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Neuer Tagesthemen-Moderator: Der Anti-Wickert

Er wirkt immer noch wie der nette Junge von nebenan. Handfest, belastbar, ohne Allüren - Tom Buhrow, bisher ARD-Studioleiter in Washington, ersetzt nächstes Jahr Ulrich Wickert bei den Tagesthemen.

Von Katja Gloger, Washington

Wie er halt so ist. Da steht er in seinem Studio in Washington, draußen strahlt die Novembersonne, man macht Fotos von ihm, den ganzen Vormittag schon. Ein Hochglanz-Männermagazin will über ihn berichten. Kinn höher, Mund zu, leichtes Lächeln, die Grübchen. "Das ist ja alles ganz neu für mich", feixt er. "Was ich hier sage, soll ganz spontan klingen. Ist es aber nicht." Natürlich nicht.

Natürlich überlegt sich Tom Buhrow jeden Satz, jede Pose genau, seit er eine Personalie ist. Buhrow, der Neue bei den Tagesthemen. "Anchorman" der ARD, ihr Aushängeschild. Also liefert er die Komplimente, ganz spontan, vorsichtig nach Buhrow-Art. Selbst ein Lob muss man ihm abringen. Die Tagesthemen? "Absolute Spitzensendung! Ein Traumjob!" Was er besser kann als der Kleber vom ZDF? "Claus kann alles besser!" Die ARD-Schleichwerbungsskandale der letzten Zeit? "Kann ich nichts zu sagen." Er wird sich hüten.

Beinahe ein Anti-Wickert

Tom Buhrow also, 47, Leiter des ARD-Studios in Washington, seit gut zwölf Jahren Auslandskorrespondent, fast zehn Jahre davon in den USA. Er sieht immer noch so aus wie der Junge von nebenan, einer, mit dem man Klingelpütz spielt. Der Anzug könnte aus Studentenzeiten stammen, die Schuhe leicht abgelatscht, die Krawatten langweilig-biederblau. Beinahe ein Anti-Wickert. Kein Glamour, kein Ritter der französischen Ehrenlegion, keine Kulturgeschichte französischer Käsesorten, kein eitles Getue. Diesen Mann kann man sich in Badelatschen am Garten-Grill vorstellen.

Der nette Junge von nebenan

Dieser Mann steht in Badelatschen am Garten-Grill – und zwar gern. So wie er sich begeistert zum alljährlichen Halloween-Grusel verkleidet, in diesem Jahr als Piraten-Skelett. Verheiratet mit der Journalistin Sabine Stamer, zwei Töchter, elf und acht Jahre alt, dazu Coco, der Hund. Die Möbel eher von Ikea, das Auto eher schrammelig. Er ist wohlgelitten, "a nice guy". Gehört zu den glücklichen Menschen, die eigentlich jeder mag. Selbst Präsident George W. Bush wollte nach einem Interview noch mit ihm über die Deutschen plaudern. Außerdem ist er so unglaublich nett, dass es fast unheimlich ist. Jedes „Oh, hallo“ klingt so erfreut, als habe er den ganzen Tag nur auf diese eine Begegnung gewartet. Dieser Mann will gut Freund sein mit der Welt.

Klassische Journalisten-Karriere

Er wuchs in Siegburg auf, sein Vater kaufmännischer Angestellter, die Mutter Hausfrau, ein kleinbürgerliches Leben, er wollte raus in die Welt. Immerhin hatte er zwei Jahre an einer Highschool in den USA verbracht. Er machte sich einen Plan, mit dem er sich die Zukunft erobern wollte: Zunächst das Geschichtsstudium, dann der Journalismus. Und er arbeitete seinen Plan ab. Jobbte bei der Lokalzeitung, studierte in Bonn, bewarb sich um ein Volontariat beim WDR in Köln, landete dort beim Regionalfernsehen. Hatte vor 17 Jahren seinen ersten Auftritt als Moderator im Dritten Programm. Dort durfte er nach Mitternacht einmal die letzten Nachrichten verlesen. „Ich fühlte mich sofort wohl in diesem Studio“, sagt er. "War wohl irgendwie mein Ding."

Sein Motto: einfach Fragen stellen

Seine Chefs riefen ihn noch in der Nacht an. Der Buhrow war für alle Einsätze gut, er war belastbar, keine Allüren, handfest. Ein Teamplayer. War das, was man „eine Bank“ nennt. Stets respektvoll, aber nie devot und parteipolitisch nicht zuzuordnen. 1994 kriegte er einen der Korrespondenten-Posten in Washington, die der WDR im Wechsel mit dem NDR zu vergeben hat. Dann schickte man ihn nach Paris und vor vier Jahren erneut nach Washington, diesmal als Studioleiter. Er sendete wie der Teufel: Der Irak-Krieg, Bush, die Wahlen. "Man muss einfach Fragen stellen", sagt er. "Es geht nicht darum, wer mehr weiß, wer Recht, wer die bessere Pointe hat. Als Journalist muss man die notwendigen Fragen stellen, sonst nichts. Und die Politiker, vom Volk gewählt, haben eine Auskunftspflicht. So ist das hier." Er blieb cool auch im Chaos.

Buhrow bleibt auch im Stress cool

Einmal brach während einer Sendung die Tonverbindung nach draußen ab. "Ich hätte schmeißen können", sagt er, "oder konnte es als Chance begreifen." Er sendete, sechs Stunden lang live. Und bis heute bedankt er sich brav, wenn ihn jemand auf einen Fehler aufmerksam macht. Das meint er ernst. So arbeitete sich Tom Buhrow in die Köpfe der ARD-Intendanten. Saß selbst den smarten NDR-Delling aus, die Wickert-Urlaubsvertretung des vergangenen Sommers, über die so viel spekuliert wurde. Der NDR-Delling wird jetzt sein Ersatzmann, vielleicht auch, weil er ziemlich ins Gerede kam wegen angeblicher Nebentätigkeiten.

Wenn Tom Buhrow erzählt über seine Karriere, dann hört es sich so an, als sei sein Leben eine Aneinanderreihung von Glücksfällen gewesen. Doch man kann ganz sicher davon ausgehen, dass er sich sein Glück geangelt hat, beharrlich und geduldig. So wie er sich nach oben gearbeitet hat, kompetent und glaubwürdig. So wie er seit Jahren Moderator der Tagesthemen werden wollte. "Ist ja irgendwie mein Ding", sagte er einmal.

Selbstdisziplin durch Marathon-Läufe

Tom Buhrow ist ein Glücksfall für die ARD. Keine fragwürdigen Nebenjobs, keine anstößigen Vertragskonstruktionen, kein böses Getratsche, noch nicht 'mal fiese Komplimente. Die schlimmste Kritik? Er kann nicht "Nein" sagen. Zieht ein entschiedenes "Jein" vor. Ist nicht hart genug. Will zu viel Nestwärme. "Ich bräuchte einen bad guy, der die schlimmen Dinge erledigt", sagt er über sich. "Zur Selbstdisziplinierung" trainiert er für Marathon-Läufe, hat drei absolviert. Vor allem aber hat er das, was nur Wenige in diesem Job haben: Bildschirmpräsenz. Er liebt den Auftritt im Studio. Die bleierne Stille dort. "Die Konzentration auf die kommenden Minuten. Dann fällt alles ab. Dann bin nur noch ich verantwortlich. Ganz allein ich. Und das gibt mir ein echt gutes Gefühl."

Größter Coup: das Interview mit Mick Jagger

Amerika hat ihn geprägt, und wenn alles gut geht, bringt Buhrow ein Stück vom guten Amerika mit zurück. "Freundlich, hilfsbereit und vor allem unvoreingenommen", so beschreibt er die Amerikaner. "Wir Deutschen urteilen doch viel schneller. Wir sind manchmal herablassend. Die Amerikaner sind viel offener." Er erlebte, wie sich die Sicht der Deutschen auf Amerika geändert hat. Noch vor ein paar Jahren, zur Zeit des Internet-Booms, da musste er berichten, was die Deutschen lernen könnten von Amerika. "Und dann kam Bush. Doch der polarisiert ja auch in seinem eigenen Land. Knapp die Hälfte aller Amerikaner hat ihn nicht gewählt."

Sein Größtes? Gespräche mit US-Präsidenten, Bundeskanzlern, Ministern? Ach nee. Sein Interview mit den Stones. "Da saß ich, Tom Buhrow aus Siegburg und befragte Mick Jagger. Es war unglaublich." Sein wahrer Held aber ist Bob Dylan. Seit er 15 ist. Er hat alle Platten, kennt alle Texte auswendig. Seine Lieblingszeile? "Bitte stehen Sie nicht auf, meine Herren, ich bin nur auf der Durchreise." Tom Buhrow lacht, und er schwört, er habe sich das nicht überlegt.