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500. Folge von "Maybrit Illner": Die Talk-Lady von Berlin-Mitte

Maybrit Illner moderiert ihre 500. Sendung. Vor zwölf Jahren startete sie als ZDF-Alternative zu Sabine Christiansen. Längst hat sie sich aber zur eigentlichen Talk-Lady von Berlin-Mitte gemausert.

Von Bernd Gäbler

Das ist schon was im schnellen Fernsehleben: 500 Talk-Sendungen - solch eine Kontinuität schaffen nur wenige. Maybrit Illner, deren Sendung erst seit dem 14. März 2007 auch ihren Namen trägt, kommt zu Gute, dass sie sich stets als politische Journalistin begriff und sich davon auch nicht abbringen ließ, als der TV-Talk die Programme schier überflutete. Es begann im Oktober 1999. Der Sendungstitel "Berlin Mitte" war Programm: Im Zentrum dieser Gesprächssendung sollte die Politik stehen, so wie sie mitten in der Hauptstadt gemacht und beredet wurde. Da gab es am Sonntag im Ersten längst schon "Sabine Christiansen" und zwar überraschend erfolgreich.

Dem ZDF fiel ein, dass es seit der sang- und klanglosen Beerdigung von "Tacheles" drei Jahre zuvor gar keinen Talk mehr im Programm hatte und berief die forsche Chefin des Morgenmagazins an die Rede-Front. Seitdem sendet sie ausdauernd Donnerstag für Donnerstag ihre "Berliner Runde". Aus der dunkelhaarigen Christiansen-Alternative ist längst die einzig verbliebene souveräne Lady des Haupstadt-Talks geworden.

Die politische Journalistin

Maybrit Illner, die noch zu DDR-Zeiten an der roten Kaderschmiede in Leipzig den Journalisten-Beruf erlernte und auf den letzten Drücker als 23-jährige Studentin der SED beitrat, begann ihre TV-Karriere im Sport, tat sich nach der Wende im ZDF bald als forsche Interviewerin und unorthodoxe Moderatorin am frühen Morgen hervor, übernahm später die Leitung der Morgensendung und ab 1999 eben auch den Talk. Sie hat zäh und unermüdlich an sich gearbeitet und sich durchgebissen. Das große Talent vor der Kamera war rasch sichtbar: Stets wirkte sie hellwach, schlagfertig und schnell. Man konnte zusehen, wie ihr Selbstbewusstsein wuchs. Heute agiert sie mit größter Souveränität und lässt sich erst recht von keinem bedeutenden Alpha-Mann die Butter vom Brot nehmen.

Dabei ist sie in ihren TV-Auftritten ihrem Image stets treu geblieben: Sie ist und bleibt eine politische Journalistin. Trotz des Talk-Booms ist sie nicht der Versuchung erlegen, nebenbei auch noch allerlei Quiz-Sendungen mit Kindern, "personal talks" über Patchwork-Familien oder Promi-Biathlon zu moderieren. Stattdessen ist sie in Nachfolge von Steffen Seibert in das Team des "heute-journals" eingestiegen. Gleich zu Beginn hatte sie da etwas Pech. Eine Hausdurchsuchung bei Telekom-Chef René Obermann, ihrem zweiten Ehemann, war zu vermelden - sie sagte die Moderation ab. Inzwischen ist sie die einzige Beschäftigte im Gewerbe des TV-Talks, die auch noch im Geschäft mit den seriösen Nachrichten zu sehen ist.

Sie öffnet den Talk, aber nicht für jeden Blödsinn

Wie die anderen Talker auch hat Maybrit Illner ihre Sendung im Laufe der zwölf Jahre permanent optimiert. Der parteipolitische Streit ist dabei unbedeutender geworden. Dennoch sind bei ihr die Politiker nicht zur Randgruppe mutiert wie in so vielen anderen Talks, die von sich ebenfalls behaupten, sie seien "politische Gesprächssendungen". Sie hat die Art der Einspielfilme relativ ungeniert von Plasberg geklaut, sich durch Youtube und Facebook um ein jugendlicheres Image für ihre Sendung gekümmert und zuletzt das Studio modernisiert. Wie in anderen Talkshows auch ging es zuletzt fast monothematisch um den Euro. Ansonsten sind bevorzugte Themen: Alter/Rente, Burn-out und Papst-Besuch.

Dazu kommen immer wieder Medizinthemen, Pflegenotstand und Fragen zur sozialen Durchlässigkeit der Gesellschaft. Das entspricht angeblich der "Lebenswirklichkeit" der Menschen, sichert tatsächlich aber meist nur gute Quoten bei der zumeist etwas älteren Zuschauerschaft. Meist aber ist Maybrit Illner tatsächlich um Politik bemüht und selbst, wenn sie - wie im Falle von Papst-Besuch und Euro-Rettung - beileibe nicht die erste oder gar einzige war, die darüber talken ließ, waren ihre Sendungen nicht überflüssig. Energisch war sie auf Erkenntnisse aus.

Neuerlicher Schub in Richtung Unterhaltung

Die ARD hat ihre einzelnen Sendungen durch die Talk-Fülle entwertet. Seit der Sommerpause antworten die Talk-Protagonisten Frank Plasberg, Sandra Maischberger und Anne Will darauf mit einem neuerlichen Schub in Richtung Unterhaltung. Plasberg übt humorfrei mit dem Sänger Peter Kraus den Hüftschwung; Sandra Maischberger lässt sich von Lady Ray Bitch erklären, was Sex ist und Anne Will quält sich mit dem "Big Brother"-Teilnehmer Jürgen Milski ab. Plötzlich quasseln RTL-Stars aller Couleur - egal ob Moderatorin, Restaurant-Tester oder aufgespritzte Multimillionärin - zu jedwedem Thema im Ersten irgendwie mit. Maybrit Illner hat diesem Trend zum Trash widerstanden. Da ist schon Markus Lanz vor, der im ZDF seit längerem erfolgreich jenes regenbogenfarbene Gerede betreibt, dem einige ARD-Talker jetzt nachzueifern trachten.

Zwar gab es auch bei Maybrit Illner Ausrutscher: So wollte sie am 12. Mai die Frage: "Wird der Euro in Griechenland begraben?" unbedingt mit "Deutschlands bekanntestem Griechen" beraten. Dieser lebe in Köln und Athen, sagte die Moderatorin. Nein, er lebe in Köln und sei in Thessaloniki geboren, antwortete Hermes Hodolides. Nie gehört? Er spielt den Vasily Sarikakis in der "Lindenstraße". Und das ist eine der größten Idiotien im deutschen Talks-Gewerbe: Ständig müssen Schauspieler in ihrer Rolle über Sachthemen debattieren.

Auch Illner macht diesen Blödsinn gelegentlich mit. Andererseits hat sie aber auch immer wieder interessante Mitspieler für die Talk-Maschinerie neu entdeckt. Einst war der junge Attac-Aktivist Sven Giegold so eine Entdeckung. Heute ist er ein gesetzter Abgeordneter der Grünen im Europaparlament. Auch am 12. Oktober gab es bei "Maybrit Illner" eine Überraschung. Da sprach plötzlich als Gast aus dem Publikum ein selbstsicherer junger Mann klar, druckreif, präzise und dennoch authentisch empört, dem man die eingeblendete Altersangabe "20 Jahre" nur des Äußeren wegen glaubte. In wenigen Minuten bei "Maybrit Illner" wurde Wolfram Siener zum Gesicht und zur Stimme der deutschen "Occupy"-Bewegung. Auch für solche Momente ist Maybrit Illner gut.

Das Pendant zu Jauch

Maybrit Illner dosiert ihre Interviews. Lieber spricht sie mit der "Zeit" als mit der "Bunten". Im Hamburger Wochenblatt lautete eine Frage: "Senden Sie drei Tage vor oder vier Tage nach Günther Jauch?" Sie antwortet, es sei wie in einem Karussell. Die Frage behagt ihr. Vor kurzem noch sah es so aus, als werde sie ständig mit Plasberg, Will und Maischberger verglichen. Jetzt ist nur noch Günther Jauch ihr Maßstab und Pendant. Sie ist die heimliche Siegerin der absurden ARD-Programmpolitik.

Während im Ersten viele Talks um denselben Kuchen streiten, zieht sie - davon relativ unbehelligt - weiter ruhig ihre Bahn. Jauch wirkt oft harmlos, sie gelegentlich zu bemüht nachsetzend. Jauch wirkt zuweilen etwas ungelenk, sie sonnt sich zu sehr in verbalen Manierismen und skeptischem Minenspiel. Vor allem aber: Maybrit Illner lenkt und leitet das Gespräch. Wenn es schlecht läuft, artet das aus in Abfragerei. Läuft es aber gut, dann schafft sie es tatsächlich, einen argumentativen Austausch hinzubekommen. Das ist schon relativ viel in Zeiten der Talk-Überschwemmung.