolle, und prompt werden die französischen Kritiker auf sie aufmerksam. Es ist jedoch ein Deutscher in Hollywood, der Diane Kruger zum Weltstar pushen möchte: Für sein Epos "Troja" gibt Wolfgang Petersen der damals 26-Jährigen den Part der Helena, um deren Liebe bekanntlich ein Krieg entbrennt. Doch in der "New York Times" heißt es schnöde, Petersens Entdeckung sei "zu schön, um je eine ausschlaggebende Rolle zu spielen".

Was Diane Kruger bis heute für eine saublöde Bemerkung hält. Sie hat ihre Lehre daraus gezogen. Fortan meidet sie Rollen, die nurmehr Dekoration sind, "die Freundin vom Helden". Und: Sie liest keine Kritiken mehr.

Pariser Diva, aber amüsant

Die Scheidung von Canet im Jahr 2006 nimmt sie zum Anlass für Inventur. Sie ist 30 Jahre alt, bildschön, spricht drei Sprachen fließend, hat die Welt und deren Luxushotels gesehen. "Ich habe mir echt eingebildet, ich hätte was erreicht im Leben", bemerkt sie. "Aber dann habe ich gemerkt: Ich habe keine Ahnung von nichts."

Sie macht Therapie, lernt, dass sie raus muss aus dieser "Blase" von Bekanntschaften und Begebenheiten, die ihr nichts bedeuten. Sie hat den kanadischen Schauspieler Joshua Jackson kennengelernt, der ihr zeigt, dass Rucksackwanderungen in Neuseeland lustiger sind als Spa-Urlaube in Fünfsternehotels. Zehn Jahre sind die beiden ein Paar, im vergangenen Sommer haben sie sich getrennt. "It's my party, and I cry if I want to", schreibt sie melancholisch an ihrem 40. Geburtstag im Juli auf ihrem Instagram-Account. Während sie Jackson mit auf jeden roten Teppich nahm und gern über ihn sprach, ist sie mit dem Neuen zurückhaltender. Den "Walking Dead"-Helden Norman Reedus hat sie bei Dreharbeiten in Kalifornien kennengelernt. Sie gibt sich schweigsam.

Dabei ist sie gerade in US-Talkshows ein gern gesehener Gast – weil unteutonisch "easy going" und nicht auf den Mund gefallen. Kürzlich saß Da-jän auf dem Sofa von Stephen Colbert und erzählte, dass an französischen Filmsets in der Mittagspause Wein ausgeschenkt werde, worauf er ihr und sich umgehend einen Rosé eingoss und ihr herzhaft zuprostete. Denn weit attraktiver als ihre deutsche Herkunft finden Amerikaner ihre französische Lebensart. Wenn sie im Flugzeug ein Upgrade in die erste Klasse erschleichen wolle, fragte Colbert neckisch, mit welchem ihrer vielen Akzente charmiere sie am Schalter? Mais bien sûr mit dem französischen, gab Diann drollig zurück. "Uuuuh, s'il vous plaît, isch 'abe schon ganz geschwollene Füß, wollen Sie sehen?", und voilà, zückte sie verführerisch die tadellosen Ballerina-Stelzen.

Überhaupt ist sie amüsanter, als man von einer Pariser Diva so erwartet. Und nicht zimperlich. Sie würzt ihre Erzählungen gern mit Ausdrücken, die im US-Fernsehen überpiept werden müssen. "Gibt es Leute in der Branche, die mich eine bitch nennen, weil ich den Mund aufmache, wenn mir etwas nicht passt? Absolut. Ich kann sehr direkt sein. So what?!"

Mit sich selbst ist sie auch nicht delikat. Für ihre Rolle in "Aus dem Nichts" hat sie sich geradezu deglamourisiert. "Ich musste mich erst dran gewöhnen", sagt sie und lacht, "dass ich schlimmer aussah, wenn ich aus der Maske kam, als wie ich rein bin. Während des Drehs war mir das nicht wichtig. Nur einmal, da hatte ich einen Riesenpickel. Und Fatih so: Das ist aber geil! Da habe ich gestreikt. Du bist nicht auf der Riesenleinwand zu sehen, habe ich gesagt – der Pickel wird abgedeckt!"

"Je älter ich werde, desto klarer wird mir, was Glück ist."

Die beiden planen nun eine Serie über Marlene Dietrich, den vielleicht letzten deutschen Weltstar. Marlene habe sie schon immer fasziniert, sagt Kruger, sie sei so missverstanden worden.

Wie Kruger selbst?

Sie zögert. Manchmal habe sie das Gefühl, man nehme es ihr übel, dass sie ins Ausland gegangen ist. Sie zuckt die Achseln. "Ich lebe meinen Traum! Das hat nichts mit Orten zu tun – glücklich bin ich nicht, weil ich ein Haus in Paris habe. Glücklich bin ich, weil ich mit der Schauspielerei etwas gefunden habe, das mich ausfüllt. Es war nicht immer einfach, aber ich durfte und darf machen, was ich mir wünsche. Und je älter ich werde, desto klarer wird mir, was für ein Glück das ist."

Dennoch bleibt sie Außenseiterin, sagt sie, in Deutschland wie in Frankreich: "Nicht, dass ich mich unwohl fühle: Aber ich passe nirgends rein."

Wirklich nicht? Dabei ist Deutschland gerade ganz verliebt in seinen Re-Import. Der Beweis: Bislang hat noch kein Mensch gemosert, dass die Landestochter auf dem Weg nach oben einfach den guten deutschen Nachnamen halbiert und die Umlautpünktchen weggestrichen hat.

Die Franzosen? Ach, die haben sich Diann doch so genüsslich einverleibt, dass sie sie sogar in einem Krimi die Tochter von Catherine Deneuve, ihrem Nationalheiligtum, spielen lassen. So geschehen im vergangenen Jahr; Diane gibt zu, dass sie sich kaum traute, die Göttliche anzufassen.

Und Hollywood? Ach, wenn ihr sie liebt: Gebt ihr doch einfach den Oscar.