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Kino-Start: Wie der Fußball seine Unschuld verlor

Fußball überall wo man hinschaut: Der Kino-Film "Gib mich die Kirsche" lässt die deutsche Fußball-Vergangenheit höchst amüsant Revue passieren. Die umfangreiche Dokumentation zeigt wie Fußball wirklich ist - lebendig und volksnah.

So viel Fußball wie in den Wochen vor dem Weltmeisterschafts-Turnier von Mannschaften aus 32 Nationen, die zwischen Berlin und München um den Titel kämpfen, war in Deutschland noch nie. Auch der größte Fußballmuffel kann dem Rummel um das Großereignis des Jahres 2006 nicht entrinnen, dafür sorgen schon die Medien und die Kommerzialisierung der weitaus populärsten Sportart im Land des dreimaligen Fußball-Weltmeisters.

Auch das Kino nutzt die Konjunktur des runden Lederballes, wenngleich nicht immer so amüsant und aufschlussreich wie in der am 1. Juni auf die Leinwände kommenden Dokumentation "Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle". Die Regisseure Oliver Gieth und Peter Hüls haben sich die Frage gestellt: "Was kam nach dem Wunder von Bern?" 1954, als der erste WM-Titel eine noch von der Kriegsniederlage traumatisierte Nation so unverhofft glücklich machte, war Fußball in Deutschland noch Volkssport. Selbst die größten Helden von Bern wie Fritz Walter oder Helmut Rahn konnten damals nur vom Schulterklopfen begeisterter Fans reich werden.

Viel zu schmunzeln und zu lachen

Dass es nicht so blieb, dass heute Kickertalente Millionensummen kassieren können, das hängt entscheidend mit der Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 zusammen. Seit jenem Jahr hat sich der Fußball zu dem weit verzweigten Geschäft entwickelt, das er ist. Deshalb präsentiert die umfangreich und originell recherchierte Dokumentation auch jene an internationalen Erfolgen überreiche Epoche des deutschen Fußballs zwischen dem Bundesligastart 1963 und dem Gewinn des zweiten WM-Titels beim Turnier im eigenen Land 1974.

Es gibt viel zu lachen und zu schmunzeln bei diesem nostalgischen Rückblick auf einen Abschnitt der Sportgeschichte, der zugleich auch die Kulturgeschichte der Bundesrepublik jener Jahre widerspiegelt. Denn Fußball ist Massenkultur, damals noch mehr als heute. Das wird im Film auch durchaus angemessen reflektiert, wenn immer wieder Fans aus dem Volk ins Bild gebracht werden und zu Wort kommen. Doch natürlich sind die Hauptfiguren von "Gib mich die Kirsche!" die Lichtgestalten jener Zeit, also Seeler, Beckenbauer, Müller und Netzer.

Fußball - volksnah und lebendig

Gewidmet ist der Film gleichwohl zwei berühmten Fußballern, die von unten kamen, nie am Glamour der Medienprominenz teilhatten und die früh starben: Der Kaiserslauterer Verteidiger Werner Kohlmeyer aus der "Wunderelf" von 1954 und "Stan" Libuda, einst vergöttertes Flankengenie aus dem Ruhrpott. Kürzlich hat ein aktueller deutscher Nationalspieler seinen Beruf als Profi mit dem eines römischen Gladiatoren verglichen. Zwar wartet gewiss nicht der Tod auf die Männer in den kurzen Hosen, sondern Ruhm und jede Menge Geld. Aber der Absturz in die Bedeutungslosigkeit ist jederzeit möglich, die Fallhöhe viel größer. Was noch schwerer wiegt: Die Distanz zwischen den Akteuren und den Fans ist inzwischen riesengroß geworden. Das Leben der einen ist weit weg vom Alltag der anderen.

Das war zu Beginn der Bundesliga schon deshalb ganz anders, weil die Spieler - selbst so populäre Nationalhelden wie Uwe Seeler - noch einen Beruf ausüben mussten, um über die Runden zu kommen. Und damals konnte der junge Franz Beckenbauer ohne jede Verstellung in die Kamera sagen, er könne sich nicht vorstellen, nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn noch etwas mit Fußball zu tun zu haben. Warum und wie es ganz anders gekommen ist, zeigt der höchst empfehlenswerte Fußballfilm "Gib mich die Kirsche!". Wenn die Elf von Jürgen Klinsmann früh scheitern sollte, mag dieser Rückblick nicht nur trösten, sondern auch ein Hinweis sein, wie volksnah und wie viel lebendiger dieser Sport in Deutschland einst war. Mit etwas Wehmut verlässt der Besucher das Kino danach schon.

Weitere Informationen unter:

www.gibmichdiekirsche.de

Wolfgang Hübner/AP / AP