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Die Medienkolumne: Die Rollen der Veronica Ferres

Ferndiagnosen zum Liebesleid des Ehepaars Ferres wollen wir nicht anstellen. Aber auch die Wahl der Rollen sagt etwas aus über den Menschen Veronica Ferres. Ein Streifzug durch ihre Filmfiguren - von der ländlich-naiven Muse bis zum kuhäugigen Muttertier.

Von Bernd Gäbler

Liebesleid. Veronica Ferres ist eine öffentliche Person. Also wurde auch die Trennung von ihrem Ehegatten, dem Werbemanager Martin J. Krug, öffentlich kundgetan: in der handelsüblichen PR-Prosa ("Nach langen Überlegungen, nach vielen Gesprächen und auch nach vielen Stunden gemeinsamen Schweigens..."). Die wahren Ursachen sind unklar, folglich tat sich ein weites Feld auf für Vermutungen und Ferndiagnosen. Gegenüber der "Bildzeitung" fiel dann ein überraschender Satz: "Vielleicht waren wir zu viel für andere da und hatten zu wenig Zeit für uns selbst." Da steckt sich jemand die glänzende Feder überragender Selbstlosigkeit an den eigenen Hut. Das wirkt nicht sympathisch. Zumal sich der Eindruck aufdrängt, in der Beziehung Ferres-Krug sei Eigennutz keineswegs zu kurz gekommen.

Es muss ja nicht gegen die Liebe sprechen, wenn sie zusätzlich fundiert ist durch wechselseitigen Nutzen. Jedenfalls ist Veronica Ferres, seit sie im Jahr 2001 schnell und fast heimlich den arrivierten Werbe-Manager Martin J. Krug heiratete und dieser sich zugleich ihrer Vermarktung annahm, zu einer Schauspielerin geworden, die mit jeder Hauptrolle maximale Reichweite erzielte und sich zugleich als universelle - von Kosmetika bis zum Mobiltelefon reichende - Werbefläche anbot. Niemand kann in das Herz und die Seele von Veronica Ferres schauen, aber wie sie diese Parallel-Entwicklung als Schauspielerin und "Werbe-Ikone" bewerkstelligte und was dabei aus ihrem künstlerischen Anspruch wurde - das ist durchaus zu analysieren.

Als hüllenlose Muse betritt sie die Bühne

Furios betritt die etwas zu groß und etwas zu ungelenk geratene junge Schauspielerin in Helmut Dietls Presse-Satire "Schtonk!" (1990) die Bühne öffentlicher Wahrnehmung. Die Rolle der ländlich-naiven Muse des von Uwe Ochsenknecht gespielten Fälschers scheint ihr, die noch heute alle Kartoffelsorten auseinander halten kann, auf den prallen Leib geschrieben. Hinzu aber kommt eine grandiose "Entpuppung": Hüllenlos hat sie Modell zu stehen für einen vermeintlichen Eva-Braun-Akt. Aus dem Land-Ei ist die deutsche Projektionsfläche für Sinnlichkeit geworden. Privat wird sie die Gefährtin des Regisseurs.

Schneewittchen, Loreley und Superweib

Fast schon gemein besetzt dieser sie dann in der nächsten, diesmal auf die Filmschickeria zielende Satire "Rossini" (1996). "Schneewittchen" ist tollpatschig und kann gar nichts, wäre aber so gerne eine glamouröse Schauspielerin. Ihr unbedingtes Ziel ist es, die "Loreley" zu spielen, die blonde Verführerin aller Deutschen. In Dietls TV-Satire "Late Show" (1999) bekommt sie den unterirdischen Namen "Maria Keller" und muss als Lebensgefährtin des in die absurde TV-Umlaufbahn geschossenen Talk-Masters Hannes Engel (Thomas Gottschalk) lediglich Bodenhaftung signalisieren und den Gegenpart geben zu allen Verlockungen von Medienglamour und Vermarktungsglück. Es ist eine ihrer letzten Nebenrollen. Auch die Beziehung zu Helmut Dietl endet.

Vorher schon war die populäre Frauenliteratur auf den Plan getreten. Deren Bestseller wurde risikolos verfilmt. Der neuen Symbiose von Sinnlichkeit und frisch errungenem weiblichen Selbstbewusstsein schenkte Veronica Ferres von nun an Gesicht und Körper. Die Namensgebung "Franziska Herr" für dieses "Superweib" (1995) ist kein Zufall. Es regierte das Kunsthandwerk. Seitdem ist Veronica Ferres in allen Schichten populär und steigt auf in die höheren Ränge der "Bussi-Gesellschaft".

Versuche mit der Kunst

Solche Rollen wie das "Superweib" kann sie. In ihr bohrt aber wohl ein größerer künstlerischer Anspruch. Als Heinrich Breloer "Die Manns" dreht, kann sie ihn in der Rolle als Nelly Kröger, der alkoholkranken Geliebte von Heinrich Mann, erfüllen. Sie spielt extensiv, fällt nicht ab im wunderbaren Ensemble mit Armin Mueller-Stahl, Monika Bleibtreu, Sophie Rois, Sebastian Koch und Jürgen Hentsch. Mit ihnen bekommt sie den Grimme-Preis 2002. Andere "künstlerische" Versuche dagegen gehen gründlich schief: "Die Braut" (1999) mit Herbert Knaup in der Hauptrolle ist einer der schlechtesten Goethe-Filme aller Zeiten. Veronica Ferres spielt die Christiane Vulpius so wie sich Klein-Fritzchen Sinnlichkeit vorstellt. Schrecklich eindimensional gerät ihr auch die Emilie Föge, die Muse und platonische Liebe des Gustav Klimt (2006). Allerdings muss sie in dem drögen Biopic auch neben John Malkovich bestehen. Dann doch lieber wieder Hauptrollen!

"Courasche oder Gott lass' nach" - Ferres trifft eine Entscheidung

Lange schwankte Veronica Ferres: Sollte sie sich künstlerisch weiterentwickeln oder lieber immer wieder auf Nummer sicher gehen und in reichweitenstarken TV-Movies die stets gleiche Rolle der sich kämpferisch behauptenden Frau geben? Wenn sie über ihre Rollen sprach, tat sie dies stets identifikatorisch. Völlig anders als etwa Julia Jentsch oder Nadja Uhl betonte sie nie die professionelle Differenz zwischen Person und Rolle, sondern praktizierte, wozu sie auch die Zuschauer einlud: lieber mitfühlen als verstehen.

Im Jahr 2006, längst schon mit dem sie vielfach ins Rampenlicht schiebenden Werbe-Manager Martin J. Krug verehelicht, traf sie dann eine wichtige Entscheidung. Extra für sie hatte der umtriebige Chef der Ruhrtriennale Jürgen Flimm ein Stück beim sprachkünstlerischen Autor Wilhelm Genazino in Auftrag gegeben. Sie mag bei "Mutter Courage" an eine couragierte Mutter gedacht haben und war entsetzt als sie erfuhr, die Hauptfigur sei eine Hure, die in einem Wohnwagen haust. Eine solche Rolle zu spielen sei, so erklärte sie wörtlich, "mit ihrer künstlerischen Integrität" nicht vereinbar. Oh je! Welch ein Missverständnis! Man könnte sie ja für eine Hure halten! Banaler wurde selten eine Entscheidung gegen die Kunst und für den Mainstream begründet. Der Rundum-Vermarktung hat dies nicht geschadet.

Ganz bei sich selbst: Das kuhäugige Muttertier trotz dem Totalitären

Auch dem Erfolg tat diese Entscheidung keinen Abbruch. Mit "Neger, Neger, Schornsteinfeger" (2006) und "Die Frau vom Checkpoint-Charlie" (2007) feiert sie TV-Triumphe. Sie gibt dem Volk, was es sehen will. Sie macht es dem Publikum leicht. Nicht eine Sekunde lang spielt sie gegen das Klischee an. Eigentlich spielt sie in beiden Filmen dieselbe Rolle: Als kuhäugiges Muttertier wächst die Frau über sich selbst hinaus und trotzt allen totalitären Systemen. In vielfachen TV-Auftritten untermauert sie dies auch noch argumentativ. Ach, wenn es nur so einfach wäre! Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität tritt sie künstlerisch auf der Stelle.

Neues Leben - neue Kunst?

In der Szene der Film- und TV-Produzenten ist es jetzt fast "common sense", dass Veronica Ferres selbstverständlich nichts kann, aber eigenartigerweise zu unfassbarer Identifikation einlädt und Maximalquoten garantiert. Wer jetzt noch an sie glaubt - wie dies ganz stur zum Beispiel der "Teamworx"-Chef Nico Hofmann tut - ist fast isoliert. Mit ihm und ihrem Noch-Gatten als Ko-Produzenten dreht sie gerade in Südafrika den "Öko-Thriller" "Der Gesang der Wale", was mächtig nach Mainstream-Kitsch klingt. Mal sehen, wie sie da die Welt rettet. Vorher aber soll sie in der Adventszeit in einem Dreiteiler als "Patin" - natürlich eine Mutter, die ihre Familie rettet, nachdem ihre Welt aus den Fugen geriet - noch für RTL gute Quoten holen. Dann kann sie ihr Leben neu sortieren. Vielleicht liegt darin ja eine Chance, endlich einmal wieder etwas anderes zu spielen als nur das gewohnte Bild von sich selbst. Ob sie es wagen wird?