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Medienkolumne zu "Gottschalk live": Frage, Werbung, Antwort

Für ihren Vorabend wollte die ARD einen großen Star - den größten hat sie bekommen. Sie wollte mehr Werbung - das hat geklappt. Nur das Eigentliche, den Sinn einer Sendung, hat sie vergessen.

Eine Analyse von Bernd Gäbler

Am Ende flehte Thomas Gottschalk sein Publikum an, ihn morgen doch bitte wieder einzuschalten. Schließlich kämen Franz Beckenbauer und ein Eisbär-Baby. Das war keine souveräne Ironie. Es war traurig. Zwar sollte man nach einer ersten Sendung Milde walten lassen, aber die Fehler dieser Premiere, die den Betrachter mitleiden ließ, waren struktureller Natur. Sie resultierten aus dem, was die ARD in Auftrag gegeben hat.

1. Das Star-Prinzip

Die ARD wollte für ihre schwierige Sendezeit unbedingt einen großen Star verpflichten. Mit Thomas Gottschalk hat sie den populärsten Entertainer eingekauft - und sich darauf verlassen. Er begann seine erste Sendung nicht einfach, sondern erklärte erst einmal langatmig, was und wie sie sein sollte. Dann gab es eigentlich nur ein Thema: Thomas Gottschalk. Ob es um Paparazzo-Fotos, Nicolas Cage, einen von der Knallpresse angedichteten polnischen Cousin oder die Trennung von Heidi Klum und Seal ging, immer zeigte da einer: "Ich bin ein Star ...". Die Sprache des tatsächlichen Stars ist das understatement. Hier bespielte sich einer permanent selbst.

Das Missverständnis, das sich im Trailer schon andeutete ("Er kennt die Welt und die Welt kennt ihn") setzte sich in der Sendung fort. Der Trailer wiederholte den Fehler, den schon Johannes B. Kerner vor Jahren machte, als er zum ZDF ging. Er ließ sich "Jay-Bee-Kay" nennen und tat, als hätte Kennedy persönlich dem ZDF eine Gnade erwiesen. Jetzt moderiert Thomas Gottschalk eine Sendung, deren Zweck darin besteht zu demonstrieren, dass es der ARD gelungen ist, Thomas Gottschalk zu verpflichten.

Dabei brachte der erste Tag noch ein Geschenk des Himmels. Gottschalk hatte versprochen, über das zu plaudern, was viele bewegt, aber nicht für die "Tagesschau" taugt. Die Trennung von Heidi Klum und Seal war so ein Thema. Also hätte aller Gedankenschmalz darauf verwendet werden müssen, zu überlegen, was und wie die Sendung mehr oder anderes bieten könnte als "brisantleuteheutetaffexclusiv" zuvor. Sie bot: Gottschalk hat einst Heidi Klum entdeckt. Gottschalk kennt sie immer noch. Gottschalk hat sie auch schon besucht. Gottschalk war mit ihr auf einem Kostümfest. Seal nennt Gottschalk "Mr. Gottschalk". Gottschalk hat mit Vater Günter Klum telefoniert. Gottschalk hofft, dass die Ehe seines Sohnes hält. "Relevanz und Haltung" hatte die Redaktion versprochen. Darum gab Gottschalk das altväterliche Biedermeier zum Besten, zwei Leute im Showgeschäft - das könne nicht gutgehen.

2. Das Prinzip Werbung

Die Stunde, in der auch öffentlich-rechtliche Sender ausgiebig werben dürfen, wollte die ARD aufmöbeln. Mehr und teure Werbung soll so akquiriert werden. Dabei soll Gottschalk helfen. Das ist gelungen. Allerdings wurde die Werbung so ungeschickt eingesetzt, dass ein Gespräch mit dem Studiogast - das zweite erkennbare Sendungselement außer Gottschalk selbst - unmöglich wurde. Der stets aufmerksame Michael "Bully" Herbig war geeignet, der Sendung etwas Ruhe und Erdung zu verpassen, wurde aber in zehn Minuten dreimal unterbrochen. Ein Gespräch geht anders.

Aber Gottschalk hatte ohnehin kein Interesse an der Person. Einmal lobte er dessen Schauspielkunst im neuen Film - das war es dann aber auch. Denn das Prinzip Werbung griff doppelt. Die Redaktion hatte versprochen, die Gäste nicht einfach für den nächsten Film/Buch/CD werben zu lassen. Herbig war da, um für den Dietl-Film "Zettl - unschlagbar charakterlos" zu werben. Darin spielt er die Hauptrolle. Auch Armin Rohde wird nur kommen, um für seinen Mittwochs-Film "Alleingang" in der ARD zu werben.

Die ARD hat bekommen, was sie bestellt hat

Vom Star-Prinzip und von der Werbung ist der neue Vorabend der ARD getrieben. Da ist der berühmteste TV-Moderator, ein Studio mitten in Berlin, das zugleich Wohnzimmeratmosphäre verbreiten soll, eine aufs Populäre spezialisierte Produktionsfirma und moderne Facebook-Twitter-Technik. Die ARD hat die besten Mittel für die Kommunikation bereit gestellt, aber leider vergessen, was sie uns damit eigentlich sagen will. Ganz vage war die Rede von einer "Happy Hour", von Themen, die zwischen "brisant" und "Tagesschau" lägen.

Das aber ist das Schwierigste. Nicht umsonst ist die deutsche "Vanity fair" gescheitert. Es gibt kaum etwas zwischen "Bunte" und "Spiegel" - vielleicht die "Huffington Post". So etwas verlangt aber viele journalistische Ideen zu Themen und deren Umsetzung. Bei "Gottschalk live" fehlten sie. Nun loben alle, wie toll und engagiert sich der alte Haudegen Thomas Gottschalk selbst in die redaktionelle Arbeit einbringt. Aber er ist ein Moderator, kein Redaktionsleiter. Ihm fällt vor allem ein, sich selbst zu bespielen. Hinter den Kulissen braucht er ein starkes Gegenüber, das ihn davon abbringt.

Die ARD hat bekommen, was sie bestellt hat. Sie sollte daraus lernen, dass gutes Medien-Management die Aufgabe hat, auch konzeptionell eine Vorgabe zu entwickeln. Ein Star allein und ganz viel Werbung - das macht noch keine Sendung.