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Oliver Stones "W": George W. Bush allein zu Haus

Die Erwartungen an "W", Oliver Stones Film über den scheidenden US-Präsidenten George W. Bush, waren hoch. Aufklären sollte das Porträt, sogar die Wahl im November beeinflussen. Doch der Film scheitert, hinterlässt in den USA ein ratloses, zuweilen verärgertes Publikum.

Von Giuseppe di Grazia, New York

Am Anfang füllt das große, weiße "W." die schwarze Leinwand. Es steht für den Titel des Films, es steht für "Dubya", wie George W. Bush in den USA nur noch verächtlich genannt wird. Es steht auch für Who? und für Why?, also für "Wer ist dieser George W. Bush wirklich? Und "Warum hat er das alles getan?" Am Ende des Films sieht man wieder dieses "W." aufleuchten, und nach 131 Minuten ist nur eines klar geworden: George W. Bush bleibt weiterhin ein Rätsel.

Bushs Amtszeit endet nach acht Jahren im Januar. Sein politisches Erbe, darin sind sich Journalisten, Historiker und Politologen einig, ist nicht zu retten. Sein Platz in der Geschichte wird ganz unten sein, er gilt als der schlechteste Präsident, den die USA je hatten. Selbst seine Partei geht auf Distanz zu ihm. Auf dem letzten Parteitag der Republikaner in St. Paul/ Minnesota wurde Bush nur per Videoschaltung eingespielt. Es sollten bloß keine gemeinsamen Bilder von ihm und dem Präsidentschaftskandidaten John McCain geben. Das hätte McCain nur Sympathien gekostet und Stimmen.

Eine tragische Figur

Bushs Beliebtheit liegt bei 24 Prozent, ein historisches Tief. Der Mann hat sein eigenes Ansehen und das seines Landes ruiniert, er ist fertig. Er ist eine tragische Figur. Also ein Filmstoff. Und man dachte: Da, wo alle Chronisten der Zeit, all die Buchautoren bei der frühzeitigen Einordung des Politikers und Menschen George W. Bush enttäuschen, würde ein Regisseur wie Oliver Stone Erfolg haben. Doch auch Stone scheitert.

Er hat in den vergangenen Jahren mit "JFK" und "Nixon" spannende, kontroverse Präsidenten-Filme abgeliefert. Bei diesen Filmen hatte Stone eine politische Botschaft, die zog er gnadenlos durch, egal, ob die Fakten stimmten oder nicht, ob seine Verschwörungstheorie für den Kennedy-Mord abstruser war als alle bisherigen zusammen. Aber er hatte zumindest einen eigenen Blickwinkel, einen eigenen Standpunkt. "W." dagegen enthüllt nichts, bietet keine neue Sicht auf die acht Jahre von George W. Bush. Und das Schlimmste: Der Film ist auch noch langweillig, manchmal sogar ärgerlich. Und, wie das "Time Magazine" befand: Er berührt die Zuschauer nicht. Er weckt keine Emotionen. Ein Vorwurf, der einen Regisseur-Berserker wie Stone am härtesten treffen wird.

Nicht mal ein müdes Lächeln

Stone erzählt die Geschichte des 43. Präsidenten der USA in zwei Erzählsträngen: Der eine beginnt mit dem jungen, trinksüchtigen und herumtreibenden Bush in Yale und endet mit dem geläuterten und "wiedergeborenen Christen" Bush als Gouverneur von Texas Mitte der 90er Jahre. Der andere beschäftigt sich mit den Vorbereitungen der Irak-Invasion.

Wenn Stone von den Runden im Inner Circle des Regierungsteams erzählt, kann er sich nicht entscheiden, was er möchte. Manchmal kommen diese Szenen daher wie eine Satire, manchmal wie eine gespielte Dokumentation. Manchmal beides zusammen, aber nie überzeugend. Vor allem die damalige Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice wird zur Streberin ohne eigene Meinung karikiert. Eine Witzfigur. Das reicht im New Yorker Publikum nicht mal zu einem müden Lächeln. Das hat man hier in den USA schon zu oft gesehen und, ehrlicherweise, auch besser: in Comedy-Shows wie "Saturday Night Live". Packend ist da nur Richard Dreyfuss, der spielt den Vize-Präsidenten Dick Cheney, das wahre Gehirn von Bush, mit einer Genauigkeit und Schärfe, die einen gruseln lässt. Es ist das Flüstern von Dreyfuss, das die wahren Bedrohungen ausmachen. Bush entscheidet sich am Ende für den Krieg im Irak und den Sturz von Saddam Hussein, obwohl es genügend Bedenken gibt, obwohl es nicht ausreichend Beweise für Atomwaffen im Irak gibt, obwohl vielleicht die wahren Absichten der USA die wichtigen Ölreserven in der Gegend sind. Bush, so muss man bei Stone, denken, wollte das Richtige, das Gute, aber er scheiterte. Es wird aber gar nicht in Frage gestellt, ob es überhaupt das Richtige und Gute war. Stone zeigt Bush im Vorfeld der Irak-Invasion als eine andere Art Gotteskrieger.

Wie er zu dem wurde, zeigt Stone aber nicht. Die Rückblenden zu Bushs Anfängen gehen nicht tief genug, um den Charakter und die Person von W. zu entdecken. Bush war ein Trinker. Er versagte in jedem Job, den ihm sein Vater George Bush, Präsident Nummer 41, besorgte. Und so ist fast jede Szene geprägt von Alkohol und dem ständigen Versuch des Sohnes, seinen übermächtigen Vater zu beeindrucken, der zu ihm immer nur sagt: "Du enttäuschst mich, Du enttäuschst mich zutiefst." Schnell wird klar, was Stone als zentrales Motiv für seinen Film gefunden hat: das ödipale Drama der Bushs. Es sind dann auch die stärksten Momente des Films, weil sie die intensivsten sind, wenn auch etwas klischeehaft. Eines Abends kommt Bush junior wieder betrunken nach Hause, und er fährt die Mülltonnen über den Haufen. Dieses Mal hat er nicht aus Frust getrunken, er feiert seine Aufnahme an der Harvard Business School. Er kommt ins Haus, der Vater schimpft, es kommt fast zu einer Prügelei. Am Ende verpasst der Alte dem Jungen den K.o., ohne ihn zu berühren, allein mit Worten. Er verkündet der Familie und Bush junior, wer tatsächlich hinter dessen Zulassung in Harvard steckt: Er, Poppy, der alles kann, sogar seinen Versager von Sohn nach Harvard bringen.

Und selbst, wenn W. doch etwas allein schafft, wenn er sogar vor seinem Bruder Jeb, dem Liebling der Familie, Gouverneur wird, schenkt ihm der Vater keine Anerkennung, Aufmerksamkeit, geschweige denn Zuneigung. Der alte Bush denkt am Tag der Amtseinführung von George an seinen anderen Sohn Jeb. W. ist verstört, er fragt ihn: "Warum bemitleidest Du Jeb, warum freust Du Dich nicht für mich?" Josh Brolin spielt George W. Bushs Verletzheit in diesen Situationen so überzeugend, dass man Mitleid mit W. bekommt. Das liegt aber allein an Brolin, nicht an Stone. Denn der zeichnet den Vater mit Sympathie. Der Kriegsheld George Bush ist Stone, dem Vietnam-Krieger, näher als der Harvard-Student. Dabei waren W. und Stone zur selben Zeit in Yale. Stone zog allerdings nach einem Jahr in den Vietnamkrieg, W. drückte sich vor dem Vietnam-Einsatz. Dank Poppy.

Epiphanie beim Joggen

Guantanamo, der Folterskandal in Abu Ghraib, das Versagen beim Hurrikan Katrina in New Orleans - das alles fehlt komplett in diesem Film. Stone konzentriert sich auf die Vater-Sohn-Geschichte, die alles erklären soll, es aber nicht tut. Was machte den Erfolg des Politikers W. aus? Wie kam er überhaupt nach oben? Und wie konnte er sich dort halten. Und warum W. zu Gott findet, soll man sich bei einem morgendlichen Lauf denken, bei dem man Bush nach einer Alkoholnacht keuschend und fast kollabierend durch den Park rennen sieht. Eine Erleuchtung ist das nicht. Der Film sollte eine Abrechnung mit Bush sein, zumindest wurde er in den USA so angekündigt. Es wurde erwartet, dass diese Abrechnung die Wahl des nächsten Präsidenten beeinflussen könnte. Das wird dieser Film bestimmt nicht. Er bedient nur die, die sowieso gegen Bush sind, wenn überhaupt. Stone sagte in einem Interview, er wollte die Person Bush greifbar machen, seine psychologischen Tiefen ergründen und zeigen, wie sich daraus sein Handeln als Präsident ergab. In der ersten Szene des Films sieht man Bush in einem leeren Stadion, wie er einen Baseball fängt, mit Mühe, aber er fängt ihn. Am Ende die gleiche Szene, aber dieses Mal fliegt kein Ball an, keiner wirft ihm mehr einen Ball zu. W. ist allein. Hilflos. Ratlos. So wie der Zuschauer.