Interview zu "Letters from Iwo Jima" "Clint ist der Gott des Films"


Keine Frauen am Set, Dreharbeiten in einer staubigen Silbermine - mit Clint Eastwood zu filmen, bedeutet harte Arbeit. Im stern.de-Interview erzählen die beiden japanischen Hauptdarsteller Ken Watanabe und Kazunari Ninomiya über die Entstehung von "Letters from Iwo Jima".

Der japanische Schauspieler Ken Watanabe, 47, ("Last Samurai") ist nicht nur in seiner Heimat ein Star, sondern auch in Hollywood. In Clint Eastwoods Kriegsdrama "Letters from Iwo Jima" beeindruckt er in der Rolle des würdevollen Kommandeurs der japanischen Verteidigung General Kuribayashi. Die zweite Hauptrolle, den einfachen, tollpatschigen Soldaten Saigo, spielt der 23-jährige japanische Popmusiker Kazunari Ninomiya (Mitglied der Boyband "Arashi"). Beide Japaner machten bei den Dreharbeiten zu diesem außergewöhnlichen Film ganz neue Erfahrungen.

Was hat es für Sie bedeutet, mit Clint Eastwood zu drehen?

Kazunari Ninomiya: Ehrlich gesagt: Ich kannte Clint Eastwood vorher gar nicht. Ich bin kein großer Filmgucker: Ich habe in meinem Leben bisher höchstens zwanzig Filme gesehen, das meiste davon Animationen. "Letters from Iwo Jima" ist also wirklich ein untypischer Film für mich. Aber jeder hat mir gesagt: 'Clint Eastwood ist so etwas wie der "Gott des Films".' Also habe ich mich sehr gefreut, mit so jemandem zu arbeiten. Ken Watanabe: Das ist ein ganz besonderer Clint-Film. Sein Stil ist sowieso außergewöhnlich: wenig Proben, viel Vertrauen in die Schauspieler. Hier haben wir aber auch unsere Dialoge weitgehend selbst entworfen. Das erste Skript war ja auf Englisch. Daraus habe ich dann korrekte japanische Texte gemacht. Wir haben vorher viel recherchiert und diskutiert Clint, die anderen Schauspieler und ich. Clint hat uns wirklich sehr vertraut und uns viel Freiheit gelassen, unsere Figuren auszugestalten. Das ist eine große Verantwortung! Manchmal eine bißchen sehr groß...(lacht)

Wie haben Sie sich Ihren Filmfiguren genähert?

Ken Watanabe: Leider konnte ich keinen Überlebenden mehr fragen. Alle sind tot. Also habe ich viele Briefe von japanischen Soldaten und Berichte des amerikanischen Militärs gelesen. Das reale Vorbild für die Figur meines Generals hat einige Jahre in den USA gelebt, genau wie ich selbst. Das hat es mir leichter gemacht, mich in ihn hinein zu versetzen. Doch das Wichtigste war für Clint und mich: Wir wollten den General nicht als Held des Films präsentieren, sondern in erster Linie als Mensch. Kazunari Ninomiya: Ich glaube, dass es jemanden wie den Soldaten Saigo, den ich spiele, wirklich geben hat. Damals war es selbstverständlich, dem Land und dem Kaiser zu dienen und dafür auch sein Leben zu geben. Aber Saigo ist jemand, der sich denkt: "Vielleicht diene ich meinem Land letztendlich sehr viel besser, wenn ich überlebe und später erzählen kann, was passiert ist, als wenn ich mein Leben für dieses Land verliere." Ich bin sicher, dass es Leute gab, die wie er gedacht haben. Auch wenn die offizielle Philosophie damals eine andere war.

Viele Soldaten haben während des Krieges Selbstmord begangen, können Sie das nachvollziehen?

Kazunari Ninomiya: Ich kann beide Seiten verstehen, aber ich würde lieber weglaufen, genau wie mein Filmcharakter Saigo. Damit will ich nicht sagen, dass Weglaufen gut ist. Es gibt da eine Schlüsselszene im Film, in der der General sagt: "Wir opfern unser Leben, um unsere Familien in der Heimat zu schützen. Aber gerade wegen unserer Familien fällt es uns so schwer, zu sterben." Das zeigt ganz klar das Paradox des Krieges: Sobald man in die persönlichen Lebensgeschichten der Menschen eintauchst, weißt man einfach nicht, was man machen sollst. Als ich das verstanden habe, habe ich mich sehr, sehr unwohl gefühlt. Ken Watanabe: Heute sind die Leute nicht mehr so patriotisch, die Wenigsten würden wohl zu Handgranaten greifen, um sich in die Luft zu sprengen. Aber damals wurde man zum Patriotismus erzogen, er war wie eine Religion. Die Menschen haben total an den Kaiser und das Vaterland geglaubt. Natürlich kann man das heutzutage nur schwer verstehen, aber als Schauspieler muss ich mich da eben hinein versetzen, so war es eben.

Kannten Sie diese Geschichte vorher bereits?

Ken Watanabe: Nein. Vor diesem Film habe ich gar nichts von der Schlacht gewusst. Überhaupt nichts. Ich war genauso überrascht wie der Großteil des japanischen Publikums. Niemand hat etwas von dieser Tragödie gewusst. Es war wie ein Tabuthema. Eine gute Gelegenheit also, etwas über die eigene Geschichte zu lernen.

Ist es dem Amerikaner Eastwood gelungen, die japanische Perspektive glaubwürdig darzustellen?

Ken Watanabe: Auf jeden Fall! Auch wenn ich und manch anderer Kollege uns im Vorfeld etwas Sorgen gemacht haben - letztendlich hat Clint einen objektiveren Film gedreht, als es ein japanischer Regisseur hätte tun können. Ein Japaner wäre angesichts der damaligen Niederlage für unser Land sentimentaler und trauriger gewesen, aber Clint wollte einfach die Wahrheit und die tatsächlichen Fakten darstellen. Er wollte keine Helden porträtieren, sondern die Tragödie zeigen wie sie war.

Haben Sie am Originalschauplatz gedreht?

Kazunari Ninomiya: Nein. Nur Ken Watanabe hat einmal kurz auf Iwo Jima direkt gedreht - und der Toten dort gedacht. Er wollte den Menschen, die auf der Insel gestorben sind, seinen Respekt erweisen. Ansonsten haben wir in Kalifornien gedreht, in einer ehemaligen Silbermine. Es war so staubig! Und weil ich ja nur einen einfachen Soldaten spiele, stand ich die ganze Zeit im Dreck. Die Filmcrew hingegen hatte Masken - die hätte ich mir gerne mal ausgeliehen!

Wie war die Stimmung am Set? Sehr gedrückt?

Kazunari Ninomiya: Nein, die Atmosphäre war eigentlich ganz fröhlich. Ich konnte in meiner Freizeit auch einfach abschalten, das hat mich selbst total erstaunt. Was allerdings wirklich merkwürdig war und einzigartig: Es waren keine Frauen am Set! Es gab einfach nur Männer in diesem Film. Als das mal jemand ausgesprochen hat, wollten plötzlich alle eine Frau sehen. Das hat wirklich gefehlt! Also haben wir angefangen, über andere Filme zu sprechen, in denen wir mitgespielt haben: Liebesfilme... Und dann wollte jeder am liebsten sofort einen Liebesfilm drehen.

Interviews: Bianca Kopsch

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