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Wulff gegen Gauck gegen Lammert: Wer ist der bessere Präsident?

Zum Tag der Deutschen Einheit liefert sich die Politik einen Redner-Wettstreit. Präsident Wulff läuft Gefahr, dass seine Rede zwischen denen von Joachim Gauck und Bundestagspräsident Lammert untergeht.

Von Bernd Gäbler

Sage niemand, die Deutschen seien geschichtsvergessen. Sogar das Fernsehen ist zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit von diesem Ereignis durchdrungen. Kein Genre wird ausgelassen. Neben klassischen Dokumentationen zur Stasi in ARD und ZDF gab und gibt es das TV-Movie ("Westflug -Entführung aus Liebe", RTL), eine hochwertige Serie ("Weissensee", ARD) sogar ein Quiz ("Quiz der Deutschen", ARD mit Frank Plasberg) und eine "Deutschland-Revue" (ARD). Gekrönt wird der TV-Erinnerungs-Marathon von der Ausstrahlung des Oscar-gekrönten großen Kinofilms "Das Leben der Anderen" (ARD) am Sonntag.

Fast noch interessanter aber wird sein, wie das Fernsehen die politischen Live-Acts zum Festtag darbieten wird. Welche redaktionellen Entscheidungen werden getroffen? Wer darf live auf Sendung gehen? Welche Reden werden uns nur in der Zusammenfassung dargeboten?

Diese Frage ist interessant, weil keineswegs hinter den Kulissen, sondern auf offener Bühne anlässlich dieses Jahrestags ein wichtiger Wettstreit ausgetragen wird: Wer ist der wahre Bundespräsident?

Wulffs Sandwich-Rede in der Provinz

Der eigentliche staatliche Festakt findet am 3. Oktober um 12 Uhr mittags in Bremen statt. So ist es seit Jahren üblich: Die Einheitsfeiern tragen im Wechsel die Bundesländer aus. Vermutlich hat keiner vorher genau gezählt, jetzt ist ausgerechnet das kleinste Bundesland beim runden Geburtstag dran. Die ARD überträgt live. Aber eben aus der Provinz. Dieser Festakt in der Bremen-Arena ist nichts Geringeres als die erste große Bewährungsprobe für den noch recht frisch amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff.

Wie kritisch man auch immer sein bisheriges Wirken beurteilen mag, fest steht schon jetzt: Er ist nicht aus sich selbst heraus stilsicher und hat bisher noch keine bedeutende Ansprache gehalten. Seine Rede am 3. Oktober soll die erste werden. Sie steht unter hoher Erwartung und scharfer Beobachtung. Gewiss, Wulff hat den Amtsbonus auf seiner Seite, da ist ihm zumindest anständiger Beifall gewiss. Er muss aber auch einige Nachteile einkalkulieren: Als begnadeter Rhetor ist er bislang nicht auffällig geworden, eher knödelte er mit zu heller Stimme in norddeutsch-dialektaler Färbung seine Textbausteine herunter. Zu leicht lässt er sich zu banalen Sätzen verlocken oder gibt sich mit Trivialitäten zufrieden. Jetzt darf man nur hoffen, dass er zwei, drei ambitionierte Ghostwriter beschäftigt hat, die ihm keine Binsen als Grundsätze zur gesellschaftlichen Integration aufgeschrieben haben. Die größte Schwierigkeit für Wulff liegt aber in der Konkurrenz: Er hält eine Sandwich-Rede.

Gauck spricht in Berlin

Wenn der Bundespräsident ans Rednerpult tritt, wird der Maßstab für eine bewegende Rede zur Deutschen Einheit längst gesetzt worden sein. Bereits am Vorabend nämlich spricht Joachim Gauck, der Bundespräsident der Herzen, in Berlin zum gleichen Thema. Das ist sein Lebensthema. Freiheitspathos kann er durch die eigene Person beglaubigen. Er kann sogar Freude und Dankbarkeit einfordern, ohne dass dies als halb-beleidigte Bitte der politischen Klasse an das Fußvolk wirkt. Sein Reden ist geschult am Duktus der evangelischen Predigt. Er kann eindringlich sein, analytisch und prägnant. Jedwede Konkurrenz zum amtierenden Bundespräsidenten wird er selbstverständlich weit von sich weisen, dafür in der Sache umso deutlicher als der Bessere zu erstrahlen.

Auch Lammert redet in Berlin


Aber nicht nur vor, sondern auch nach Christian Wulff gibt es noch eine Grundsatzrede - von einem weiteren Verfassungsorgan. Bundestagspräsident Norbert Lammert will den Tag nicht vergehen lassen, ohne selbst eine Rede in den Ring geworfen zu haben.* Als müsse Berlin sein Misstrauen gegenüber dem kleinen Bundesland Bremen noch manifestieren, tut er dem dortigen Präsidenten des Senates und Bürgermeister im Range eines Ministerpräsidenten, Jens Böhrnsen, einen besonderen Tort an. Der amtierende Bundesratspräsident Böhrnsen hatte in Berlin als interimistisches Staatsoberhaupt selbstlos und unauffällig ausgeholfen, damit die Zeit zwischen Köhlers Rücktritt und Wulffs Wahl ohne Peinlichkeit über die Bühne gehen konnte. Als solle er jetzt wieder auf seinen Platz in die hintere Reihe verwiesen werden, hat Bundestagspräsident Lammert am Tag des offiziellen Festaktes in Bremen nach Berlin ins Parlament geladen. Ein gut ausgebuchter Politpromi-Shuttle-Verkehr zwischen der kleinen Hansestadt an der Weser und der Hauptstadt an der Spree steht bevor.

Vom Reichstag berichtet abends das ZDF. Auch Norbert Lammert kann reden. Von den drei konkurrierenden Rednern zur Einheit ist er der intellektuellste und der einzige, der sogar das Stilmittel der Ironie beherrscht. Wie ein Löwe kämpft er immer dann, wenn es gilt, sein Parlament zu verteidigen: gegen die Talkshow-Demokratie, gegen zu wenig TV-Übertragungen, gegen die Absicht, es bei der Laufzeitverlängerung von AKWs zu übergehen. Aber ob das ausreicht, um im Rhetorik-Dreikampf zum Zentralthema der Deutschen den vorderen Platz zu belegen?

Für Christian Wulff aber ist es ein langer Weg, sich in der Bevölkerung nachträglich die gesellschaftliche Legitimation zu erstreiten, die ihm die Wahl in der Bundesversammlung alleine nicht eingebracht hat. Noch nie gab es zu einem so frühen Zeitpunkt einer Amtsperiode des Bundespräsidenten so offen ausgetragene Konkurrenz, auch wenn sie so - aus Respekt vor dem Amt - selbstverständlich nicht genannt werden darf. Sonst fühlt sich womöglich bald schon wieder einer beleidigt.

* Der Sprecher des Bundestagspräsidenten weist daraufhin, dass es sich bei der Rede, die Norbert Lammert in der Tat am Abend des 3. Oktober in Berlin halten werde, mitnichten um eine "Grundsatzrede" handele. Vielmehr werde der Bundestagspräsident Norbert Lammert eine "etwa fünfminütige, einordnende Begrüßungsansprache" halten. Zwischen den Verfassungsorganen gebe es diebezüglich einvernehmliche Absprachen.