HOME

Kinostart von "Messner": Bergsteiger Reinhold Messner blickt zurück

Schon als Fünfjähriger bestieg er einen Dreitausender - die Lust auf hohe Berge ließ Reinhold Messner nicht mehr los. Nun blickt der Film "Messner" auf sein Leben zurück.

Alle 14 Achttausender, der Mount Everest als Erster ohne künstlichen Sauerstoff - und dann auch noch im Alleingang. Rekorde kennzeichnen das Leben von Reinhold Messner. Was trieb ihn? Der Film "Messner" geht auf die Suche nach den Gründen.

Vielleicht ist es das: Auflehnung gegen die bürgerliche Enge der Südtiroler Heimat - und gegen den allzu strengen Vater. "Für Reinhold ist Auflehnung ein Stück weit Inhalt", sagt der Psychoanalytiker Hans-Jörg Messner über seinen berühmten Bruder Reinhold, dem er zugleich eine "Lust an der Auflehnung" bescheinigt.

Der Filmemacher Andreas Nickel geht in seinem halbdokumentarischen Werk "Messner" auf die Suche nach den Gründen für Messners rastlosen Ehrgeiz, den unbändigen Willen und die unermüdliche Suche nach neuen Zielen.

Psychogramm mit neuen Nuancen und Details

Beeindruckende Aufnahmen schwindelerregend steiler Wände, faszinierende Ansichten schneebedeckter Berggipfel, an denen man sich kaum sattsehen kann. Himalaya, Alpen und das ewige Eis der Pole, dazu Songs von Bob Dylan - und Messner allein auf einem schneebedeckten Grat, verlassen und klein in der mächtigen Natur. Das sieht ein wenig pompös aus, war aber durchaus die Dramaturgie vieler seiner Abenteuer und Alleingänge, etwa am Mount Everest.

Nickel, der schon bei seinem ersten Film "Zum Dritten Pol" über das unter Hitler in die Schweiz emigrierte Bergsteiger-Paar Hettie und Günter Dyhrenfurth mit Messner zusammenarbeitete, lässt Brüder und frühere Gefährten wie Hans Kammerlander und Peter Habeler zu Wort kommen. Er zeichnet ein Psychogramm mit neuen Nuancen und Details.

Die Interviews mischt der Regisseur mit nachgestellten Szenen, etwa in Messners Heimatort Villnöß. Er zeigt Messners erste Bergtour als Fünfjähriger mit den Eltern auf den anspruchsvollen, gut 3000 Meter hohen Hauptgipfel der Geislergruppe - und die Begeisterung über den ersten Blick in die Weite jenseits des Tals. "Es ist meine größte Bergtour, wenn ich sie vom Verhältnis her nehme", sagt Messner.

Sein Vater demütigte ihn nach dem verpfuschten Abitur

Neun Geschwister sind es, mit Hilfe einer Hühnerzucht bringt der Vater als Dorflehrer die große Familie durch. "Wir wurden "aufgezogen"", sagt Messner. Der Vater provoziert seinen Widerstand. Die Wut über ungerechte Schläge, die sein Bruder Günther einstecken muss, schweißen die beiden zusammen. Gemeinsam versuchen sie der Enge und dem Zwang über des Bergsteigen zu entkommen. Messner fällt durchs Abitur. Gekränkt durch den Vater kehrt er dem Elternhaus - der "Geflügelfarm" - den Rücken.

Der Vater sei ein "strafender Vater" gewesen, ein "kritisierender Vater", sagt Hans-Jörg Messner. Er habe einen "grausamen Zug" gehabt und Reinhold nach dem verpfuschten Abitur gedemütigt.

Reinhold Messner erzählt, der Vater habe für Hitler-Deutschland optiert - er wollte eine "Italienisierung" der Familie vermeiden, zog dafür nach Russland in den Krieg. "Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass wir in der Familie eine offener Auseinandersetzung gehabt hätten." Doch die Eltern schwiegen - Auflehnung war die Reaktion der 1968er-Generation. Auch an den Wänden habe "Anarchie" geherrscht, sagt Messner. Seine Generation habe aufgehört mit dem Gruß "Berg heil" und mit dem Bergsteigen, das einen "Sieg" anstrebte.

Messner erzählt vor gigantischen sonnigen Gipfeln

Der Verlust seines Bruders Günther prägt Messners Leben. Bei der Nanga Parbat-Expedition 1970 erreichen die beiden gemeinsam den Gipfel. Irgendwo beim Abstieg kommt Günther um. Messner sagt, Günther sei in eine Lawine gekommen, während er selbst vorausging. Wie man sich in so einer Lage aus den Augen verlieren könne, sei "sehr schwierig verständlich", sagt sein Bruder Hubert.

Die kritischen Töne bleiben eher vorsichtig. Messner erzählt vor gigantischen sonnigen Gipfeln - und wenn es passt, darf es ein bisschen schneien, so dass sich Flocken auf das gegerbte Gesicht des Hauptdarstellers legen. In vielen Büchern hat er sein Leben schon geschildert, seine Alleingänge an schwierigsten Wänden, den Aufstieg zum Mount Everest ohne künstliche Sauerstoff mit Habeler. Andere haben sich mit seinem Leben befasst, Joseph Vilsmaiers "Nanga Parbat" geriet zum Heldenepos. Ganz ohne Heldenmythos kommt auch Nickel nicht aus: Er spielt an auf Sisyphos, der immer wieder einen Felsblock einen Hang hinaufrollen muss.

Erfrischend klar kommt Luis Trenker zu Wort: "Ein großartiger Bergsteiger, ein fabelhafter Techniker, intelligent, draufgängerisch, weiß was er will, alle Hochachtung! Auf der anderen Seite: Maßlose Eitelkeit, der Presse gegenüber zu viel Reklame, keine Ehrfurcht vor der Natur, glaubt nicht an den Herrgott - und das darf einem Bergsteiger nicht fehlen, das mag ich nicht. Jetzt wissen Sie's!"

jat/DPA / DPA