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TV-Kritik zu "Anne Will": Talkshow auf Niedrighirnniveau

Es sollte eine Diskussion über Mindestlohn und den Linkskurs von Angela Merkel werden. Doch stattdessen unternahmen FDP-Generalsekretär Christian Lindner und CDU-Politikerin Kristina Klöckner mit einem bizarren Streit eine Sightseeingtour durch die ideologischen Abgründe der Regierungskoalition.

Von Björn Erichsen

Wer einen Eindruck bekommen wollte, in welchem erbärmlichen Zustand sich die schwarz-gelbe Regierungskoaliton befindet, musste am Mittwochabend nur ein paar Minuten bei "Anne Will" reinschauen. Beim Reizthema "Mindestlohn" fielen Julia Klöckner, CDU-Fraktionsvorsitzende in Rheinland-Pfalz, und FDP-Generalsekretär Christian Lindner verbal übereinander her wie zwei hungrige Hyänen. Zur Sache kommt wenig, stattdessen verlieren sich die beiden in Wortklaubereien darüber, ob es sich beim CDU-Vorschlag nun um eine "staatlich festgelegte Lohnuntergrenze" handelt oder nicht. Klöckner hat angesichts der vagen Pläne ihrer Partei nicht viel mehr als Satzstanzen zu bieten, doch Lindner gibt sich auch nicht die geringste Mühe sie zu verstehen: "Sie können anscheinend ihr eigenes Konzept nicht erklären", stichelt der erklärte Mindestlohngegner, und Klöckner feuert zurück: "Wir sind halt eine Volkspartei und haben einfach mehr Stimmen als die FDP." Peng, so infantil sieht sie aus, die Regierungswirklichkeit im Jahr 2011.

Während Angela Merkel zum nächsten Euro-Krisengipfel nach Cannes gejettet war, fegte man bei "Anne Will" den "historischen" Kanzlerinnen-Vorstoß vom Wochenende zusammen: "Merkel auf Linkskurs - Kommt jetzt auch noch der Mindestlohn?" lautete der Titel. Doch die doppelte Fragestellung wurde zum Rohrkrepierer, da weder Billiglöhne noch Parteistrategie vernünftig diskutiert wurden. Ohnehin schien die Runde mit Heiner Geißler, dem Springer-Journalisten Ulf Poschardt, sowie Lindner und Klöckner auf der einen, und der Linken-Politikerin Sevim Dagdelen auf der anderen Seite eine starke Schieflage im bürgerlich-konservativen Lager zu haben. Allerdings geht Geißler, spätestens seit seiner Mitgliedschaft bei Attac, irgendwie als assoziierter Linker durch. Und vermutlich hat die Redaktion bei den Einladungen die natürlichen Selbstzerfleischungskräfte im Regierungslager bereits einkalkuliert.

Man kann gemütlich in Richtung Kühlschrank trotten

Von beiden Streithähnen machte Klöckner die weitaus schlechtere Figur. Ständig hatte sie "etwas klarzustellen", und redete sich dabei derart in Rage, als wolle sie sich vom Mainzer Landtag mit aller Macht zurück in die Bundespolitik brüllen. Kurze Sätze sind ihre Sache nicht. Doch für den Zuschauer hat das natürlich auch Vorteile: Man kann gemütlich in Richtung Kühlschrank trotten, wenn Klöckner wieder einmal einen ihrer Sätze mit "also nochmal jetzt" beginnt. Das Ausmaß dieses entfesselten Verbal-Orkans, lässt sich am besten dadurch beschreiben, dass man vor der Mattscheibe irgendwann Mitleid mit Christian Lindner bekam. Und das ist nun wirklich so abstrus, dass man es tatsächlich gleich nochmal schreiben muss: Mitleid. Mit Christian Linder.

Unterdessen arbeitete Heiner Geißler nach seinem Publicity-Erfolg als Schlichter für Stuttgart 21 weiter an seiner Lieblingsrolle als Elder Statesman. In der Diskussion ist der 81-Jährige für die grundsätzlichen Fragen zuständig: Warum in Deutschland "insgesamt was schief läuft bei der Lohnpolitik" oder warum die Mindestlohn-Debatte nicht in das klassische Rechts-Links-Schema passt ("Für Linksradikale ist jemand rechtsradikal, wenn er morgens pünktlich zur Arbeit kommt"). Das erzählt er ausführlich und sogar ungefragt. Geißler, der ewige Generalsekretär, wirkt dabei wie ein Helmut Schmidt im Westentaschenformat, allerdings ohne dessen scharfsinnige Analysen. Und während der eine die Eurokrise seziert und Kanzlerkandidaten kürt, macht sich der andere Gedanken darüber, wie viel wohl ein Haarschnitt bei einem Friseur in Thürigen kostet.

"16 Euro für Waschen, Schneiden, Legen" verrät Sybille Hain, Friseurmeisterin aus Erfurt, die es tatsächlich mal kurzzeitig schafft, Konsens im Studio herzustellen: Denn die 3,82 Euro, die Hain ihren Angestellten zahlt, finden dann doch alle ein bisschen wenig, sogar Lindner, auch wenn noch "30 Prozent Umsatzbeteiligung und Trinkgeld hinzukommen." Einen Mindestlohn lehnt die 60-jährige Landesinnungsmeisterin jedoch zunächst strikt ab, weil sie dann angeblich ein Viertel ihrer Leute entlassen müsse. Es klingt wie auswendig gelernt - und im Laufe der Sendung fällt ihr dann auch kein Grund mehr gegen die Lohnuntergrenze ein, als sie erfährt, dass die Billigkonkurrenz im Laden nebenan ebenfalls an den Mindeslohn gebunden wäre.

Am Ende wenigstens noch ein Lacher

Bei der wilden Diskussion, bei der kaum jemand mal etwas sagen konnte, ohne dass ein anderer "Stimmt nicht" rief, hielt sich Anne Will merklich zurück. Man kann der Moderatorin durchaus vorwerfen, nicht zu einem frühen Zeitpunkt für Faktenklarheit gesorgt zu haben. Ein paar deutliche Worte zum Inhalt des CDU-Vorstoßes und schon spart man sich 25 Minuten leidige Debatte. Einen echten Lacher hatte Anne Will dann doch noch: Nämlich, als ihr auffiel, dass sowohl Lindner als auch Geißler von der Regierungskoaliton nur noch in der Vergangenheitsform sprachen. Es war einmal Schwarz-Gelb ...