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"Promi Big Brother": Ein Missverständnis namens Pocher

Zu Beginn seiner Karriere galt er als talentierter Frechdachs. Doch seither geht es mit Oliver Pocher bergab. Seine Moderation von "Promi Big Brother" zeigt: Er ist dort angekommen, wo er hingehört.

Von Bernd Gäbler

Es war einmal ein junger Mann, der bei Hans Meiser ein Moderatoren-Casting gewann. Ein talentierter Frechdachs. Etwas später spielte er in "Sternenfänger" an der Seite von Nora Tschirner. Er entfaltete einen lausbübischen Charme. Manche sahen schon den nächsten Daniel Brühl heranwachsen. Aber Dreharbeiten fand er viel zu langwierig. Beim Film ging es ihm einfach nicht schnell genug. Und eigentlich hatte er auch keinen Sinn für Kunst.

Dann doch lieber Fernsehen. Er war schlagfertig und nicht auf den Mund gefallen. Und vor allem: Er hatte keine Angst. Das verschafft Präsenz. Der wendige kleine Kerl war zu allem bereit und hatte keine Scheu vor Peinlichkeiten. Ab und zu beleidigte er andere, was aber im Fernsehen nicht so schlimm wirkt, weil da vieles nicht ernst gemeint ist. Mit einem offenen Lachen unterstrich er seine Harmlosigkeit. Sogar bei einem Auftritt in "Wetten, dass ..?" konnte er sich so als vorwärtsdrängender Rotzlöffel gegen den alternden Spaß-Onkel Thommy profilieren. Auch Parodien bekam er ganz gut hin. Dabei spielte er mit dem Nicht-Perfekten. Wichtig war nur, dass man merkte, wer gemeint war. Das wirkte auf sympathische Weise pennälerhaft.

Dieses Talent trug Oliver Pocher in ungeahnte Höhen. Bald war er einer der Stars von ProSieben. Die älteren Herren in der ARD hielten ihn prompt für die Stimme der jungen Generation. Das führte ihn an die Seite von Harald Schmidt. Pocher sah darin eine Chance. Bald würde er in die erste Garde der TV-Schaffenden aufsteigen. Tatsächlich war es ein riesiges Missverständnis. Denn Oliver Pocher interessierte sich weder für intellektuelle Diskurse, noch für die Welt des Theaters und erst recht beschied er sich nicht mit einer Rolle als Lehrling des großen Harald Schmidt. Harald Schmidt aber ist keiner, der Gleichheit liebt, sondern andere in den Schatten stellt, erst recht wenn sie nicht bereit sind, ernsthaft und intensiv an sich zu arbeiten.

Wenn Talent allein nicht mehr trägt

Bei Harald Schmidt kam Oliver Pocher an den Punkt, an dem Talent alleine nicht mehr trägt. Der junge Himmelsstürmer stürzte ab. Was zum nächsten schlimmen Missverständnis führte. Der Alte habe ihn nur auflaufen lassen. Wenn man ihn alleine machen ließe, würde er das Feuerwerk einer entfesselten eigenen Late-Night-Show entfachen. Schließlich habe er auf einer Tournee als selbsternannter "C-Promi" sogar als Stand-Up-Comedian das Publikum begeistert. Jetzt könne er in einer eigenen Show auftrumpfen. Sichtbar wurde dann aber nur, dass Oliver Pocher - auf jeden Fall zu diesem Zeitpunkt - nicht in der Lage war, ein so anspruchsvolles Format zu füllen. Selbst den Witzen war anzumerken, dass sein Horizont über etwas Klatsch und Tratsch kaum hinausging. Seine Welt ist alles zwischen "Bunte" und "Kicker" - aber leider nicht viel mehr. Aber an einer eigenen Late-Night waren schließlich schon andere Kaliber gescheitert.

Oliver Pocher sah keinen Grund zur Einkehr. Seitdem versucht er allerlei, radikale Schlüsse zieht er aber nicht. Stattdessen versuchte er, sich für den Sender Sky zum Fußballreporter umzustylen - allein, den Fan nimmt man ihm ab, nicht aber die fachliche Expertise. Statt dann lieber erst einmal keine Show mehr zu machen, versucht er sich an einer Fußballshow. Auch für RTL macht er als Show-Master weiter ("Immer auf die Kleinen") und überzeugt nicht. Vielleicht täte ihm eine Pause gut? Auf jeden Fall wäre spätestens jetzt eine Wende hin zu ernsthafter Arbeit bitter nötig. Oliver Pocher könnte sich breiter informieren, bescheidener auftreten, es vielleicht sogar als richtiger Schauspieler versuchen.

Der Absturz

Stattdessen macht er immer weiter. Am Freitag war das traurige Resultat zu besichtigen. Mit "Promi-Big Brother" will Sat.1 alles so machen, wie RTL es mit dem "Dschungelcamp" vorgemacht hat. Gemeinsam mit Cindy aus Marzahn bildet Oliver Pocher das Moderatorenpaar. Für das "Dschungelcamp" waren vor allem die herbe Sonja Zietlow und der inzwischen verstorbene Dirk Bach stilbildend. Ihre ebenso eloquenten wie herablassend hämischen Kommentare zu den armen Wichten, die sich da als Kandidaten im australischen Kunst-Dschungel abmühten, konnten auch als ironische Selbstspiegelung des gesamten Trash-Formats verstanden werden.

Auf Sat.1 war von solch einer Meta-Ebene weit und breit nichts zu spüren. Alles war zu groß, zu laut, zu geklaut, zu unironisch. Trash wurde als bare Münze genommen. Total künstlich wirkte der angefachten Hype. Und Oliver Pocher? Machte brav alles mit, wirkte 1:1 eingepasst in dieses öde Format. Hier und da begleitete er die traurigen Gestalten, die unter großem Getöse in einer endlos zähen Sendung in das Haus einzogen, mit den erwartbaren Bemerkungen: Marijke Amado befragte er zum Heiratsschwindler, Martin Semmelrogge zum Knast, Jenny Elvers fragte er nach dem Vater ihres Sohnes, der ja auch einst im Big-Brother-Container einsaß. "So schließt sich der Kreis", sagt Pocher - und es wirkte, als gelte das auch für ihn. Vielleicht ist er nur da angekommen, wo er immer schon hingehörte.

Kaum noch hob er sich ab von den Kandidaten, die irgendwo aus "Berlin - Tag & Nacht", weiblichen Millionärsjägereien oder von den hinteren Plätzen von "DSDS" rekrutiert wurden. Als eine Sarah Joelle Jahnel "angezickt" sagte, wollte er ein "f" gehört haben - Pocher ist sich wirklich für keine müde Pointe mehr zu schade. Am Sonntag wedelte David Hasselhoff mit einem Huhn vor der Kamera herum, von Jenny Elvers hieß es, sie wolle der Welt nun zeigen, dass sie ein anderer Mensch geworden sei, während sich Martin Semmelrogge nackt unter der Dusche präsentierte. "Guter Typ", "hervorragend" oder "So, das hätten wir", sagt Pocher. Ohne Ambitionen erledigt da einer seinen Job. Da ist nichts mehr von "Sternenfänger".