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Jason Statham: Action, bitte!

Bullenköpfig, boxernasig, unrasiert: Der britische Schauspieler Jason Statham hat bisher vor allem als Haudrauf eine gute Figur gemacht. In "Bank Job" lässt er die Fäuste mal in den Taschen. Schade eigentlich.

Von Christine Kruttschnitt

Er weint gern im Kino. Er meidet Horrorfilme, weil er danach schlecht träumt. Und er gibt zu, am Boden zerstört gewesen zu sein, als seine langjährige Freundin ihn wegen eines anderen verließ. Jetzt fehlt nur noch, dass er Gedichte schreibt und mächtig stolz ist auf seine selbst gebackenen Obsttörtchen, und Jason Statham entpuppt sich als einer dieser Männer, die wir uns irgendwie erkämpft haben. Sensibel. Offen. Gefühlvoll. Unverkrampft. Unsere Mütter und Großmütter hätten für so was gemordet. Aber was machen wir Frauen in diesem neuen Millennium, das uns Coldplay, Ashton Kutcher und Jogi Löw darbietet? Verzeihen ihm das Gewinsel nach der Trennung. Überhören das Geflenne im Kino. Und sind froh, dass Jason Statham ansonsten durch und durch ein Gorilla ist.

Der Schauspieler - fast möchte man den Begriff in Anführungszeichen setzen, damit bloß niemand an Hamlet oder Oscar denkt - hat in einem Genre, das sich vorwiegend an Teenagerbuben mit hormonbedingten Aggressionsschüben richtet, eine verblüffend große weibliche Fangemeinde gefunden. Actionreißer wie "Crank" oder "Transporter" zählen zu jenen Zerstreuungen, über die man in der Öffentlichkeit so zögerlich spricht wie über Analfisteln und Achselgeruch. Aber in Zeiten ausufernder Feuchtgebiete fällt das Geständnis leicht: Jason Statham - bullenköpfiger, boxernasiger, unrasierter Rüpel in Produktionen, die man nur als Schweißfilme bezeichnen kann - gilt neuerdings als Sexsymbol. Denn eines muss man ihm lassen, wenn der Mann in Fahrt ist, ist er aufregender als das erste Lagerfeuer in Neandertalers Höhle.

"Cockney-Eastwood" oder "Eastender-Willis"?

In Fahrt ist er übrigens beständig, das ist sein Markenzeichen. Der Fan deutscher Automarken - er kurvt durch Los Angeles im nachtschwarzen Audi - hetzte innerhalb von zehn Jahren nicht nur durch 25 Filme, sondern rast auch in jenen von Action zu Action. Den "Cockney-Eastwood" haben sie ihn schon genannt, den "Eastender- Willis", weil der in London aufgewachsene Statham, 35, an die toughsten Kerle Hollywoods erinnert, die sich heute alle zügig dem Treppenlift nähern. Und der lokale Nachwuchs? "Wir wollten 'Crank' ursprünglich mit einem coolen jungen Amerikaner besetzen", sagten die Regisseure des Überraschungserfolgs von 2006, "aber die waren alle so weich." Rule, Britannia: Neben Bond-Darsteller Daniel Craig und dem Salon-Macho Clive Owen ist Statham nun der dritte Testosteron-Export aus dem Königreich, dem Hollywood dankbar die Kehle bietet.

"Meine Kumpels fragen sich heute noch, warum es ausgerechnet mich erwischt hat", sagt Statham an einem Sommertag in Los Angeles. Er hat ein Haus in den Bergen über dem Sunset Boulevard (ein weiteres in London), und er liebt Kalifornien, "so gute Luft, so gutes Essen". Sein britischer Akzent ist unüberhörbar, doch gezähmt, und er sagt weniger oft "fuck" als früher. Etwa zwei Millionen Mal weniger Pro Tag. Er ist hübscher im wahren Leben als auf der Leinwand, was daran liegt, dass er keine Schrammen oder Blutspritzer im Gesicht hat und überhaupt eine gewisse Liebenswürdigkeit ausstrahlt. Immerhin, der Mann war mal Model.

Liebestöter für den alten Herrn

Statham verdreht die grünen Augen. "Ich hab doch nur posiert für diese Klamottenfirma", sagt er. "Das macht mich kaum zu Claudia Schiffer!" Er war gut zehn Jahre lang Mitglied der britischen Nationalmannschaft im Turmspringen und landete bei den Weltmeisterschaften 1992 auf Platz zwölf. Beim Training fiel er den Werbeleuten einer Modefirma auf, er machte ein paar Aufnahmen und dann wieder den Absprung. Sport war und ist seine große Leidenschaft. Als er noch klein war, hatte sein älterer Bruder die Wände mit Bruce-Lee-Postern bepflastert und probierte gern neue Würfe am Junior aus, was in dem den verständlichen Ehrgeiz weckte, zurückzutreten. Statham liebt Kickboxen und "brasilianisches Jiu-Jitsu", surft in Malibu und joggt in den Bergen von Hollywood.

Sein Vater ist Sänger in Touristenbars auf den Kanarischen Inseln ("So eine Art Tom Jones", erklärt grinsend der Sohn, "nur dass sie dem sexy Minislips auf die Bühne werfen und meinem Alten Liebestöter!"). Die Familie ernährt hat Statham Senior aber jahrelang mit Straßenhandel: Er verramschte Stereoanlagen, Schmuck und Geschirr; Fragen über die Herkunft der Ware unerwünscht. Jason selbst stand oft vor Harrod's mit einem Samtkästchen, in dem allerlei Ringe und Ketten lagen, besorgt für ein Pfund, Passanten aufgequatscht für zehn.

Danke, Mister Madonna

Der Chef der Modefirma brachte ihn mit dem Regisseur Guy Ritchie zusammen, besser bekannt als Mister Madonna. Dem gefiel Stathams Straßenköter-Appeal, und er gab ihm 1998 eine Rolle in seiner Gaunerkomödie "Bube, Dame, König, Gras" ("Ich bin ihm ewig dankbar!"). Von da an rackerte und rackerte Statham, der stets seine Stunts selbst absolvierte und als "Transporter" weltweit fast 200 Millionen Dollar einspielte, bis er vor drei Jahren für die Fortsetzung erstmals eine Millionengage bekam. Er vergleicht Kassenerfolge mit schusssicheren Westen: "Davon hab ich jetzt ein paar, aber ich kann jederzeit noch abgeschossen werden."

Jetzt gerade hat er etwas echt Riskantes gewagt: Im Krimi "Bank Job" spielt er einen Kleinstganoven, der eine Lloyds-Filiale ausraubt und dabei in eine Staatsaffäre gerät. Knifflig für ihn, den Actionstar, ist hierbei, dass gar nicht viel Action verlangt wird. Sondern Schauspiel. Einmal muss er seiner Filmgattin gestehen, dass er eine Affäre hat, und da merkt man, dass der Mann überall am Leib vorzüglich trainierte Muskeln hat, bloß nicht im Gesicht.

"Ich habe selten Szenen mit Frauen", sagt Statham, immer noch Single, entschuldigend. Seiner Mutter zuliebe, die als Tänzerin mit dem singenden Gatten auftritt, würde er mal gern eine romantische Komödie versuchen. Was für Frauen halt. Aber die sind sich gar nicht sicher, wie sie das finden sollen. Jason Statham light, kommt das nicht kurz vorm Obsttörtchenbacken?

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